Hypermobilitätssyndrom, Überbeweglichkeitssyndrom: Überbeweglichkeit und Schmerzen

„Schlangenmenschen“ können ihren Körper und ihre Gelenke in alle Richtungen biegen und verdrehen, oft haben sie ein Hypermobilitätssyndrom. © Brainbitch / flickr.com / Common Creative

„Schlangenmenschen“ können ihren Körper und ihre Gelenke in alle Richtungen biegen und verdrehen, oft haben sie ein Hypermobilitätssyndrom. © Brainbitch / flickr.com / Common Creative CC 2.0

Das Hypermobilitätssyndrom beschreibt eine Überbeweglichkeit der Gelenke mit Schmerzen und anderen Beschwerden gilt als Rheuma-Erkrankung.

Haben Sie schon einmal „Schlangenmenschen“ gesehen? Das sind Menschen, die ihren Körper und ihre Gelenke in alle Richtungen biegen und verdrehen können. Sie treten gerne als Akrobaten im Zirkus auf und ihre Überbeweglichkeit wird vielmals bestaunt. Tatsächlich leiden solche biegsame Menschen sehr oft am Überbeweglichkeitssyndrom oder Hypermobilitätssyndrom. Schwierig ist jedenfalls auch die Unterscheidung der Fibromyalgie von einem Hypermobilitätssyndrom.

Oder denken Sie nur an die Turnerinnen bei den olympischen Spielen. Bei manchen dieser Menschen ist die erhöhte Gelenkigkeit das Ergebnis jahrelangen harten Trainings. Bei anderen ist die Überbeweglich schon in der Kindheit vorhanden. Wenn wir solchen Akrobaten beim Turnen zusehen, dann mischen sich zum Gefühl der Bewunderung oft auch kritische Gedanken.

Ist das überhaupt gesund? Werden diese Menschen später einmal Schmerzen am Bewegungsapparat bekommen? Und da haben Sie eigentlich ganz Recht. Denn eine angeborene oder antrainierte Überbeweglichkeit führt mit zunehmendem Alter oft zu Beschwerden.

 

Hypermobilitätssyndrom ist eine Rheuma-Erkrankung

Im Grunde genommen kann man eine Überbeweglichkeit fast täglich im kleinen Stil beobachten. Beispielsweise gibt es Menschen, die können ihre Knie und Ellbogen über 180° durchstrecken. Oder sie können die Finger um 90° nach hinten verbiegen.

Andere berühren beispielsweise spielend mit den Handflächen den Boden sogar bei durchgestreckten Knien. Man spricht von einem Überbeweglichkeitssyndrom der Gelenke, in der medizinischen Fachsprache Hypermobilitätssyndrom genannt.

Wenn wir geboren werden, ist unser Bewegungsapparat noch nicht entwickelt. Babys sind daher immer hypermobil. Mit der allgemeinen Entwicklung reifen auch unsere Gelenke, die Knochen, die Wirbelsäule und der gesamte Bandapparat.

Damit schränkt sich die Überbeweglichkeit ein, und die Gelenke erhalten jenen Grad der Beweglichkeit, der von Natur aus für das optimale Funktionieren unseres Organismus gedacht ist.

Dieser Zustand wird normalerweise in der Pubertät erreicht. Schon ab dem mittleren Erwachsenenalter setzt dann aber der umgekehrte Prozess ein: die Gelenke und die Wirbelsäule nützen sich ab, die Bänder verkürzen sich, die Muskeln verhärten sich.

All das verringert unsere Beweglichkeit und macht uns steif. Menschen mit einer angeborenen Überbeweglichkeit bleiben dagegen auch im Alter meist zu beweglich. Und das kann Schmerzen verursachen.

 

 

Schmerzen am Bewegungsapparat durch Überbeweglichkeit

Durch die Schwäche von Muskeln, Sehnen und Bindegewebe werden Gelenke und Wirbelsäule stärker beansprucht. Abnützungen an den Gelenken und der Wirbelsäule, Bandscheibenvorfälle und sogar gehäufte Knochenbrüche sind die Folgen.

Es kommt aber auch zu Meniskuseinrissen, Sehnenscheidenentzündungen, wiederholten Ausrenkungen der Gelenke, Leistenbrüchen, Kreuzschmerzen und generellen Muskelbeschwerden.

Plattfüße sind keine Seltenheit, da das Fußgewölbe durch die sonst stützenden Sehnen zusammenbricht. Grundsätzlich kann das Bindegewebe auch an inneren Organen eine Schwäche aufweisen und zu Störungen wie Gebärmuttervorfall, ungewolltem Harnverlust, Krampfadern, Zahnfleischbluten und -schwund und einer gestörten Wundheilung führen. Auch Divertikel, das sind Ausstülpungen der Darmwand, treten gerne auf.

Die Ursache für ein Hypermobilitätssyndrom ist eine angeborene Bindegewebeschwäche. Ein bestimmter Eiweißkörper, nämlich Kollagen, kann sich infolge eines angeborenen Defektes nicht richtig entwickeln. Übrigens ist das Kollagen für die Festigkeit und Stabilisierung unseres Bindegewebes und der Gelenke zuständig ist.

Das Hypermobilitätssyndrom wird oft vererbt und tritt familiär gehäuft auf. Frauen sind wesentlich häufiger als Männer betroffen. Und dieses Überbeweglichkeitssyndrom ist auch nicht harmlos, denn es birgt ein großes Potential für Beschwerden im Alter. Was aber nicht bedeutet, dass automatisch jeder Überbewegliche einmal Schmerzen bekommen muss.

