Fortschritte in der Psychiatrie werden psychisch Kranken mitunter vorenthalten

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Ich würde Ihnen gerne von Therapiefortschritten in der Behandlung von psychisch Kranken berichten. Statement Prof. Wolfgang Fleischhacker.

Etwa von jenen psychisch Kranken, die wir mit einer ganzen Reihe von neuen Medikamenten erzielen könnten. Diese Medikamente gibt es tatsächlich seit einigen Jahren: So wurden neue Antidepressiva entwickelt, die auf dem Melatonin-ähnlichen Wirkstoff Agomelatin basieren. Mit Nalmefen, einem Opioidantagonisten, kam ein neues Präparat für Alkoholkranke auf den Markt, mit Asenapin lassen sich manische Phasen bei Patienten mit bipolaren Störungen sehr gut behandeln. Und Paliperidon, ein weiteres neues Antipsychotikum, hat sich in der Behandlung von Schizophrenien bewährt.

Leider halten sich unsere Erfahrungen mit diesen Innovationen in Grenzen. Alle diese neuen Medikamente haben nämlich eines gemeinsam: Sie sind in Österreich zwar zugelassen, werden von den Krankenkassen aber nicht routinemäßig erstattet. Für den Großteil der Patienten heißt das: Ihnen werden Therapieoptionen, die in unseren Nachbarländern verfügbar sind, schlicht und einfach vorenthalten.

 

Sparzwang gefährdet Therapieerfolge

Bei allem Verständnis für die Notwendigkeit zu sparen – in diesem Fall ist das Kostenargument wirklich zu relativieren. Derzeit geben wir für die Behandlung von psychisch Kranken jährlich rund 800 Millionen Euro aus. Der Großteil davon entfällt auf Kosten für die Spitalsbehandlung. Die Medikamentenkosten machen nicht einmal zehn Prozent aus.

Ich will an einem Beispiel aufzeigen, welchen Minimal-Einsparungen hier ein möglicher Therapieerfolg geopfert wird: Die Behandlung von psychisch kranken Patienten mit Depressionen mit einem ebenfalls neuen Antidepressivum (Vortioxetin) würde 37 Euro pro Monat kosten, auf ein Jahr hochgerechnet also rund 450 Euro. Das ist nicht einmal ein Zwanzigstel der Kosten, die für die medikamentöse Behandlung anderer chronischer Erkrankungen, als Beispiel nenne ich hier die Zuckerkrankheit oder die Schuppenflechte, ganz selbstverständlich aufgebracht werden.

 

Arzneimittelvielfalt wichtig für die psychisch kranken Patienten

Die Argumente, mit denen die Erstattung dieser Medikamente abgelehnt wird, sind aus medizinischer Sicht nicht haltbar. So wird immer wieder vorgebracht, die neuen Präparate seien nicht innovativ genug, weil es bereits andere Präparate gäbe, mit denen die gleiche Wirkung erzielt werden könne. Das ist, als würden wir sagen: Es soll nicht mehr als ein Mittel zur Senkung des Blutdrucks geben. Die Wahrheit ist, dass das Prinzip „one size fits all“ nirgendwo in der Medizin funktioniert, und in der Psychiatrie schon gar nicht. Es gibt viele Patienten, die auf manche der verfügbaren Medikamente nicht oder nur unzureichend ansprechen, denen die neuen Wirkstoffe aber effizient helfen könnten. Zudem haben etliche der neuen Präparate Vorteile im Nebenwirkungsprofil.

Die Folgen dieser restriktiven Erstattungspolitik sind absehbar: Es gibt in verschiedenen europäischen Ländern bereits erfolgreiche Mittel, die zwar eingeführt, aber bald wieder vom Markt genommen wurden, weil die Kassen sie nicht bezahlt haben. Wenn das zur gängigen Praxis wird, wird sich das wohl oder übel auf die Bereitschaft der pharmazeutischen Industrie auswirken, Medikamente in Österreich einzuführen, und somit auch die Therapieoptionen in der Psychiatrie einschränken. Zudem werden Patientinnen und Patienten so auch Innovationen vorenthalten.

 

Psychopharmaka oft zu Unrecht als ineffizient betrachtet

Bei der Gelegenheit möchte ich mit noch einem oft strapazierten Vorurteil aufräumen. Es gibt wohl keine andere Fachrichtung, in der die Wirksamkeit von medikamentösen Behandlungen generell so oft in Frage gestellt wird, wie in der Psychiatrie. Immer wieder werden Studien zitiert, die unterstellen, dass Psychopharmaka nicht besonders oder gar nicht wirksam seien. Zuletzt wurden in diesem Zusammenhang häufig Antidepressiva erwähnt. Wer sich diese Daten genauer ansieht, kann erkennen, dass die Psychiatrie den Vergleich mit der somatischen Medizin, also z. B. der Inneren Medizin oder der Gynäkologie, nicht zu scheuen braucht. Insgesamt sind die zur Behandlung psychischer Erkrankungen eingesetzten Präparate mindestens so wirksam wie jene in anderen Disziplinen.

