Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol

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THC und Cannabidiol: Cannabis-Inhaltsstoffe sind bei Krebsschmerzen als Zusatzmedikation wirksam, Cannabidiol dämpft Schmerzen ohne Effekt auf das Gehirn.

Immer wieder kocht auch in Europa die Diskussion darüber auf, ob Cannabis oder Marihuana für medizinische Zwecke erhältlich sein sollten – zuletzt anlässlich der aktuellen Befassung  des deutschen Bundestages mit der kontrollierten Abgabe von Cannabis für medizinische Zwecke. „Cannabinoide haben einen in wissenschaftlichen Studien belegten schmerzlindernden Effekt zum Beispiel bei Menschen, die an Krebserkrankungen leiden. Doch wissenschaftlich belegt ist das nur mit pharmazeutisch hergestellten Cannabinoid-Medikamenten“, so o. Univ.-Prof. DDr. Hans-Georg Kress, Leiter der Abteilung für spezielle Anästhesie und Schmerztherapie (AKH/MedUni Wien), Vorstandsmitglied der Österreichischen Schmerzgesellschaft und Past President der Europäischen  Schmerzförderation EFIC.

„Es macht deshalb keinen Sinn, Cannabis oder Marihuana für medizinische Zwecke einfach freizugeben. Hier fehlt der Nachweis der Überlegenheit gegenüber den in Studien getesteten Cannabinoiden. Und wir sollten in unserem Gesundheitswesen, das ja sonst auch auf die Kosten schaut, nur Medikamente verwenden und zahlen, für die eine Wirksamkeit gegeben ist“, erklärte Prof. Kress anlässlich der 17. Österreichischen Schmerzwochen der ÖSG.

Ein Anwendungsgebiet für Cannabinoide wie Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) ist die Behandlung von Krebspatienten, die trotz starker Opioide noch an Schmerzuständen leiden. Das Problem ist groß: Jährlich erkranken weltweit rund 14 Millionen Menschen an Krebs, 32,6 Millionen Patienten leben mit dieser Diagnose. Zwei von drei Betroffenen klagen auch über Schmerzen, ein Drittel von ihnen leidet unter moderaten bis schweren  Symptomen.

Wird in der analgetischen Therapie den aktuellen Empfehlungen gefolgt, greift man bei erheblicher Schmerzsymptomatik auf Opioide zurück. Hinzu kommen zusätzliche Mittel wie nicht-steroidale Antirheumatika, Antikonvulsiva und Antidepressiva. „Es bleibt eine Minderheit von etwa zehn bis 20 Prozent von Patienten, die trotz aller Bemühungen weiterhin über eine deutliche Schmerzsymptomatik klagen. Für sie benötigt man neben den invasiven Verfahren auch zusätzliche medikamentöse Ergänzungen“, betont Prof. Kress.

Dies könnten industriell hergestellte Medikamente und/oder magistraliter in Apotheken produzierte Mittel mit Cannabinoiden sein. Erst kürzlich ist im „Journal of the American Association of Nurse Practitioners“ eine Übersichtsarbeit publiziert worden, welche die wenigen klinischen Studien zur Verwendung von Cannabinoiden bei Krebspatienten zusammengefasst hat. Insgesamt blieben nur acht Studien zur Analyse übrig, welche Cannabinoide wie THC und/oder CBD mit Placebo, gegeneinander oder mit Substanzen wie Codein oder Barbituraten verglichen haben.

Es zeigte sich ein eher schwacher schmerzlindernder Effekt der Cannabinoide. In einer Studie war zum Beispiel eine Behandlung mit 10 mg THC analgetisch so wirksam wie eine Therapie mit 60 mg Codein. „Cannabinoide sind keine Wundersubstanzen und in ihrer analgetischen Wirksamkeit den starken Opioiden unterlegen. Allerdings können sie bei Krebsschmerzen als zusätzliche Medikation eine Verbesserung der Symptomkontrolle bewirken, wie die wenigen Studien zeigen. Mehr wissenschaftliche Untersuchungen sind daher wünschenswert“, so Prof. Kress.

