Depressionsbehandlung bei Frauen

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Die kombinierte Pharmako- und Psychotherapie als initiale Depressionsbehandlung ist bei mittelschweren und schweren Depressionen wissenschaftlich gesichert.

Grundsätzlich beträgt für Frauen das Risiko, im Laufe des Lebens an einer depressiven Episode oder einer wiederkehrenden depressiven Störung zu erkranken, 10% bis 25%. Hingegen sind bei Männern lediglich 5% bis 12% betroffen. Dabei spielt die Tatsache, dass eine erhöhte Prävalenz von Depressionen mit hormonellen Veränderungen bei Frauen korreliert, insbesondere während der Pubertät, vor der Menstruation, nach der Schwangerschaft und in der Perimenopause, lässt vermuten, dass hormonelle Schwankungen bei Frauen ein Auslöser für Depressionen sein können. Frauenspezifische Depressionserkrankungen sind beispielsweise prämenstruelle Dysphorie, postpartale Depression sowie Depressionen in der Menopause. Tatsächlich schliessen die meisten präklinischen Studien wegen der Variabilität des weiblichen Zykluses Männer ein. Nach wie vor erhalten bei weitem nicht alle betroffenen Frauen eine suffiziente Depressionsbehandlung.

 

Depressionen

Als eine bedrückte, qualvoll erlittene, von Unlust begleitete und von Angst gezeichnete Befindlichkeit wird als Depression bezeichnet. Betroffene erleben eine Zeitverlangsamung oder einen Zeitstillstand, eine Hemmung der Erlebens- und Erkennensfunktionen. Es kommt zu einer schmerzlich erfahrenen Behinderung jeglichen Fühlens und Mitfühlens, zu einem Versiegen oder aber zu einer quälenden, ziellosen Aktivierung von Energie, zu einem verfremdeten Erstarren oder zu einer heillos erlebten Unruhe. Diese Beschreibung des Erscheinungsbildes bezieht sich auf schwere Depressionen. Leichte oder mittelschwere depressive Episoden weisen prinzipiell die gleichen Merkmale, nur schwächer ausgeprägt, auf.

 

Psychodynamischen Depressionsbehandlung

In einer psychodynamischen Depressionsbehandlung finden zu bewussten Erlebnisbereichen die unbewussten Phantasien der Patientinnen Berücksichtigung. Der depressive Affekt lässt sich als Antwort auf die unbewusste Erinnerung an ein real vorgefallenes traumatisches Ereignis in der Kindheit zurückführen. Verbunden mit der unbewussten Phantasie oder Überzeugung, dass sich ein ähnliches Unheil in der Gegenwart ereignet hat.

Diese traumatischen Erlebnisse in der Kindheit kennt man als „kindliche Katastrophen“. Dazu gehören der Verlust einer geliebten Person (Objektverlust) sowie Verlust der Liebe einer geliebten Person (Liebesverlust). Jedoch spielen auch Verlust der körperlichen Integrität (körperliche und sexuelle Gewalt sowie medizinische Eingriffe zwecks Diagnose oder Behandlung eine bedeutende Rolle. Schließlich empfinden Betroffene auch den Verlust der stützenden Funktion des  Gewissens durch überstrenges Strafen als katastrophal.

Grundsätzlich handelt es sich immer um eine Fixierung an einen bestimmten Wunsch, der einen zentralen Platz in der inneren Welt der Patienten einnimmt. Gleichzeitig empfinden sie diesen als unerfüllbar angesehen. Dazu zählen beispielsweise der Wunsch, eine Person möge wieder ins Leben des Patienten treten sowie der Wunsch, etwas wieder gut zu machen. Letztendlich belasten auch eine Selbstvorstellung von Hilflosigkeit und der Unmöglichkeit, diesen Wunsch zu erfüllen.

Eine psychodynamische Psychotherapie der Depression bedeutet eine Auseinandersetzung mit dieser inneren Welt der Zerstörung mit dem Ziel, eine psychische Struktur aufbauen zu können, die die Verarbeitung (unvermeidlicher) schmerzvoller Erfahrungen ermöglicht, ohne  gute Erinnerungen oder das Selbstwertgefühl zu verlieren.

 

Faktoren der Depressionsentwicklung (Verluste) im weiblichen Lebenszyklus

Überzufällige  Zusammenhänge zwischen mittelschweren und schweren Depressionen einerseits und den beschriebenen Katastrophen in der Kindheit – besonders Verlusten – andererseits, konnten nachgewiesen werden.

Kritische Lebensereignisse, und dabei wiederum besonders Verluste werden als auslösende Faktoren beschrieben. Hierbei muss für Frauen neben verschiedene dem weiblichen Lebenszyklus immanente mögliche Verlusterlebnisse auch der Verlust der Selbstachtung durch Gewalt, ausgeübt von meist männlichen Personen des sozialen Nahraumes berücksichtigt werden.

Frauen sind viel häufiger Opfer von körperlicher und/oder sexueller Gewalt als Männer und der Zusammenhang dieser mit Depression ist wissenschaftlich erwiesen.

 

Menstruation, Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett

Die Menstruation bedeutet einen monatlichen Blutverlust. Eine Körperflüssigkeit, die als „besonderer Saft“ bezeichnet und mit vielen mythischen Bedeutungen unterlegt wird, geht monatlich verloren, ohne dass das betroffene Mädchen/Frau einen Einfluss auf Zeitpunkt, Art und Menge der Blutung hat.