 

Therapiebemühungen für psychisch Kranke zu wenig ernst genommen

Was hinter solchen, ins Leere laufenden Argumentationen steht, ist die Tatsache, dass die Therapiebemühungen in der Psychiatrie immer noch nicht wirklich ernst genommen werden. Psychische Leiden werden von Vielen – leider nicht nur von Laien – oftmals als Charakterschwäche und nicht als ernsthafte Erkrankung angesehen. Das schlägt sich auch in der medizinischen Versorgung nieder. Es gibt auf der ganzen Welt Studien, die zeigen, dass die psychisch kranken Patienten weniger gut untersucht und behandelt werden, wenn sie begleitend körperliche Beschwerden haben. Wenn also jemand, bei dem eine schwere Depression bekannt ist, mit Herzbeschwerden ein Krankenhaus aufsucht, wird das unter Umständen weniger Interventionen nach sich ziehen als bei einem psychisch Gesunden.

Die Diskriminierung geht sogar soweit, dass viele Privatversicherungen psychische Erkrankungen aus ihrem Leistungsspektrum ausschließen. Wird zum Beispiel ein depressiver Patienten nach einem Suizidversuch oder jemand mit einer Alkohol- oder anderen Suchtkrankheit bei uns in der Klinik behandelt, kann er trotz jahrelang pünktlich einbezahlter Beiträge nicht sicher sein, dass seine Kosten auch übernommen werden.

Kurz gesagt: Offenbar ist es trotz jahrzehntelanger Aufklärung immer noch nicht gelungen, klar zu machen, dass psychische Krankheiten nicht anders gesehen werden dürfen als körperliche Leiden.Unbehandelt verursachen psychische Leiden enormen Schaden für die Wirtschaft.

Wenn wir das nicht rasch ändern, werden wir nicht nur weiter unendlich viel menschliches Leid, sondern auch enormen Schaden für die Volkswirtschaft produzieren. Gesamt gesehen sind die Kosten für Behandlung und Pflege, also direkte Kosten, in der Psychiatrie geringer zu veranschlagen, als indirekte Kosten, die z. B. Krankenstände, vermindertes Einkommen und Frühpensionierungen betreffen.

Jeder zweite Betroffene steht im erwerbsfähigen Alter, und es ist nun einmal leider Tatsache, dass psychisch kranke Menschen weniger produktiv, häufiger und länger im Krankenstand und öfter von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Offiziell gehen rund zehn Prozent aller Fehltage auf eine psychische Erkrankung zurück. Reale Zahlen dürften aber deutlich höher liegen, weil sich viele aus Scham und Sorge um den Arbeitsplatz immer noch lieber „mit einer Grippe“ krank melden.

Noch schlimmer ist die Situation bei den Frühpensionierungen. Heute erfolgen bereits 35 Prozent der Neuzugänge in der Frühpension aufgrund von psychischen Erkrankungen. Psychisch kranke Männer gehen rund 3,6 Jahre früher in Pension als Menschen mit anderen Leiden, Frauen immer noch etwa ein Jahr früher. Bei Männern ist inzwischen jede vierte unbefristete Invaliditätspension auf psychische Krankheiten zurückzuführen, bei Frauen sind es sogar 46 Prozent.

 

Dringend notwendige Investitionen, die sich lohnen

Weltweit, so hat die WHO vor kurzem berechnet, verursachen diese Produktionsausfälle Kosten von 900 Milliarden Euro jährlich. Für Österreich hat das „Institut Wirtschaftsstandort Oberösterreich“ die indirekten Folgekosten psychischer Erkrankungen in einer 2014 erstellten Studie mit rund sieben Milliarden Euro pro Jahr veranschlagt. Ohne rasche Gegenmaßnahmen prophezeien uns die Studienautoren in wenigen Jahren sogar einen Anstieg auf mindestens zehn Milliarden pro Jahr.

So paradox das klingen mag: Vielleicht liegt gerade in dieser prekären Finanzaussicht auch eine Chance zur Trendwende. Völlig machtlos stehen wir dieser Situation nämlich keinesfalls gegenüber, wie eine kürzlich veröffentlichte WHO-Studie zeigt. Darin wurden die Investitionen in die Behandlung psychischer Krankheiten und die daraus resultierenden Auswirkungen auf die Produktivität in 36 unterschiedlich entwickelten Ländern untersucht. In Summe ergab das ein beeindruckendes Ergebnis: Jedem in die psychiatrische Versorgung investierten Euro standen vier Euro durch erhöhte Produktivität und Einsparungen bei anderen Gesundheitskosten gegenüber.

Quelle: Statement Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Fleischhacker, Geschäftsführender Direktor des Departments Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Medizinische Universität Innsbruck

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