Die organisch depressive Störung

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Dr. Darko Stamenov
Dr. Darko Stamenov
MEDMIX-Redaktion, Projektleiter, AFCOM Digital Publishing Team

Eine organisch depressive Störung tritt bei zahlreichen Erkrankung auf und kann deren Verlauf negativ beeinflussen sowie Krankenhausaufenthalte verlängern.

Depressionen beeinflussen den Verlauf zahlreicher körperlichen Krankheiten und verlängern auch die Dauer stationärer Aufenthalte. Umgekehrt steigt die Häufigkeit von depressiven Symptomen bei einer Zunahme der körperlichen Symptome im Verlauf einer Erkrankung. Das ist dann eine organisch depressive Störung. Die Unterscheidung nach einem Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zwischen depressive Störung / Depression und körperlicher Erkrankung ist im Grunde genommen jedenfalls meist nicht zuverlässig möglich.



 

Depressive Störung und körperliche Erkrankung

Bei Patienten mit körperlichen Erkrankungen treten Depressionen häufig auf. In der Allgemeinbevölkerung liegt die Lebenszeitprävalenz der Major Depression bei etwa 10%, bei Personen mit körperlichen Erkrankungen liegt sie mit etwa 15 % deutlich höher. Dabei ist die depressive Störung nicht nur als Reaktion auf die Belastungen einer körperlichen Erkrankung, die damit einhergehende Einschränkung oder die Prognose zu sehen, sondern stellt ein komplexes Zusammenspiel biologischer und psychischer Faktoren dar, das abhängig von der jeweiligen Erkrankung unterschiedliche pathophysiologische Grundlagen hat.

 

Depressive Störung bei Diabetes mellitus häufig

Die Prävalenz der Depression bei Typ-1 und Typ-2 Diabetes liegt je nach Diagnosekriterien zwischen 6 und 27%. Etwa jeder 5. Patient mit Diabetes mellitus Typ-2 leidet an einer Depression. Häufig hat dies Einfluss auf die glykämische Kontrolle und das Essverhalten und ist mit einem höherem BMI, höherem HbA1c und diabetischen Spätschäden assoziiert.

Risikofaktoren. Die Risikofaktoren für die Entwicklung einer komorbiden Depression sind die diabetesspezifischen Faktoren: hoher HbA1c-Wert, Hypoglykämieprobleme, Insulintherapie bei Diabetes Typ 2 und die Entwicklung und Anzahl der diabetischen Folgeerkrankungen wobei hier insbesondere akut auftretende Organkomplikationen zu beachten sind.

Eine wichtige Rolle spielen auch die unspezifischen Risikofaktoren wie weibliches Geschlecht, allein stehend, jüngeres Lebensalter und niedriger sozioökonomischer Status.

 

Erklärungsmodelle und Behandlung bei Diabetes

Die Assoziation einer Dysfunktion der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse, dem wesentlichsten Stress-Regulationssystem, mit Depression, viszeraler Adipositas und Diabetes mellitus wurde mehrfach beschrieben. Eine weitere biologische Basis könnten erhöhte Spiegel von Zytokinen wie Interleukin-6 und TNF-alpha, wie sie depressive, adipöse Frauen aufweisen, sein. Diese Veränderungen könnten in der Folge zu den pathophysiologischen Prozessen des metabolischen Syndroms und Diabetes mellitus beitragen.

Auch diabetisch bedingte Gefäßveränderungen, Endorganschäden und zerebrale Funktionsstörungen können an depressiven Stimmungsveränderungen beteiligt sein.



Therapie. Bei den Antidepressiva sollte Substanzen mit neutraler Wirkung auf die diabetische Stoffwechseleinstellung der Vorzug gegeben werden. Studien zeigten, dass sich eine Insulinresistenz allein dadurch verbessert, indem sich die Kranken unter antidepressiver Behandlung von ihrer Depression erholten.