 

Die Klinik macht die Diagnose

Viele Krankheiten lassen sich anhand stichfester Befunde beweisen. Beim Hypermobilitätssyndrom findet man dagegen weder bei den Blutbefunden noch bei den Röntgen- oder Ultraschalluntersuchungen besondere Auffälligkeiten.

Damit kann eine Reihe anderer rheumatischer Leiden, die ähnliche Symptome machen, wie chronische Gelenkentzündungen (chronische Polyarthritis), Wirbelsäulenentzündungen (Bechterew), Muskelentzündungen (Polymyalgia rheumatica) und Bindegewebsentzündungen (Kollagenosen) sofort ausgeschlossen werden. Denn dort hat man erhöhte Entzündungswerte und Rheumafaktoren.

Wichtig ist auch die Abgrenzung zu neurologischen Muskelstörungen und Muskelschwund. Diese lassen sich durch erhöhte Muskelenzyme im Blut und durch charakteristische Veränderungen bei einer Muskelbiopsie und Magnetresonanz diagnostizieren.

 

Hypermobilitätssyndrom zu Fibromyalgie abgrenzen

Schwierigkeiten bereitet dagegen. das Hypermobilitätssyndrom von einer Fibromyalgie abzugrenzen. Diese rheumatische Erkrankung Fibromyalgie ist ja durch großflächige Muskelschmerzen am ganzen Körper gekennzeichnet.

Zudem finden sich typische schmerzhafte Druckpunkte an exponierten Körperstellen sowie eine allgemeine Müdigkeit und Erschöpfung. Zudem sind auch bei der Fibromyalgie alle Befunde negativ.

Der erfahrene Rheumatologe kann aber jedenfalls anhand einer genauen klinischen Untersuchung und der Vorgeschichte der Beschwerden die Unterscheidung treffen und die richtige Therapie beginnen.

Hilfreich für die Diagnose sind auch die von englischen Rheumatologen entwickelten Kriterien (Beighton-Score):

Treten zumindest drei dieser Symptome symmetrisch auf und kommen Schwellungen der Gelenke und Gelenkschmerzen dazu, dann gilt die Diagnose Überbeweglichkeitssyndrom als gesichert. Zusätzlich muss man auf andere oben genannte Beschwerden achten, die die Diagnose dann erhärten.

 

So wird das Hypermobilitätssyndrom behandelt

Die Behandlung beginnt bereits bei der Prävention. Hypermobile Kinder und Jugendliche sollten keinesfalls ihr „Talent“ ausnützen und vielleicht noch fördern. Gerade im Spitzensport und beim Ballett passieren diesbezüglich viele Fehler. Sowohl bei der Therapie als auch bei der Prävention steht eine stabilisierende Muskelkräftigung im Vordergrund, um Wirbelsäule und Gelenke zu entlasten und die Überbeweglichkeit einzudämmen.

Das Muskeltraining müssen Betroffene im Gegensatz zu gesunden Menschen vorsichtig beginnen und behutsam steigern. Wobei Dehnungsübungen oder mobilisierende Gymnastik meist problematisch sind. Außerdem sollten sie eine Chirotherapie weitgehend meiden.

Vorübergehend wirken sich jedenfalls Bandagen, Stützverbände oder Schienen positiv aus. Denn die entsprechenden Gelenke oder Wirbelsäule kann man damit gut stabilisieren. Allerdings würde beim ständigen Tragen von Schienen und Miedern die Muskulatur schwinden und dies die Überbeweglichkeit noch fördern, wobei klassische Heilmassagen oft die Schmerzen verstärken. Hingegen wirken sich die Kurmedizin sowie Wasseranwendungen und zudem auch die Akupunktur meist positiv aus.

Zur Schmerzbekämpfung gibt man Schmerzmittel (Analgetika) und Antirheumatika, die zugleich auch entzündungshemmend wirken. Bei chronischen Schmerzen werden weiter Antidepressiva mit gutem Erfolg eingesetzt. Sie beeinflussen die Schmerzwahrnehmung und fördern Stimmung sowie einen guten Schlaf.

In den letzten Jahren kommen zudem zunehmend „neuropathische Schmerzmittel“ zur Anwendung, die ziehende Muskelschmerzen, Nervenschmerzen, Gefühlstörungen an den Extremitäten und Hautbrennen lindern.

 

Nach der Diagnose Hypermobilitätssyndrom geht es den Betroffenen besser

Im Grunde genommen ist oftmals alleine schon das Stellen der richtigen Diagnose Hypermobilitätssyndrom beziehungsweise Überbeweglichkeitssyndrom hilfreich. Denn viele Betroffene fühlen sich nicht verstanden und werden als Hypochonder hingestellt. Die Erkenntnis, dass man an einer behandelbaren Krankheit leidet, gibt jedenfalls vielen Patienten neuen Mut.


Anmerkung der Redaktion: Das sogenannte benigne Hypermobilitätssyndrom gilt aübrigens ls eine der häufigsten erblichen Bindegewebsstörungen bei Kindern, bei denen auch eine Beteiligung des autonomen Nervensystems besteht. (Das autonome Nervensystem reguliert ohne willkürliche Kontrolle physiologische Prozesse.) Häufig kommt es gleichzeitig auch zu einem vermehrten Schwitzen auf der Stirn, in den Achseln, Hände sowie an den Füßen.


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