Frauen leiden oft mehr als Männer unter Haarausfall

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Bei nahezu allen Formen von Haarausfall sollte eine genaue ärztlich Untersuchung der Betroffenen nebst Lebensführung und Lebensumstände erfolgen.

Die tägliche Gesamthaarproduktion repräsentiert eine ­beachtliche metabolische Leistung, die durch zahlreiche Einflüsse gestört werden und es zu Haarausfall kommen kann. Die häufigste Form ist die androgenetische Alopezie – androgenetischer Haarausfall –, die laut WHO-Definition eine Erkrankung darstellt.

Die äußere Erscheinung eines Menschen wird zwar grundsätzlich von den anatomischen Gegebenheiten bestimmt, den ersten Eindruck vermittelt jedoch im Allgemeinen der Zustand der Haut und ihrer Anhangsgebilde. Im Folgenden sollen die Kopfhaare und ihre Bedeutung für das Selbstwertgefühl und für ihre Wirkung auf die Umgebung besprochen werden. Bei Störungen des Haarwachstums steht der erscheinungsmedizinische Effekt im Vordergrund, die Schutzwirkung des Haupthaares gegen Verletzungen und Strahlen tritt in den Hintergrund.

Bei Frauen gilt langes, gepflegtes Haar als Zeichen von Schönheit und Gesundheit, dient aber auch zur Demonstration des sozialen Status (»rich ­girl’s hair« oder »sexy hair« in den Kosmetik-Journalen). Die Werbeplakate für Haarpflegemittel lassen keinen Zweifel darüber bestehen, dass volles, langes Haar im Modetrend der heutigen Zeit liegt. Für fast die Hälfte aller Männer ist als Folge ihrer androgenetischen Alopezie eine ideale Haartracht nicht zu erreichen, aber manche Rocker und Punks versuchen mit Langhaarfrisuren ihrem Lebensgefühl demonstrativen Ausdruck zu verleihen.

 

Das normale Wachstum der Kopfhaare

Die Haare des Menschen wachsen in aperiodischen Zyklen. Das rascheste Wachstum findet am Kopf statt und erfolgt unabhängig von einer androgenen Stimulation (»Nicht-Sexual-Haar«); deshalb weisen die Kopfhaare die höchste Empfindlichkeit gegenüber Störungen wie hormonalen Entgleisungen und Medikamenteneinnahmen (Chemotherapie!) auf. Im Haarzyklus lassen sich drei Phasen unterscheiden:

  • die Phase der aktiven Haarbildung (anagenes Stadium, Dauer 3 – 7 Jahre),
  • die kurze Übergangsphase (katagenes Stadium) und
  • die Ruhephase (telogenes Stadium, Dauer 3 – 4 Monate).

Durch Untersuchung der Haarwurzeln können die Haare den entsprechenden Stadien zugeordnet werden. Normalerweise finden sich 80–90% der Haare im Anagen, höchstens 1% der Haare im Katagen sowie 10 bis 20% der Haare im Telogen. Schließlich erlauben Verschiebungen dieses Verhältnisses Rückschlüsse auf allfällig vorhandene Störungen. So sinkt der Prozentsatz anagener Haare bei androgenetischer Alopezie auf 60–70%.

Das Haupthaar gesunder Menschen wächst täglich 0,3 bis 0,5mm, was ein jährliches Wachstum von 12 bis 18cm ergibt; auch Spitzenwerte von 25cm wurden gemessen. In Abhängigkeit von der Dauer des Wachstumszyklus können Kopfhaare Längen zwischen 36 und 120cm erreichen. Da Ablauf und Dauer des Haarzyklus bei den einzelnen Haaren unterschiedlich sind, finden sich zwischen den langen auch immer wieder kürzere Haare. Wenn junge Menschen darüber klagen, dass sie keine Haarlängen von 1m erreichen, liegt dies entweder an kürzeren Haarzyklen oder an Haarwachstumsstörungen (Mangelzustände, Durchblutungsverminderung).

Die Haardichte beträgt bei Blonden bis zu 900 Haare pro cm2, bei Dunklen nur 300. Die tägliche Gesamthaarproduktion von 20 bis 30 Meter repräsentiert eine beachtliche metabolische Leistung, die durch hormonale Störungen, durch einen Mangel an Ionen oder Proteinen sowie durch die Einnahme bestimmter Medikamente gestört werden kann. Im Alter werden die Haare immer kürzer, dünner und schütterer. Frauen leiden meist unter diesem für die Umgebung deutlich sichtbaren Effekt viel mehr als Männer.

 

Diffuser Haarausfall

Millionen Menschen leiden an diffusen oder umschriebenen Haarwachstumsstörungen, ein Viertel davon Frauen. Diffuse Alopezien: Als Ursachen für einen diffusen Haarausfall, ein reduziertes Haarwachstum oder eine verminderte Haarqualität kommen verschiedene Ursachen in Frage:

  • Genetische Defekte (androgenetische Alopezie, siehe später),
  • Infektionskrankheiten,
  • Stoffwechselstörungen,
  • Medikamenteneinnahme (Zytostatika, Antikoagulanzien, Betablocker, Lipidsenker),
  • Hormonstörungen,
  • Überreaktionen auf Stress sowie
  • Mangel an Ionen, Coenzymen oder Proteinen.

