Depression bei Männern noch immer Tabuthema

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Depression bei Männern zeigt psychopathologische Besonderheiten und äußert sich häufig untypisch. Der Faktor Geschlecht ist allgemein in Bezug auf die Therapiestrategie wesentlich.

Fachartikel. Depressionen sind häufige psychiatrische Erkrankungen, die nicht nur persönliches Leid für den Patienten bedeuten, sondern auch mit gravierenden psychosozialen Konsequenzen einhergehen. Depression bei Männern zeigt sich häufig untypisch, da Männer eine verborgene Traurigkeit anders als Frauen bewältigen. Das Krankheitsbild “ Depression bei Männern “ ist in unseren Breiten noch nicht sehr bekannt, wogegen im englischen Sprachraum der Begriff „Male Depression“ von Experten wissenschaftlich verwendet wird.

 

Häufigkeit der Depression bei Männern

Epidemiologische Studien zeigen, dass die Erkrankungsrate für die unipolare Depression zwar stark zwischen verschiedenen Ländern variiert (1,5–19,0%), was einen psychosozialen und kulturellen Einfluss auf die Prävalenz – Häufigkeit – der Depression bei Männern nahelegt, dass jedoch in allen Ländern Männer seltener von Depressionen betroffen sind als Frauen (Verhältnis 1:1,6–3,1).

Als mögliche Ursache für diese niedrigere Prävalenz der Depression bei Männern kommt unter anderem ein geschlechtsspezifisch unterschiedliches Inanspruchnahme- bzw. Hilfesuchverhalten bei psychischen Problemen in Betracht. Eine offene Frage ist, ob sich die Depressionsrate zwischen den Geschlechtern in Zukunft annähern wird.

Eine Studie konnte belegen, dass die Rate der Depressiven in den Geburtsjahrgängen nach 1945 bei ­Frauen stabil blieb, während bei ­Männern ein Anstieg zu verzeichnen war.

 

Geschlechtsdifferenzen in ­Bezug auf die ­Psychopathologie

Klinische Unterschiede bei affektiven Störungen zwischen den Geschlechtern werden weder von der internationalen Krankheitsklassifikation (ICD-10) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) noch vom Diagnostischen und Statistischen Manual (DSM IV) der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung (APA) klassifikatorisch berücksichtigt. Solche Differenzen ergeben sich aber aus typisch weiblichen und männlichen Rollenmerkmalen, die in der Adoleszenz ihre Ausprägung erlangen.

Frauen und Männer weisen dieselben Kernsymptome der Depression auf, mit depressiver Stimmungslage, Antriebsverminderung, Anhedonie, Appetitveränderungen, Schlafstörungen, Schuldgefühlen und Konzentrationsproblemen. Studien haben jedoch ergeben, dass es zwischen den Geschlechtern subtile Unterschiede im Ausdruck von Traurigkeit gibt.

Frauen zeigen dabei häufiger affektive Labilität – möglicherweise als Copingmechanismus oder als hilfesuchendes Signal an die Umwelt, Männer erweisen sich eher als affektarm (Winkler et al. 2004). Untersuchungen wie z.B. die Gotland-Studie geben Hinweise darauf, dass bei Männern im Rahmen einer Depression häufiger Ärgerlichkeit (Ärger-Attacken), Irritabilität, Missmutigkeit, Verbitterung, Neigung zu Vorwürfen und nachtragendes Verhalten vorkommen.

Gängige Diagnosemanuale zählen diese Symptome zwar nicht zur typischen Depressionssymptomatik von Erwachsenen, dennoch geben amerikanischen Studien (Epidemiological Catchment Area) klare Hinweise darauf, dass zwischen Depression und Aggression ein Zusammenhang besteht.

Depression bei Männern manifestiert sich oft durch Ärger-Attacken – ähnlich den Panikattacken zeigen sie einen plötzlichen Beginn. Die Betroffenen empfinden Ärgerlichkeit, der sich häufig gegen nahe Familienangehörige (z.B. Kinder, Ehepartner) richtet.

Irritabilität ist ein emotionaler Zustand, der durch reduzierte Impulskontrolle, Ärgerlichkeit, stark negativ getönte Befindlichkeit und aggressive Tendenzen charakterisiert ist. Schon geringfügige Probleme können den Patienten im Rahmen dieses Affekts dazu veranlassen, Konflikte situationsinadäquat auszuagieren: es werden dann Aktionen gesetzt, die später oft bereut werden.

Klinisch wichtig erscheint die Beobachtung, dass die Irritabilität häufig schon vor der depressiven Verstimmtheit vorliegt und auf Antidepressiva auch vor dieser respondiert. Bei der Depression bei Männern sind darüber hinaus häufiger sogenannte Ärger-Attacken zu finden. Ähnlich den Panikattacken zeigen sie einen plötzlichen Beginn. Die Betroffenen empfinden den Ärger, der sich häufig gegen nahe Familienangehörige (z.B. Kinder, Ehepartner) richtet, als ich-dyston (ich-fremd).

