Depressive Störungen im Alter

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Depressive Störungen im Alter können durchaus erfolgreich behandelt werden. Bedeutend ist eine rechtzeitige Diagnose und das Erkennen der Ursachen.

Laut demoskopischer Voraussagen sind wir eine Bevölkerung, die zunehmend »vergreist«. Wie viele andere Krankheiten auch, nehmen auch depressive Störungen im Alter deutlich zu. Bei den über 60-Jährigen sind etwa 15% betroffen. Dabei ist diese Zahl bei Insassen von ­Altenheimen oder Menschen, die lange in stationärer Behandlung sind, noch deutlich höher.

 

Depressive Störungen und Demenz vorbeugen

Keinesfalls ist es jedoch so, dass psychische Symptome mit zunehmendem Alter zwingend verbunden sind. Dementsprechend müssen depressive Störungen, Depression sowie Demenz in klinischen Sinn ­auch nicht auftreten. Den Verlust an Leistungsfähigkeit, kognitiver Potenz v.a. betreffend des Kurzzeit- und Namen-Zahlen-Gedächtnisses, wiegen Leistungen auf anderen Gebieten im Sinne der Fähigkeit der Übersicht und der abstrakt konstruktiven Leistungsfähigkeit sehr oft auf. Deswegen ist es besonders wichtig, vorbeugende Maßnahmen zu ergreifen.

Prävention im Alter bedeutet im Wesentlichen: Aktivität, Förderung der Leistungen des Gehirns und vernünftige und gesunde Ernährung:

  • Aktivität bedeutet Bewegung, regelmäßig, nicht übertrieben, dem körperlichen Leistungsvermögen angepasst. Bewegung aber auch im Sinne von Training und Förderung der Leistung der Muskulatur, Gelenke, aber auch der Herzleistungsfähigkeit.
  • Förderung der Leistungen des Gehirns bedeutet lebenslanges Lernen, neugierig bleiben, gesellschaftliche Aktivitäten fördern, Kommunikation, Heiterkeit, Zufriedenheit. Dies ist häufig verbunden mit Humor und Lebensfreude.
  • Was die Ernährung betrifft, gilt es, vor allem ungesunde Einflüsse hintan zu halten: mäßiger Alkoholkonsum, möglichst kein Nikotin, keine schweren Speisen, ausreichend Vitamine und Flüssigkeit. Es steht eine ausreichende Anzahl von Ernährungsfibeln und Beratungen zur Verfügung.

Die seelische Gesundheit oder Beeinträchtigungen wie depressive Störungen bzw. Depressione und Gedächtnisverlust bzw. Demenz wird durch mehrere Faktoren bestimmt:

  • Biologische Faktoren – genetisch ­geschlechtsbezogene
  • Individuelle Faktoren – zum Teil ­persönliche Erfahrungen
  • Familiäre und soziale Faktoren – soziale Unterstützung
  • Wirtschaftliche Faktoren und Umweltbedingungen – finanzielle Unabhängigkeit und Lebensbedingungen

Depressive Störungen im ­Alter kann man deswegen am wirkungsvollsten vorbeugen, indem man besonders auf die Unabhängigkeit achtet. Menschen, die abhängig werden oder sich abhängig fühlen, haben eine wesentlich größere Neigung zu depressiver Verstimmung. Unabhängigkeit in Bezug auf die finanzielle Situation, die körperliche Aktivität aber auch in Bezug auf die soziale Integration, Mobilität, beispielsweise Essensversorgung, Wäsche u.ä., beugen der Entstehung von Depression vor. Natürlich müssen diese Faktoren dem Alter angepasst verstanden werden und sind nicht in jedem Fall umsetzbar.

 

Depressive Störungen und Demenz oft schwer unterscheidbar

Im Grunde genommen darf man im Rahmen von vorbeugenden Maßnahmen ­Depressionen im Alter nicht völlig vergessen. Außerdem ist die Differenzialdiagnose zwischen Depression und Demenz nicht klar zu stellen. Wenn die Diagnose vorliegt, müssen adäquate therapeutische Entscheidungen fallen. Dabei soll sich die Behandlung wie immer im ­psychiatrischen Bereich nach dem biopsychosozialen Modell der Verursachung orientieren. Bei schwereren Depressionen wird eine medikamentöse Therapie unbedingt notwendig sein.

Wichtige Symptome von depressiven Störungen im Alter

  • Verlust von Emotionalität
  • Traurige Grundstimmung
  • Ängste, v.a. bezogen auf die Zukunft
  • Freud- und Gefühllosigkeit
  • Mangelnde körperliche Pflege
  • Mangelnde Bereitschaft, soziale Kontakte zu bestreiten
  • Ein-, vor allem aber auch Durchschlafstörungen.

 

Psychologische Unterstützung, evtl. Psychotherapie im engeren Sinn, ist vor allem dann angebracht, wenn Konfliktpotenzial im Umfeld vorhanden ist oder aber auch Hinweise auf länger zurückliegende und immer wiederkehrende im Persönlichkeitsprofil bestehende Probleme aufzuweisen sind. Psychotherapie ist auch im Alter indiziert!

