Daoismus bedeutet individuelle Unabhängigkeit

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Daoismus als Sammelbezeichnung für Denker recht unterschiedlicher Geistesströmungen bietet individuelle Unabhängigkeit im Rahmen der Natur.

Ein Mensch gilt in der Traditionellen Chinesischen Medizin – TCM – als gesund, wenn er sich mit dem Mikrokosmos und dem Makrokosmos in Harmonie befindet. Aber nicht nur die Gesundheit ist und war den Chinesen erstrebenswert, sondern auch das Erlangen ein möglichst langes Leben.

Dieses Streben kann als die Triebkraft zur Entwicklung der so frühen und komplexen Medizin Chinas angesehen werden. Die drei großen philosophischen Richtungen Daoismus, Konfuzianismus und Buddhismus beeinflussten die Traditionelle Chinesischen Medizin maßgeblich.

 

Der Daoismus als typisches chinesisches Gedankengut

Die Religion oder Philosophie – Bezeichnung je nach Ansicht – des Daoismus bildete gewiss die Basis dessen, was wir als typisches, chinesisches Gedankengut empfinden und ist für die TCM von großer Bedeutung, so dass wir uns mit ihm etwas näher beschäftigen werden.

Der Daoismus ist eine im 1. Jh. v. Chr. geprägte Sammelbezeichnung für Denker recht unterschiedlicher Geistesströmungen, denen – entgegen der herrschenden Meinung der tonangebenden Philosophen jener Zeit – individuelle Unabhängigkeit im Rahmen der Natur und mit ihr heilig waren. Der Daoismus hat zahlreiche »Weisen« hervorgebracht, die mit ihren uns überlieferten Aussprüchen fähig sind, gerade auch heute unser westliches Herz zu erhellen.

Der Ursprung des Daoismus kann in vorgeschichtlicher Zeit gesehen werden. Der erste der drei legendären Kaiser, Fu Hsi (2852–2738 v. Chr.), soll die Grundlage für das Buch »I Ging – „Buch der Wandlungen« geschaffen haben.

Schon im »Nei jing«, dem wichtigsten Grundlagenwerk der chinesischen Medizin, ist das Prinzip vom Wirken der Naturkräfte in Bezug auf den Menschen dargestellt. Das »Nei jing« wird dem legendären »Gelben Kaiser« (2600 v. Chr.) zugeschrieben. Er soll darin bereits vorhandenes Wissen gesammelt haben.

Einen belegbaren Meilenstein in der Aufzeichnung theoretischen und praktischen Naturwissens finden wir im 3. Jh. v. Chr., wo das »Nei jing«, neu systematisiert, niedergeschrieben wurde. In diesem Weisheitsbuch sind in symbolischen Grundmustern mittels 64 Hexagrammen alle mikro- und makrokosmischen Erscheinungen der Erde und des Weltalls dargestellt.

Die Wandlungsmöglichkeiten von Natur und Geist, Medizin, Psychologie und Soziologie, Materie und Energie, dargestellt in den 64 Hexagrammen, wurde seit Alters her auch zur Interpretation von aktuellen Lebenssituationen – sowie zur Weissagung von zukünftigen Entwicklungen der Welt und der Menschen in der Gesellschaft oder als einzelnes Individuum – verwendet. Es ist das am häufigsten übersetzte Buch der Erde.

Abhandlungen über das »I Ging«, das im Lauf der folgenden Jahrhunderte durch Zusätze ergänzt wurde, umfassen die Themen von allen denkbaren Fachbereichen, beschäftigen Gelehrte seit Jahrtausenden und füllen mittlerweile ganze Bibliotheken.

 

Was ist das Dao des Daoismus?

Im »Dao de jing« steht: „Das Dao gebar das Eine, das Eine gebar die Zweizahl, die Zweizahl gebar die Dreizahl, aus der Dreizahl wurde die Vielzahl. Die Vielzahl der Dinge, getragen vom Yin umfangen vom Yang, geeint werden sie durch den allumfassenden Krafthauch.“

Das Dao ist der Schoß, aus dem alle Wesen und Dinge hervorgehen. Das Dao gebiert Himmel und Erde und die Menschen. Das Lebensziel des Menschen ist die Heimkehr in das Dao durch Übereinstimmung mit Himmel und Erde.

