Dysmorphophobie – die körperdysmorphe Störung

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Dysmorphophobie – körperdysmorphe Störung oder Entstellungssyndrom – betrifft Menschen, die krankhaft unzufrieden mit ihrem Körper oder einzelnen Körperteilen sind.

Schönheit hat enorme Bedeutung. In unserem digitalen Zeitalter mit Instagram, Snapchat, Facebook, Whatsapp etc. ist unserer Äußeres zu einem noch wichtigeren gesellschaftlichen, ökonomisch und auch sozialpolitischen Faktor geworden. Für den Dermatologen ist das Thema Schönheit beziehungsweise die kosmetische Dermatologie ständiger Begleiter in der täglichen Praxis. Dementsprechend müssen sich Fachleute aber auch mit krank machenden Auswüchsen von Schönheit beschäftigen. Das Erkennen von Dysmorphophobie – auch als körperdysmorphe Störung oder Entstellungssyndrom bekannt – bei Patienten ist von großer Wichtigkeit, auch das Wissen um die Wirksamkeit psychotherapeutischer Interventionen. Möglichen Betroffenen sollte eine Psychotherapie angeraten werden.

 

Geschichtliches

Der italienischen Psychiater Enrico Morselli beschrieb das Entstellungssyndrom erstmals 1886, 1891 führte er dann den Begriff Dysmorphophobie ein. Von verschiedenen Experten wurden in Folge vor allem immer wieder junge Frauen beschrieben, die wegen ihrer eingebildeten Hässlichkeit Angst hatten, keinen Mann zu finden. 1987 ist das wurde Krankheitsbild der Dysmorphophobie in den USA offiziell als Krankheitsdiagnose aufgenommen worden: das Entstellungssyndrom, die Dysmorphophobie, wird heute im DSM-IV beziehungswiese ICD-10 als körperdysmorphe Störung den somatoformen Störungen zugerechnet.

 

Dysmorphophobie – Depressionen und Sozialphobie

Dysmorphophobie führt dazu, dass sich die betroffenen Patienten als hässlich oder entstellt wahrnehmen. Sehr oft ist nicht die gsamte Erscheinung, sondern einzelne Körperteile wie Brüste, Po, Ohren, Nase, Haut, Haare, Augen, Arme oder Beine. Die körperdysmorphe Störung ist sehr oft mit Depressionen vergesellschaftet, weiters leiden viele Patienten an einer soziale Angststörung – der Sozialphobie: mit Angst vor den prüfenden Blicken andere Mitmenschen, die zur Vermeidung sozialer Situationen führt. Sozialer Rückzug bis hin zur Isolation können die Folge sein. Die Betroffenen begeben sich nur noch ganz selten in Gesellschaft, scheuen jeden Kontakt, werden arbeitsunfähig und sozial ausgegliedert. Essstörungen und schwere Depressionen sowie häufig ein Ansteigen des Körpergewichts sind die Folge. Etwa 15 % dieser Betroffenen sind selbstmordgefährdet.

 

Entstellungssyndrom

Fast jeder Hunderste in der Bevölkerung soll an einem Entstellungssyndrom leiden. Diese körperdysmorphe Störung ist eine auf die Hautoberfläche projizierte psychische Störung: die Patienten glauben, dass einzelne Körperteile entstellt sind, ohne dass das bei objektiver Betrachtung festgestellt werden kann beziehungsweise zutrifft. Diese Art der Dysmorphophobie kommt in der dermatologischen beziehungsweise kosmetischen Beratung bei etwa jedem zehnten Patienten vor.

 

Body Integrety Identy Disorder, bis zu Amputation, und Dorian-Gray-Syndrom

Schönheitswahn kann Menschen langfristig krank machen. Je öfter Betroffene mit verschiedenen Schönheitsbehandlungen wie Unterspritzungen aber auch chirurgischen Methoden die Situation verbessern wollen, desto deutlicher kann sich die körperdysmorphe Störung ausprägen. Die Meinungen von Partnern, Angehörigen, Freunden und Ärzten, dass das Aussehen völlig in Ordnung sei, wird ignoriert – die Patienten halten sich einfach für hässlich und nicht lebenswert.

Dysmorphophobie zeigt sich in verschiedenen Varianten. Es gibt beispielweise sogar betroffene Patienten, gewisse Körperteile gar nicht mehr akzeptieren können und vom Arzt die Amputation fordern. Man spricht in diesem Zusammenhang von der Body Integrety Identy Disorder.

Doch auch das sogenannte Dorian-Gray-Syndrom wird als körperdysmorphe Störung angesehen. Dabei haben Betroffenen über die Maßen das Bedürfnis, nicht altern zu wollen. Rekordhalterin im Guinness Buch der Rekorde ist eine US-Amerikanerin, die wie eine Barbiepuppe aussehen will und mittlerweile 47 chirurgische Eingriffe durchführen will.

 

Behandlung bei Dysmorphophobie

Psychotherapeutische Methoden gelten bei Dysmorphophobie als Behandlung der ersten Wahl, begleitend können auch Antidepressiva wie SSRIs eingesetzt werden. Doch grundsätzlich ist die Behandlung der Menschen mit einem Entstellungssyndrom schwierig.

Zwar können auch operative beziehungsweise andere ästhetische Maßnahmen den betroffenen Menschen dabei helfen, besser mit ihrer Dysmorphophobie fertig zu werden. Doch etwaige Schönheitsbehandlungen führen nur bei etwa 15 % der Patienten zu einem besseren Gefühl. Beim Großteil der Betroffenen ändert sich die Einstellung zu ihrem Körper kaum. Etwa jeder fünfte Patient fühlt sich danach sogar schlechter.

Die Behandlung von Patienten mit Dysmorphophobie ist bisher nur wenig untersucht worden. Bekannt sind Studien zur Einzel-Verhaltenstherapie im ambulanten Bereich, die den Nutzen einer Psychotherapie
zeigen konnten. Doch bei schwereren Formen mit Angst- und Persönlichkeitsstörungen sowie Depressionen scheint eine ambulante Therapie nicht wirksam genug zu sein.

Quelle:

»Schönheit und Schönheitswahn. Die körperdysmorphe Störung – Psychodermatologische Diagnostik und Therapie« – Prof. Dr. Uwe Gieler, Univ.-Hautklinik Giessen, Stellv. Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie


Literatur:

Gieler U (2003) Psychodynamische Diagnostik und Therapie der körperdysmorphen Störung. In: Aglaja Stirn, Oliver Decker, Elmar Brähler (Hrsg.) Körperkunst und Körpermodifikation. Psychosozial 26:55-64.

Rief W, Buhlmann U, Wilhelm S, Borkenhagen A, Brahler E. The prevalence of body dysmorphic disorder: a population-based survey. Psychol Med. 2006;36(6):877-85.

Stangier, U. & Hungerbühler, R. (2001). Eingebildete Häßlichkeit: Die Körperdysmorphe Störung aus psychologischer Sicht. Zeitschrift für Klinische Psychologie, 30, 77-83 Stangier, U. (2002). Hautkrankheiten und Körperdysmorphe Störung. Fortschritte der Psychotherapie. Göttingen: Hogrefe.

Veale, D., Gournay, K., Dryden, W., Boocock, A., Shah, F., Willson, R. & Walburn, J.(1996). Body dysmorphic disorder: A cognitive behavioural model and pilot randomised controlled trial. Behaviour Research Therapy, 34, 717-729.

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Dr. Reinhold Lautner

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