 

Depressive Störung als KHK-Risikofaktor

Neben den bisher bekannten Risikofaktoren (Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörung, Rauchen, Adipositas, D.M.) haben auch psychosoziale Belastungen eine eigenständige Wirkung auf die Entwicklung und die Komplikationsrate der koronaren Herzkrankheit. Bei schwer depressiven Menschen ist das KHK-Risiko um 40% gegenüber Nicht-depressiven erhöht.

Umgekehrt besteht eine schwere organisch depressive Störung bei etwa 15 bis 25% aller Patienten mit einer koronaren Herzerkrankung. Die meisten von ihnen erhalten allerdings keine antidepressive Behandlung. Besonders nach Infarkt auftretende Depressionen haben dann ihrerseits wieder Auswirkung auf die Genesung.

Umfangreiche Studienergebnisse zeigten, dass bei Patienten, die nach einem Myokardinfarkt eine »Major Depression« entwickeln, die kardiale Mortalität innerhalb der nächsten 18 Monate wesentlich höher liegt als bei nicht-depressiven KHK-Patienten.

Das relative Risiko für das Auftreten eines Myokardinfarktes oder eines kardial bedingten Versterbens ist bei depressiven Menschen im Mittel um das 2-5 fache erhöht.

Möglicherweise führen Depressionen zu einer veränderten Elektrophysiologie des Herzens, so dass das Risiko für maligne Herzrhythmusstörungen deutlich ansteigt.

Je früher eine Depression nach Herzinfarkt erkannt und behandelt wird, desto besser sind die Heilungsaussichten. Therapeutische Hilfe erhöht die Lebensqualität und steigert die Überlebensrate depressiver Patienten.



 

Wechselwirkungen und Behandlung

Im Rahmen einer Depression können einige auch das Herz beeinflussende Veränderungen festgestellt werden. So kann die Herzfrequenzvariabilität nach Myokardinfarkt vermindert sein und die Thrombozytenaggregation, das Plasma-Noradrenalin und der proinflammatorische Zytokinspiegel erhöht sein. Außerdem bewirkt eine depressive Stimmungslage eine Hyperaktivität der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse mit konsekutivem Hyperkortisolismus und beeinflusst den Lebensstil und die Compliance.

Es zeigte sich, dass die Berücksichtigung einer möglichen depressiven Störung sowohl bei der Akutbehandlung aber auch Rehabilitation von Herzkranken eine große Rolle spielt, doch werden Depressionen nach Herzinfarkt meist unzureichend diagnostiziert und behandelt. Oft kann schon der Hausarzt weiterhelfen, wenn sich ein Patient nach Infarkt oder einer sonstigen Herzerkrankung häufig niedergeschlagen fühlt, unter Schlafstörungen leidet oder am Sinn seines Lebens zweifelt.

Bei der antidepressiven Therapie bei Herzerkrankung sind jedoch Besonderheiten zu beachten. Die potentiell kardiotoxischen trizyklischen Antidepressiva können zu orthostatischer Hypotonie, Reizleitungsverzögerungen und Arrhythmogenität bei ischämisch vorgeschädigtem Herzen führen.

 

Depressive Störung bei Morbus Parkinson

Die Depression ist die häufigste psychiatrische Störung bei Morbus Parkinson. Die Prävalenz der »Major Depression« liegt bei etwa 7%, eine leichte, aber klinisch relevante depressive Störung tritt in 40% der Fälle auf.

Ursachen. Diskutierte Risikofaktoren für eine depressive Störung bei Parkinsonpatienten sind junges Lebensalter, früher Krankheitsbeginn, weibliches Geschlecht, rechtsseitiger Hemiparkinsonismus, Akinesie und sich verschlechternde körperliche Symptomatik.