Auch einige der modernen »gezielten Ernährungsformen«, die in erster Linie von Frauen befolgt werden, verursachen Störungen des Haarwachstums; bei Vegetariern ist der Eisenmangel zu nennen, andere Diäten wiederum führen zu einem Mangel an wichtigen Coenzymen wie zum Beispiel Biotin. Bei vielen Frauen lassen sich die Ursachen der diffusen Haarwachstumsstörung auffinden und ausschalten. Zusätzlich empfiehlt sich auch der lokale Einsatz von Wirkstoffen gegen Haarausfall wie Minoxidil.

In manchen Fällen trägt die zusätzliche orale Gabe von Vitaminen wie Biotin, Mineralien, schwefelhältigen Aminosäuren sowie Proteinen zu einem Nachlassen von Haarausfall und zu einem besseren Nachwachsen der Haare bei.

 

Umschriebener Haarausfall

An erster Stelle der umschriebenen Alopezien steht die Alopecia areata (multiplex, totalis, universalis) mit einer Inzidenz von 0,1-0,2%, gefolgt von der Trichotillomanie, dem nervösen Haarzupfen kleiner Mädchen (Inzidenz immerhin 0,5%!). Ein umschriebener Haarausfall bei Frauen geht oft auch auf physikalische Schädigungen zurück wie auf eine unsachgemäße Dauerwelle oder Haarfärbung, auf eine falsche Haarpflege (zu heißes Fönen) oder auf eine Frisur mit starkem Zug an den Haarwurzeln.

 

Androgenetische (androchronogenetische) Alopezie

Die androgenetische Alopezie ist die häufigste Form von Haar­ausfall. Dementsprechend macht die androgenetische Alopezie weltweit 95% aller Fälle von Haarausfall aus. Fast 50% der Männer in der Altersgruppe zwischen 20 und 30 Jahren und 10% der Frauen im Klimakterium sind davon betroffen. Laut Definition der WHO handelt es sich um eine Erkrankung und nicht nur um eine erscheinungsmedizinische Störung.

Jeder vierte von dieser Form von Haarausfall betroffene Patient geht zum Arzt, 55% wenden sich an ihren Friseur und 15% sprechen mit ihrem Apotheker über ihr Haarproblem. Ursache der androgenetischen Alopezie ist eine genetisch bedingte Fehlprogrammierung bestimmter Haarfollikel. In Folge treten diese beim Mann an den Geheimratsecken sowie auf der Tonsurhöhe, und bei der Frau am Scheitel auf.

 

Testosteron-Spiegel und Haarausfall

Die Fehlprogrammierung besteht in einer abnorm hohen Empfindlichkeit gegenüber dem aus Testosteron vermehrt gebildeten Dihydrotestosteron, das nunmehr nicht nur zur Ankurbelung des Haarwachstums, sondern zu einer Überdrehung des Haarzyklus mit allmählicher Miniaturisierung und Atrophie der Wurzeln führt. Die Bezeichnung »androchronogenetisch« beruht auf der Tatsache, dass das Effluvium geschlechtsabhängig in verschiedenen Lebensabschnitten auftritt.

Den jungen Mann belastet der Haarausfall in einer Zeit des beruflichen Vorwärtsstrebens und der Partnerinnensuche. Bei der Frau im Klimakterium gesellt sich der genetisch bedingte Haarausfall zu anderen Problemen dieser Phase hinzu. Beim jungen Mann genügen die normalen Testosteron-Spiegel zur Auslösung der Störung, bei der Frau wirkt erst die relative Hyperandrogenämie im Klimakterium.

Wenn eine junge Frau an androgenetischer Alopezie leidet, so besteht der Verdacht auf das Vorliegen eines Androgen-produzierenden Tumors.

Zu Behandlung der androgenetischen Alopezie stehen systemisch zu verabreichende Mittel (Finasterid bei Männern, Antiandrogene bei Frauen) und ein Topikum zur Verfügung (Minoxidil bei Männern und Frauen). Finasterid hemmt die Umwandlung von Testosteron zu Dihydrotestosteron und greift damit spezifisch in die Pathophysiologie der androgenetischen Alopezie ein. Antiandrogene (Cyproteronacetat, Spirinolakton) können nur an Frauen verabreicht werden, haben sich aber wegen der meist geringen Wirksamkeit und der notwendigen Kontrazeption nicht durchgesetzt.

Unter den lokal anzuwendenden Wirkstoffen bei androgenetischer Alopezie steht Minoxidil an erster Stelle. Ursprünglich als Antihypertensivum entwickelt, verursachte seine systemische Anwendung bei vielen Patienten eine auffallende Hypertrichose.

Jede Behandlung der androgenetischen Alopezie, einer genetisch bedingten Erkrankung wirkt nur so lange wie sie durchgeführt wird. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer jahre- bis jahrzehntelangen Therapie. Wenn die Anwendung abgebrochen wird, so setzt der Haarausfall erneut ein.

Quelle: Haarausfall: Frauen leiden meist viel mehr als Männer. Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Raab. MEDMIX 8/2006

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Chefredakteur Dr. Reinhold Lautner

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