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Nicht zu vergessen ist die Soziotherapie. Wenn alte Menschen keine Kontakte aufweisen oder nur über Störungen im Umfeld berichten, ist die Bereinigung dieser Situation unbedingt notwendig. Es ist auch notwendig, durch soziotherapeutische Maßnahmen depressionsfördernde Situationen zu verhindern. Diese sind Einsamkeit, finanzielle Not oder konflikthaftes Umfeld in Familie, Nachbarschaft oder anderen Bereichen.

 

Medikamentöse Therapie – Wirkung und Nebenwirkung

Auf jeden Fall sind als ­erste Wahl die SSRI (Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) sowie die SNRI (Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer) zu nennen. Wichtige Substanzen bei ersteren sind Citalopram, Fluoxetin, Fluoxamin, Paroxetin u. Sertralin, bei der zweiten Gruppe sind dies Venlafaxin und Milnacipran.

Bei ungenügender Wirkung stehen NaSSA (Noradrene­­­­rg, spezifisch serotonerges Antidepressivum, z.B. Mirtazapin, Mianserin), rever­sible MAO-A-Hemmer (Monoaminooxidase-A-Hemmer, z.B. Moclobemid) und auch Serotonin-Antagonisten Reuptake-Inhibitoren (SARI z.B. Trazodon) zur Verfügung. In Einzelfällen werden auch ­NARI (selektive Noradenalin-Wiederaufnahmehemmer, z.B. Reboxetin) einzusetzen sein.

Die sogenannten alten Anti­depressiva wie Amitriptylin, Clomipramin und Maprotilin sind nur mehr in ganz gezielten Ausnahmefällen und nach fachärztlicher Begutachtung zu empfehlen. Gut bewährt haben sich Kombinationen, wo zur Schlafförderung abends Mirtazapin oder Trazodon verabreicht wird.

Nebenwirkungen betreffen das anticholinerge System mit Schwin­del, Sehstörungen, Sedierung, kardiovaskuläre Hypotonie, Tachykardie sowie im ­gastrointestinalen Bereich vor ­allem Obstipation. Bei alten Menschen ist die Therapie ­besonders nebenwirkungsgeleitet zu verstehen, d.h., man sollte versuchen, mit möglichst niedrigen Dosierungen auszukommen, wobei auch die Interaktion mit anderen Substanzen zu beachten ist.

Bei Vorhandensein von depressiven Symptomen ist eine ­ordnungsgemäße antidepressive Therapie durchzuführen, vor allem ist für ausreichend Schlaf zu sorgen. Diese Therapie muss ausreichend lange durchgeführt werden (mindestens 4–6 Monate).

Alleinige längerfristige Behandlung mit Benzodiazepinen oder anderen rein sedierenden Substanzen ist abzulehnen.

 

Medikamente, die depressive Störungen fördern

Besondere Erwähnung sollten noch Medikamente finden, die mit gehäufter Inzidenz depressive Störungen provozieren können. Dazu gehören Antihypertonika, Antiparkinsonmittel, Benzodiazepine, Betablocker, Cholinesterasehemmer und Kortikoide (neben anderen). Sollten alte Menschen im Rahmen der Behandlung mit einer dieser Substanzen Depressionszustände entwickeln, so ist auch die medikamentöse Verursachung in Betracht zu ziehen.

 

Welche Faktoren bei alten Menschen besonders zu ­berücksichtigen sind

  • Nach dem Motto vorbeugen ist besser als heilen, stehen präventive Maßnahmen gegen depressive Störungen an erster Stelle. Dazu gehören Förderung von Aktivität, Training von Gehirnleistungen und die richtige Ernährung.
  • Früherkennung von körperlichen Leidenszuständen bzw. Krankheiten und deren ordnungsgemäße Behandlung.
  • Nicht behandelte kardiale Störungen, Schilddrüsenfunktionsstörungen, starkes Übergewicht, Alkohol- oder Substanzmissbrauch oder schwere maligne ­Erkrankungen oder schwere Bewegungs- und Sinnesbeeinträchtigungen fördern das Auftreten von Depressionen.

Entsprechende Therapien und Beratungen sowie Hilfestellungen im körperlichen, psychologischen sowie psychosozialen Bereich sind unumgänglich. Die ausreichende Beachtung der psychosozialen Situation älterer Menschen und Maßnahmen zur Stabilisierung, wie die Förderung sozialer Kontakte, ausreichende ­finanzielle Absicherung und Förderung der Kommunikationsbereitschaft wären hier neben ­anderen zu erwähnen.
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Fazit. Im Grunde genommen kann man depressive Störungen im Alter durchaus erfolgreich behandeln. Allerdings ist es wichtig, dass der Behandler rechtzeitig die Diagnose stellt und die möglichen Ursachen identifiziert. In jedem Fall muss er auch das Umfeld des Betroffenen in den Blickpunkt stellen.

Unter dem Strich verdienen es alte Menschen mit Depression, dass ihre depressiven Störungen auch entsprechend wahrgenommen und behandelt ­­werden.

Quellen:

Internationale Leitlinien – http://psychiatryonline.org/guidelineshttp://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/nvl-005.html

Depressive Störungen im Alter. Prim. Univ.-Doz. Dr. Werner Schöny. MEDMIX 4/2007

Leitlinie Arznei und Vernunft – Depressive Erkrankungen

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About Author

Dr. Darko Stamenov

MEDMIX-Redaktion, Projektleiter, AFCOM Digital Publishing Team

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