Das Dao wirkt durch seine Kraft »Chi«. »Chi« ist vielleicht vorstellbar als »Lebensenergie«, jene kosmische Urkraft, die sich in den zwei Wirkkräften Yin und Yang manifestiert. Aus der Beobachtung des Wechsels von Tag und Nacht entspringt die Idee zur Yin-Yang-Theorie.

Die alten Chinesen stellten sich die Erde flach vor und darüber den Himmel als ein rundes Gewölbe. Dem Himmel mit der heißen, hellen Sonne, die aktiv Wärme und Licht spendet, gaben sie das Symbol »Yang«. Es wird mit einem durchgehenden Balken dargestellt ( — ). Das chinesische Schriftzeichen für »Yang« bedeutet »die Sonnenseite eines Hügels«.

»Yin« ist das Symbol für die kühle, dunkle Erde, die Wärme speichert und Licht absorbiert, das Symbol Yin wird mit einem unterbrochenen Balken dargestellt ( – – ). Das chinesische Schriftzeichen für »Yin« bedeutet »die Mondseite eines Hügels«.

 

Yin und Yang im Daoismus

Ying und Yang im Daoismus

Ying und Yang im Daoismus

Aus der Verbindung von Himmel und Erde entstand im Daoismus der Mensch und auch alle Lebewesen sowie die gesamte belebte Natur. Yin und Yang sind zwei sich ergänzenden, gegensätzlichen Polen. Yin und Yang sind allen Erscheinungen des Himmels und der Erde, der Natur und des Geistes zugeordnet. Yin und Yang werden ursprünglich in Form von Trigrammen (Dreier) und in weiterer Folge als Hexagramme (Sechser) dargestellt.

Yin und Yang sind zwei entgegengesetzte Kräfte, die einander bedingen und nicht einzeln bewertet werden können. Durch Ab- und Zunahme befinden sie sich in einem periodischen Zusammenspiel, das die Manifestation des Dao ist und das in der Ordnung und Wandlung alles Seienden des Universums und der Erde und deren Wirkungen zum Ausdruck kommt.

Die Sonne geht im Osten auf, es kommt damit Licht und Wärme auf die Erde, also wird der Osten dem Yang zugeordnet und somit der Westen, als das natürliche Gegenüber, dem Yin.

Der Kaiser, als Mittler zwischen Himmel und Erde, stand dem Süden zugewandt, also war links von ihm der Osten und rechts von ihm der Westen. Somit ist »links«Yang zugeordnet und »rechts« Yin. Der Süden, warm und hell, ist also Yang, der Norden, kalt und dunkel, Yin zugehörig. Die Sonne und die Sterne, die Energie abgeben, sind Yang-Repräsentanten, die Erde und die Monde, die Energie aufnehmen, sind somit Yin-Repräsentanten.

Alles aktive, gebende, ist Yang zugeordnet, und demzufolge ist alles passive, aufnehmende Yin zugeordnet. Das bekannte Yin-Yang-Symbol, auch Monade genannt, enthält aber im Bereich von Yin (dunkel) und Yang (hell) jeweils einen kleinen Teil der anderen Polarität. Dies zeigt sehr anschaulich, dass es kein absolutes Yin oder Yang gibt.

In jedem Yin ist etwas Yang enthalten und in jedem Yang etwas Yin. In jeder Frau (Yin) gibt es männliche Anteile (Hormone), und in jedem Mann (Yang) gibt es weibliche Anteile (Hormone). Die Beziehungen zwischen Yin und Yang sind fließend.

In der Jahreszeit des Winters (Yin) bereitet sich der Frühling, der zum Sommer führt, vor, im höchsten Sommer (Yang) klingt die Energie und somit das Wachstum ab, und es geht langsam über den Herbst dem Winter zu.

