Die Eltern-Kind-Beziehung ist wichtig, um die psychische Widerstandskraft zu stärken

Der SAFE-Elternkurs ist eine primäre Prävention, die das Ziel hat eine sichere Eltern-Kind-Beziehung aufzubauen. © Rock and Wasp / shutterstock.com

Eine starke Eltern-Kind-Beziehung ist wichtig, um die psychische Widerstandskraft gegenüber Belastungen im weiteren Leben zu stärken.

Im Grunde genommen ist Bindung ein spezifisches emotionales Band, das Personen über Zeit und Raum miteinander verbindet. Man kann an mehr als eine Person gebunden sein, aber nicht an viele. Eine gute und sichere Eltern-Kind-Beziehung im frühkindlichen Alter ist eine wichtige Basis für eine größere, stärkere psychische Widerstandskraft gegenüber verschiedener Belastungen. Wie man später selbst zwischenmenschliche Beziehungen führt, beruht aber stark auf frühen eigenen Erfahrungen.

 

Es ist wichtig, die Eltern-Kinder-Beziehung durch emotionale Zuwendung und adäquate Reizzufuhr nach der Geburt zu stärken!

In den 1980er Jahren haben Hirnforscher festgestellt, dass Babys mit einem hohen Satz an Spiegelneuronen ausgestattet, auf die Welt kommen. Die Spiegel-Nervenzellen („mirror neurons“) wurden von Giacomo Rizzolatti bei Versuchen mit Schimpansen entdeckt. Die Spiegelneuronen feuern sogar nur beim reinen Beobachten einer Handlung, ohne sie selbst auszuführen.

Die neurobiologische Grundausstattung an Nervenzellen ist zum Zeitpunkt der Geburt fast vollständig vorhanden. Im zweiten und dritten Drittel der Schwangerschaft beginnt bereits der Aufbau an dementsprechenden Vernetzungen. In den letzten Schwangerschaftsmonaten sieht man bei Untersuchungen eine explosionsartige Vermehrung von Synapsen. Durch emotionale Zuwendung und adäquate Reizzufuhr nach der Geburt verknüpfen sich diese Neuronen und ohne gehen sie verloren (use it or loose it).

 

Mutter (Vater)-Kind-Kommunikation im Säuglingsalter

Der Säugling ist aufgrund der Spiegelneuronen in der Lage, die von der Bindungsperson zugespielten Signale zurückzuspielen. Das ist das Geheimnis der frühen Mutter (Vater)-Kind-Kommunikation und Basis für die Ausbildung von Empathie. Die Hormonausschüttung vom „Kuschelhormon“ Oxytocin unterstützt den Bindungsaufbau und die Stresshormone Adrenalin, Kortisol und Noradrenalin gefährden die Bindungsbereitschaft. In diesem Zusammenhang ist bekannt, dass diese emotionale Zuwendung keinesfalls ein allgemein vererbter Muttertrieb ist, sondern auf eigenen Erfahrungen in der Säuglingszeit basiert, die in Nervenzell-Netzwerken abgespeichert sind. Das bedeutet natürlich auch, dass eigene gute oder schlechte Bindungserfahrungen über Generationen weitergegeben werden!

Babys kommen also mit einem angeborenen Bindungsbedürfnis auf die Welt, welches von den Bezugspersonen gestillt werden muss. Emotionale Zuwendung ist für Kinder überlebensnotwendig und genauso wichtig wie Nahrung, Schlaf und Luft. Die Bindung an die bemutternde Person entwickelt sich bereits in der Schwangerschaft. Schon im Mutterleib spürt das Kind, ob es willkommen ist!

Eine Bindungsperson bietet Schutz und Sicherheit und ist nicht beliebig ausstauschbar. Sie ist für das Kind „der sichere emotionale Hafen“. Durch Angst und Trennung wird das Bindungssystem aktiviert und durch körperliche Nähe und Zuwendung der Bindungsperson wird es wieder beruhigt. Das Bindungsbedürfnis steht im Wechsel mit dem Erkundungsbedürfnis. Nur wenn das Bindungsbedürfnis beruhigt ist, kann das Kleinkind die Umwelt erkunden und lernen. Bindungssichere Kinder gelten allgemein als interessierter. Bei den Bindungspersonen gibt es auch eine Hierarchie, man spricht von der primären und sekundären Bindungsperson.