Für viele Frauen stellt die Veränderung des Körperschemas, also der Verlust der ursprünglichen, gewohnten Körperkonturen durch eine Schwangerschaft einen Autonomieverlust dar: diese Vorstellung von Autonomieverlust wird bestärkt durch die Tatsache, dass Tempo und Art des Schwangerschaftsverlaufes völlig außerhalb der Kontrolle der betreffenden Schwangeren sind. Es gibt Frauen die aus diesem Grund das Aufrechterhalten einer Schwangerschaft nicht ertragen und Schwangerschaften immer wieder abbrechen müssen. Eine einmal eingetretene Schwangerschaft muss nicht zwangsläufig zu einem gesunden „schönen“ Kind führen: Es besteht die Gefahr von Frühgeburten, Totgeburten und die Gefahr, ein behindertes Kind zu gebären. Letzteres bedeutet den Abschied von der Vorstellung eines gesunden, „schönen“ Kindes.

Durch den Akt der Geburt ändert sich das Körperschema wiederum: viele Frauen empfinden dann eine Art Leere in ihrem Inneren. Das Durchtrennen der Nabelschnur markiert für viele Frauen drastisch den Verlust der Mutter-Fetus-Einheit. Ein weiterer Schritt in dieser Richtung wird durch das Abstillen gesetzt: das endgültige Zurückziehen der Brustwarzen aus dem kindlichen Mund bedeutet das Durchtrennen einer Brücke zwischen Mutter und Kind.

 

Menopause

Der Verlust der Potenz „Fruchtbarkeit“ verläuft bei Frauen anders als bei Männern. Die WHO-Definition von Menopause: „funktionsloser Eierstock“ besagt, dass eine Funktion die letztlich auch eine Potenz war, über die Macht ausgeübt werden konnte, für immer verloren ist. Es ist für die betroffene Frau wohl ein Unterschied, ob sie die Wahl hat, d.h. ob sie, falls sie das noch wollte, schwanger werden könnte, oder ob ihr diese Wahlmöglichkeit von der Natur her verwehrt wird  Weitere Verluste im weiblichen Lebenszyklus betreffen den Lebenspartner und damit verbundene ökonomische Verluste und oft auch den Verlust des sozialen Status.

 

Spezifische Aspekte der Depressionsbehandlung von Frauen

Eine Kombination von Pharmakotherapie und Psychotherapie als Depressionsbehandlung der Wahl ist bei mittelschweren und schweren Depressionen von Beginn an wissenschaftlich gesichert. Wobei Verhaltenstherapie und psychodynamische (Psychoanalytische) Methoden sowie – in entsprechenden Fällen – auch Familientherapie und bei leichteren Depressionen personenzentrierte Psychotherapie wirksam sind.

Die psychoanalytische Psychotherapie mit ihrer Komplexität, welche unbewusste Phantasien und Ängste – betreffend der Körperlichkeit und der Beziehungen zu anderen Menschen – einschließt, trägt den geschlechtsbezogenen Unterschieden hinsichtlich Entstehung und Aufrechterhaltung depressiver Störungen am ehesten Rechnung.

 

Erstellung von Plänen zur Depressionsbehandlung für Frauen

Die komplexe Interaktion zwischen der weiblichen Körperlichkeit und der psychischen Repräsentanz dieser mit kritischen Ereignissen im weiblichen Lebenszyklus sowie mit soziokulturellen Faktoren wie Gewalt und Diskriminierung müssen bei der Erstellung von Plänen zur Depressionsbehandlung für Frauen Beachtung finden. Deswegen sind es folgende Inhalte, die sich als zwingend für die Depressionsbehandlung mit depressiven Patientinnen erweisen:

  • Die Bedeutung der realen und phantasierten Verluste in der Biografie, einschließlich der Frage „was“ verloren wurde und nicht nur ‚wer“ verloren wurde, besonders im Zusammenhang mit der weiblichen Reproduktion.
  • Die subjektiven Vorstellungen, das Bild vom eigenen Körper einschließlich der Vorstellungen von Funktionalität und Dysfunktionalität.
  • Der Umgang mit Affekten: (ohnmächtige) Wut, Angst, Trauer, Scham und Schuldgefühle, Ekel vor sich selbst, Triumph über andere.
  • Art und Qualität der Beziehung zu wichtigen Anderen, besonders jene zur Mutter, auch wenn sie nicht mehr lebt.

Grundsätzlich ist die Bedeutung der weiblichen Fruchtbarkeit im Zusammenhang mit Entstehung und Aufrechterhaltung von depressiven Störungen für die Diagnose und Depressionsbehandlung unerlässlich.

Prinzipiell ist der Umgang mit Verlust und Kränkung kulturspezifisch und stark geprägt von bestimmten Verhaltenserwartungen und Normen, die von der Mehrheit der Mitglieder einer Kultur an die Träger des biologischen Geschlechts gestellt werden und deren Summe das hypothetische Konstrukt „Geschlechtsrolle“ ausmacht.

Letztendlich ist das Relativieren dieser Verhaltenserwartungen, die in der oft unangemessenen Medikalisierung des weiblichen Lebenszyklus ihren Niederschlag finden, ebenso wie das mit der Patientin gemeinsame Aufspüren von positiven Erinnerungen und schützenden Faktoren in ihrer Biographie wichtiger Inhalt der Psychotherapie.

Literatur:

Paul R. Albert. Why is depression more prevalent in women? J Psychiatry Neurosci. 2015 Jul; 40(4): 219–221. doi: 10.1503/jpn.150205


Quelle: Depressionsbehandlung – was brauchen Frauen? O. Univ.-Prof. Dr. Marianne Springer-Kremser (Vorstand der Klinik für Tiefenpsychologie und Psychotherapie, MedUni Wien). MEDMIX 06-2008

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Lena Abensberg

MEDMIX-Redaktion, AFCOM Digital Publishing Team

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