 

Daoisimus und die Natur

Die Natur zeigt uns am deutlichsten, dass Yin und Yang einander bedingen, dass sie sich ergänzen und dass sie sich auch gegenseitig verbrauchen. Ist das größte Ungleichgewicht von Yin und Yang erreicht, so gehen die beiden Kräfte in ihr Gegenteil über.

An der Abfolge der Jahreszeiten ist dieses Naturgesetz deutlich zu erkennen, zum Beispiel bei der Wintersonnenwende und bei der Sommersonnenwende. Yin und Yang stehen aber auch für zwei gegensätzliche Phasen im Prozess von Wandlung im Sinne von Transformation aller Dinge des Universums.

Wird zum Beispiel das Wasser der Seen, Meere und Flüsse tagsüber erwärmt (Yang-Wirkung), so steigt Wasserdampf auf. Der Wasserdampf ist aber weniger materiell als Wasser. Daher ist Wasserdampf Yang in Beziehung zum Wasser. Abends, wenn der Wasserdampf wieder abkühlt (Yin-Wirkung) und sich als Tau auf die Erde nieder senkt, wandelt er sich wieder zu Yin.

Jede Erscheinungsform im gesamten Universum kann aus mehr oder minder dichten Materien bestehen. Die dichteren Materien sind in Yin repräsentiert, die wenig dichten Materien in Yang.

In seiner reinsten und dünnsten Form ist Yang gänzlich immateriell, also reine Energie, und Yin ist in seiner dichtesten Form reine Materie. In den alten chinesischen Büchern steht geschrieben: „Die reinen und leichten Teile streben aufwärts und bilden den Himmel, das Yang wird in »Qi« umgewandelt, und die groben und schweren Teile sinken abwärts und bilden die Erde, das Yin wird in materielles Leben umgewandelt.

Der Mensch besteht aus dem Körper (Yin) und dem »Qi« (Yang) – der Lebensenergie.“ Yin kann aber nur in Beziehung zu Yang definiert werden und umgekehrt. Zum Beispiel gäbe es keine Täler (Yin), wenn es keine Berge (Yang) gäbe, keinen Schatten (Yin) ohne Licht (Yang), und wie wüssten wir, was Kälte (Yin) ist, wenn wir nicht die Wärme (Yang) erfahren hätten, was wäre die Ruhe (Yin) ohne die Aktivität (Yang), was wäre für uns Glück (Yang), gäbe es nicht das Unglück (Yin)?

 

Die wichtigsten Erkenntnisse der Yin- und Yang-Lehre und die berühmtesten »Weisen des Daoismus«

Yin und Yang sind nicht statisch, sondern wandeln sich ineinander um. Jedes Mal, wenn die Bedingungen vorhanden sind und die Zeit reif ist, findet der Prozess der Wandlung statt. Yin ist nur Yin in Beziehung zum Yang in genau dem bestimmten Zeitpunkt, und Yang ist nur Yang in Beziehung zu Yin in einem ganz bestimmten Zeitpunkt.

Die zwei auch im Westen bekanntesten »Weisen des Daoismus« sind Lao Zi und Zhuang Zi. »Lao zi« bedeutet »alter Meister«, er soll der Legende nach angeblich von 604–517 v. Chr. gelebt haben und das berühmteste Buch des Daoismus das »Dao de Jing« verfaßt haben.

Der zweite »große Meister« des Daoismus war Zhuang Zi. Er lebte von 369–286 v. Chr. und wird als der große Dichter und Mystiker des Daoismus bezeichnet. Sein Hauptwerk ist »Das wahre Buch vom südlichen Blütenland«. Es gilt als das vollkommenste Lebensbuch des Daoismus.

Quellen und weitere Informationen:

Traditionelle Chinesische Medizin und Daoismus. MEDMIX 4/2005; S64-65.

http://www.bbc.co.uk/religion/religions/taoism/

http://www.tao.org/

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About Author

Ann-Marie Nüsslein

MEDMIX-Redaktion, AFCOM Digital Publishing Team

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