Obwohl einige Daten auf die reaktive Genese der Depression hinweisen, kommen aufgrund von bildgebenden Verfahren und PET-Studien auch die Veränderungen des serotonergen Raphe-Kerns im Hirnstamm, des noradrenergen Locus coeruleus und der cholinergen Neurone der Substantia innominata als Ursache für die depressiven Merkmale in Betracht.



 

Spezielle Diagnosekriterien bei Parkinson und psychischen Beschwerden

Viele Parkinsonpatienten haben meist schon 5 Jahre vor Auftreten der ersten typischen motorischen Parkinson-Symptome Beschwerden wie Müdigkeit, bedrückte Grundstimmung, ein unbestimmtes Gefühl von Verlangsamung und Erschöpfung. Da die klinischen Erscheinungsbilder von Depression und Morbus Parkinson Überschneidungen aufweisen, muss die Diagnose »Depression bei Morbus Parkinson« aufgrund solcher Symptome getroffen werden, die bei Parkinson ohne Depression nicht erwartet werden. Dysphorie, Gereiztheit, Interesselosigkeit, Traurigkeit, Pessimismus und Suizidgedanken und etwas seltener Schuldgefühle, Versagensgefühle, Wahn, und Suizidhandlungen können bei gut eingestellter motorischer Symptomatik die Diagnose einer Depression erleichtern.

Therapie. Zur Verbesserung der Lebensqualität nimmt die antidepressive Therapie einen wichtigen Stellenwert im Management von Parkinsonpatienten ein. Die einfachen depressiven Zustandsbilder hellen in der Regel unter L-Dopa oder Dopaminagonisten-Gabe parallel zur Besserung der motorischen Störungen Akinesie und Rigor auf, selbst wenn der Tremor persistiert. Bei einigen Patienten ist jedoch eine zusätzliche Therapie Antidepressiva indiziert.

 

Organisch depressive Störung bei Dialysepatienten

Das häufigste psychische Problem von Dialysepatienten ist die Depression. Etwa 25% der Patienten leidet im Laufe der Nierenersatztherapie darunter. Die depressive Störung äußert sich in einer Reihe von Symptomen wie Anhedonie, Trauer, Hilflosigkeit, Schuldgefühle, Hoffnungslosigkeit verbunden mit Schlafstörungen, Appetit- und Libidoveränderungen. Das relative Risiko für das Versterben ist bei depressiven Dialysepatienten im Mittel um das 2fache erhöht.

Therapie. In Studien, mittels Fragebögen erhoben, wurde gezeigt dass 30–50 % der Dialysepatienten bereits eine Depression haben. Andere sprechen sogar von einem Wert bis zu 85% (hier sind auch so genannte leichte Depressionen miteinbezogen) und sprechen sich somit für eine unterstützende antidepressive Therapie aus. Es ist jedoch zu beachten dass die Compliance der Dialysepatienten allgemein niedrig ist und hier Verbesserungen notwendig sind.

 

Depressive Störung bei Anämie

Anämien sind eher häufiger im höheren Lebensalter mit einer Prävalenz von 13% bei Patienten ab 70 Jahren. Sie tritt oft im Zusammenhang mit anderen Erkrankungen wie Tumoren, Niereninsuffizienz, Infektionskrankheiten etc. auf. Aufgrund dieser Belastung geht auch häufig eine depressive Störung mit einer Anämie einher. Es wurde gezeigt dass die Anämie direkt die Gehirnfunktionen beeinflusst und so zu Konzentrationsstörungen, Gedächtnisstörungen und auch Verwirrtheitszuständen führen kann.

Therapie. Eine Anämie aufgrund von Eisen-, Vitamin B12- oder Folsäuremangel kann zu depressiven Zustandsbildern führen. Die Parameter sollten routinemäßig überprüft werden, insbesondere da die psychische Beeinträchtigung in der Regel durch eine frühzeitige kausale Substitutionstherapie remittiert.




Quellen: https://www.nlm.nih.gov/medlineplus/depression.html

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