Im Rahmen dieser Ärger-Attacken kommt es zu vegetativer Erregung mit Pulsanstieg, Atemnot, Hitzewallungen, Gesichtsröte, Schwindel, Schwitzen, Parästhesien der Extremitäten, Zittern, Angst und dem Gefühl des Kontrollverlustes.

In den letzten ­beiden Dekaden wurde die Aggressivität bei depressiven Störungen systematisch untersucht: Laut einer eigenen Studie (Winkler et al.) leiden Männer im Rahmen ihrer Depression etwa doppelt so häufig an Ärger-Attacken wie Frauen.

 

Suizidalität beim Mann

Suizidales Verhalten ist ein integraler Bestandteil der Symptomatik depressiver Patienten, das vor allem bei Depression bei Männern zu einer nicht unbeträchtlichen Mortalität der Erkrankung führt. Bei den Suizidversuchen besteht quantitativ kein Geschlechtsunterschied, jedoch führen bei den vollzogenen Suiziden Männer die Statistik im Verhältnis 2:1 an.

Auch die Suizidstrategien weisen einen geschlechtsspezifischen Dimorphismus auf. Männer suizidieren sich laut Studien häufiger mit gewalttätigen Methoden wie Erschießen oder Erhängen, während Frauen häufiger die Tablettenintoxikation wählen.

 

Diagnose der Depression bei Männern

Depression bei Männern ist schwieriger zu erkennen, da depressive Männer im Gegensatz zu Frauen signifikant seltener und später einen Arzt aufsuchen.

Psychische Probleme werden von der Gesellschaft immer noch als unmännlich und nicht zum männlichen Rollenbild passend angesehen. Männer suchen einen Arzt eher wegen den körperlichen Begleitsymptomen der Depression auf.

Oft bleiben Irritabilität und Dysphorie im diagnostischen Interview verborgen, die depressive Befindlichkeit wird bagatellisiert. In diesem Fall kann die Außenanamnese durch Familienmitglieder eine große ­Hilfe sein. Auch der Ärger-Attacken Fragebogen von Fava et al. (1991) kann zur Diagnosestellung verwendet werden.

 

Therapie der Depression bei Männern

Zur Behandlung depressiver Störungen steht heute eine Vielzahl von Antidepressiva zur Verfügung. Das typische Antidepressivum der Depression bei Männern gibt es jedoch nicht.

Um die Compliance und damit den Behandlungserfolg zu sichern, sollte auf das Nebenwirkungsprofil besonderes Augenmerk gelegt werden. Für männliche Patienten sind die durch Antidepressiva ausgelösten sexuellen Funktionsstörungen als besonders problematisch anzusehen.

TZA (trizyklische Antidepressiva) und Mianserin, SNRI sowie NARI (Noradrenalin Reuptake Inhibitoren) können erektile Dysfunktionen verursachen. Anorgasmie und Ejakulationsstörungen sind vor allem unter Therapie mit TZA, SSRI und SNRI beschrieben.

Das typische Depressionssymptom des Libidoverlusts kann in der Praxis oft nur schwer von einer Arzneimittelnebenwirkung unterschieden werden. Auch psychotherapeutische Interventionen sind in der Akut- sowie Langzeittherapie depressiver Störungen beim Mann wirksam.

Die Tatsache, dass eine Kombination aus Psychotherapie und Pharmakotherapie besser wirkt, als jedes der beiden Verfahren alleine, gilt mittlerweile als gut gesichert. Männer nehmen Psychotherapie jedoch wesentlich seltener in Anspruch als Frauen. Gerade bei Depression bei Männern im höheren Alter – die Patientengruppe der am stärksten Suizidgefährdeten – werden psychotherapeutischen Angeboten zu wenig genutzt.

Verstärkte Motivation durch den behandelnden Arzt sowie Psychotherapieangebote mit Fokussierung auf die derzeit vorliegende Problematik mit definierter Dauer und vertretbaren Kosten sind dazu notwendig. Der Faktor Geschlecht ist also auch im Bezug auf die Therapiestrategie wesentlich und sollte sowohl in die Psychopharmakotherapie, als auch in die Psychotherapie miteinbezogen werden.

Quellen und weitere Informationen zu Depression bei Männern:

Psychische Erkrankungen des Mannes. Pjrek E, Kasper S, Winkler D. http://www.kup.at/kup/pdf/4853.pdf

Depression and suicide on Gotland. An intensive study of all suicides before and after a depression-training programme for general practitioners. http://www.jad-journal.com/article/0165-0327(95)00055-0/abstract

The NIMH Epidemiologic Catchment Area Program. http://archpsyc.jamanetwork.com/article.aspx?articleid=493431

Männer und ­Depression. Dr. Edda Pjrek, Dr. Dietmar Winkler, Univ.-Prof. DDr. h.c. Siegfried Kasper. MEDMIX 05/2005

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About Author

Prof. Priv.-Doz. Dr. Dietmar Winkler

Prof. Dr. Dietmar Winkler schon vor vielen Jahren Autor der MEDMIX-Printmagazine. Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin – mit Additivfacharzt für Geriatrie – leitet seit 2010 die Ambulanz für saisonale affektive Störungen im Wiener AKH. Zuvor war er Leiter der Ambulanz für dementielle und Gedächtnisstörungen am AKH-Wien.

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