 

Blut ist nicht dicker als Wasser

Die Pflegeperson mit der größten Feinfühligkeit in der Interaktion wird die Hauptbindungsperson. Bei großem Schmerz, Angst oder Trauer wird das Kleinkind eindringlich auf die primäre Bindungsperson bestehen. Emotionale Bindung entsteht aber nicht durch genetische Verwandtschaft und das Sprichwort „Blut ist dicker als Wasser“ stimmt diesbezüglich nicht. Auch Adoptiv- oder Pflegeeltern können starke Bindungspersonen für das Kind sein. Entscheidend ist die Feinfühligkeit und dass die Signale des Kindes wahrgenommen, richtig interpretiert und darauf angemessen reagiert wird und dass die Bindungsperson emotional verfügbar und zuverlässig ist.

 

Welche Bindungsqualitäten es gibt

In der Bindungsforschung nach John Bowlby, dem Begründer der Bindungstherorie (forschte in den 1960er Jahren) spricht man von sicherer Bindung (ca. 55 – 60%) und unsicherer Bindung, die wiederum in unsicher-vermeidend (ca. 15 – 20%) und unsicher-ambivalent (ca. 5 – 10%) eingeteilt wird. Eine desorganisierte Bindung (ca. 5 – 10%) ist bereits eine beginnende Psychopathologie, und bei einer Bindungsstörung (ca. 3 – 5%) handelt es sich bereits um eine manifeste frühe Psychopathologie.

Der „Fremde-Situations-Test“  wurde 1970 von Mary Ainsworth, einer Mitarbeiterin von John Bowlby, entwickelt. Es handelt sich dabei um ein entwicklungspsychologisches Experiment, das die Beziehung zwischen Kind und Bindungsperson zeigen soll. Dieses Testverfahren hat heute noch seine Gültigkeit, um die Bindungsqualität zu messen. Der Fremde-Situations-Test wird mit Kindern im Alter von etwa 12 bis 24 Monaten in einem fremden Raum mit interessanten Spielsachen durchgeführt.

Die Bindungsperson ist zuerst alleine mit dem Kind, dann kommt eine fremde Person hinzu, die mit dem Kind Kontakt aufnimmt. In einem genau vorbestimmten Zeitraum verlässt die Mutter oder der Vater den Raum und das Kind bleibt mit der fremden Person zurück. Man beobachtet mit Videoüberwachung, wie das Kind auf das Weggehen der Bindungsperson und auf die Tröstungsversuche der fremden Person reagiert. Dann bleibt das Kind sogar für kurze Zeit alleine in dem fremden Raum. Die Reaktion darauf und die Wiedervereinigung mit der Bindungsperson sagen viel über die Bindungsqualität aus.

 

Eltern-Kind-Beziehung bietet Schutz bei späteren psychischen Belastungen

Eine sichere frühe Eltern-Kind-Beziehung bietet Schutz bei späteren psychischen Belastungen und eine unsichere Bindung bedeutet ein Risiko für die Entwicklung von psychischen Auffälligkeiten.

Sicher gebundene Menschen sind in der Lage sich bei Problemen Hilfe zu holen, haben mehr gemeinschaftliches Verhalten, Empathie, mehr zwischenmenschliche Beziehungen, sind kreativer, flexibler und ausdauernder. Außerdem sind ihre Gedächtnisleistungen besser als bei unsicher gebundenen Menschen.

Das Ziel aller Eltern müsste also sein, dass ihre Kinder eine sichere Bindung an sie entwickeln. Es wurde allerdings auch festgestellt, dass die Qualität einer Eltern-Kind-Beziehung und einer Sicherheit bietenden Bindung sehr stark, bis zu 70%, weiter vererbt wird. Wer selbst sicher gebunden ist, kann dieses Muster einer starken Eltern-Kind-Beziehung auch viel leichter an seine Kinder weiter geben.


Quelle: SAFE-Elternkurse

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