Cannabidiol dämpft Schmerzen ohne Effekt auf das Gehirn

Mit den verschiedenen Cannabis-Inhaltsstoffen hat sich die Wissenschaft schon seit langem beschäftigt. Bei den medizinischen Anwendungen im Vordergrund stand zunächst die bekannteste Substanz, das Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC), das auch die psychotropen Eigenschaften von Cannabis vermittelt. Doch Cannabis sativa L. hat noch mehr zu bieten. Bereits 1940 wurde der Inhaltsstoff Cannabidiol (CBD) identifiziert. „Bei CBD handelt es sich um eine nicht psychotrope Substanz. Sie unterliegt keiner Suchtgiftregelung. Im Körper wird es auch nicht zu THC umgewandelt“, so Prim. Univ.-Prof. Dr. Rudolf Likar, Generalsekretär der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG) und Leiter der Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin am Klinikum Klagenfurt. Beschrieben wurden unter anderem krampflösende, angsthemmende und Übelkeit sowie Entzündungen dämpfende Effekte. Mittlerweile ist der Wirkstoff als hoch gereinigte Substanz aus Industrie-Hanf verfügbar. Auch ein Produkt mit einer Mischung aus THC und CBD gibt es.

Prof. Likar hat CBD als Zusatzmedikation bei mehreren Patienten verwendet, bei denen schwere Schmerzsymptome infolge von Krebserkrankungen, Fibromyalgie oder aus anderen Ursachen auch unter Verwendung von Opioiden und anderen Medikamenten nicht ausreichend unter Kontrolle gebracht werden konnten.

Jedenfalls stellten sich laut den Beobachtungen des Schmerzspezialisten, bei mehreren Patienten durch die zusätzliche Gabe von CBD gute Behandlungsergebnisse ein. So konnten bei den meisten Behandelten die Opioid-Dosis bzw. der Gebrauch noch weiterer Analgetika zumindest deutlich reduziert werden. „Insgesamt war CBD sehr gut verträglich. Weniger gut verträgliche Analgetika konnten abgesetzt oder reduziert werden. Man kann es auch gut mit dem stark wirksamen Opioiden kombinieren, ohne deren Nebenwirkungen zu verstärken“, betont Prof. Likar. Allerdings muss CBD mindestens in einer 20-fach höheren Dosis als THC verabreicht werden. Die übliche Dosis liegt bei zweimal 200 Milligramm pro Tag.

Hinweise auf entzündungshemmende Wirkung

Neue Untersuchungen könnten auch für die Einsetzbarkeit von Cannabidiol bei entzündlichen Gelenkerkrankungen (Arthritis) sprechen. In einer Studie, die im European Journal of Pain erschienen ist, wurde das in einem Tierexperiment bei Ratten belegt. Die Autoren betonten in ihrer Zusammenfassung das Potenzial von CBD in der Therapie von schmerzhafter Arthritis bei offenbarer Absenz von Nebenwirkungen.

Hanf-Extrakte sind kein Ersatz für Medikamente

Mit zunehmender Kenntnis der positiven Eigenschaften von Cannabidiol sei ein „Extrakt-Markt“ entstanden, so Prof. Likar, auf dem „CBD-ÖI“ und andere CBD-Produkte angeboten werden. Ihr Gehalt an Cannabinoiden ist jedoch gering, weil der in Europa erlaubte Industrie-Hanf nicht mehr als etwa 2 Prozent CBD enthält, neben maximal 0,2 Prozent THC. Prof. Likar: „Im Normalfall enthalten Extrakte daher viel zu wenig CBD, um therapeutisch wirksam zu sein. Überdies variieren die Inhaltsstoffe ganz erheblich. Jeder Extrakt hat seine eigene spezifische Zusammensetzung von Cannabinoiden und Nichtcannabinoiden. Extrakte sind daher kein Ersatz für Cannabinoid-Medikamente.“

Quellen:

Sydney Tateo: „State of the evidence: Cannabinoids and cancer pain – A systematic review“. In: Journal of the American Association of Nurse Practitioners. 10 November 2016, DOI: 10.1002/2327-6924.12422

Hammell DC, Zhang LP, Ma F, Abshire SM, McIlwrath SL, Stinchcomb AL, Westlund KN: Transdermal cannabidiol reduces inflammation and pain-related behaviours in a rat model of arthritis. In: Eur J Pain. 2016 Jul;20(6):936-48

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