Zu viel Cortisol und Hormonveränderungen

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Rainer Muller
Rainer Mullerhttp://www.afcom.at
MEDMIX-Redaktion, Projektleiter, AFCOM Digital Publishing Team

Zu viel an Cortisol kann zu den charakteristischen Veränderungen wie einem Vollmondgesicht und Übergewicht bis hin zu Diabetes führen.

Nicht immer sind Übergewicht, mangelnde Bewegung sowie eine familiäre Veranlagung die Ursache für einen Diabetes mellitus Typ 2. In seltenen Fällen können auch Hormone (Botenstoffe) wie zum Beispiel ein zu viel an Cortisol zu einem ähnlichen Krankheitsbild mit erhöhten Blutzuckerspiegeln führen. Wenn diese seltenen Hormonerkrankungen rechtzeitig erkannt und behandelt werden, so können viele Probleme vermieden werden.

 

Patientenbeispiel Cushing-Syndrom

Frau S. F., 45 Jahre, klagte schon längere Zeit über eine ständige Gewichtszunahme, Abgeschlagenheit, Schwäche, depressive Gedanken sowie über unschöne Veränderungen Ihres Aussehens mit zunehmender Gesichtsröte, einem runden Gesicht mit „Pausbacken“ sowie einer „dünnen Haut“ mit Dehnungsstreifen und Neigung zu Blutergüssen.

Trotz intensiver Bemühungen mit Diät und verstärkter sportlicher Aktivität war es ihr nicht gelungen, diese Entwicklung aufzuhalten. Deswegen war die Enttäuschung der Patientin groß. Vor allem als nach einiger Zeit auch noch die Diagnose Diabetes mellitus dazu kam.

Erfreulicherweuse konnte ihr nach einer Untersuchung ein Hormonspezialist (Endokrinologe) mitteilen, dass man  Diabetes und Gewichtsproblem durch Operation heilen kann.

 

Was war der Hintergrund?

Im Rahmen der vom Hausarzt veranlassten Hormonuntersuchung war ein sogenanntes „Cushing-Syndrom“ diagnostiziert worden, welches durch einen gutartigen hormonproduzierenden Knoten in der Hirnanhangdrüse verursacht wurde. Nach einer erfolgreichen Operation dieses Adenoms durch die Nase ist es dann, wie vom Arzt angekündigt, zu einer langsamen, aber kontinuierlichen Besserung der körperlichen Veränderungen und der Blutzucker-Stoffwechsellage gekommen.

Frau F. hat nun auch ohne Medikamente wieder einen normalen Blutzucker und bemerkt eine deutliche Verbesserung ihrer Leistungsfähigkeit. Am größten war jedoch ihre Erleichterung, dass die Ursache für die stetige Gewichtszunahme und die körperlichen Veränderungen gefunden worden war und sie wieder damit beginnen konnte, durch regelmäßige körperliche Aktivität ihre Leistungsfähigkeit zu verbessern, und dass keine weitere Medikamenteneinnahme mehr notwendig war.

 

Was zu viel Cortisol bewirken kann

Cortisol ist ein lebensnotwendiges Hormon, welches unter dem Einfluss des Gehirns (Hypothalamus) und der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) in den beiden Nebennieren gebildet wird. Es entsteht aus dem Cholesterin und wird aufgrund seiner chemischen Struktur als Steroidhormon bezeichnet. Die Cortisolsekretion unterliegt einem sehr genauen Regelkreis und zeigt eine ausgeprägte Tagesrhythmik mit sehr hohen Spiegeln in den frühen Morgenstunden um 5.00 Uhr und einem Abfall in der zweiten Tageshälfte mit sehr niedrigen Spiegeln um Mitternacht.

Als wichtigstes Stresshormon des Körpers wird es darüber hinaus bei akuten psychischen oder physischen Belastungssituationen sehr schnell in hohen Konzentrationen ausgeschüttet. Es aktiviert als sogenanntes „Kampf- und Fluchthormon“ den Stoffwechsel, fördert als Gegenspieler des Insulins die Zuckerbereitstellung und wirkt sehr stark entzündungshemmend.

 

Wenn Cortisol fehlt

Ein Fehlen dieses lebensnotwendigen Hormons zum Beispiel nach einer beidseitigen operativen Entfernung der Nebenniere oder einer autoimmunen Zerstörung der Nebennierenrindenfunktion (in Analogie zum autoimmun bedingten Typ-1-Diabetes) führt zu einem starken Schwächegefühl, rascher Ermüdbarkeit, niedrigem Blutdruck, Neigung zu niedrigen Blutzuckerspiegeln, Bauschmerzen bis hin zu einem Koma.

Insbesondere im Rahmen von akuten zusätzlichen Stresssituationen wie Unfällen, Infektionen oder Operationen kann es dann zu einer lebensbedrohlichen Mangelsituation mit Ausbildung einer Schocksituation kommen. Daher muss bei einem Mangel an Cortisol ebenso wie beim Insulinmangel unbedingt ein Ersatz dieses Hormons erfolgen, was glücklicherweise durch die Einnahme von Tabletten möglich ist.

Umgekehrt kann ein chronischer Überschuss an Cortisol – zum Beispiel durch einen Cortisol-produzierenden Tumor in der Nebennierenrinde oder einen hormonproduzierenden Knoten (Adenom) in der Hirnanhangsdrüse – zu schwerwiegenden Veränderungen mit Abbau von Körpereiweiß und Knochenmasse mit Muskelschwund und Osteoporose führen sowie zu verstärkter Glukosebereitstellung bis hin zum Diabetes, stammbetontem Übergewicht, Hautveränderungen, psychischen Problemen und Abwehrschwäche.

 

Welchen Einfluss hat Cortisol auf den Blutzucker-Stoffwechsel?

Cortisol ist neben Adrenalin, Wachstumshormon und Glukagon einer der wichtigsten hormonellen Gegenspieler der Insulinwirkung. Es fördert die Bereitstellung von Glukose aus der Leber, erhöht die Glukagonsekretion und verstärkt die Insulinresistenz. Damit kann ein chronischer Cortisolüberschuss zum Beispiel durch ein Cushingsyndrom oder eine chronische Einnahme als Medikament eine diabetische Stoffwechsellage verschlechtern oder auch zum Neuauftreten eines Diabetes mellitus führen. Im letzteren Fall spricht man dann nicht von einem Typ 2-Diabetes, sondern von einem sogenannten sekundären Typ-3-Diabetes nach Cortisoleinnahme (Steroiddiabetes).

Eine wichtige Rolle spielt das Cortisol auch bei der morgendlichen BZ-Regulierung. Normalerweise kommt es in den frühen Morgenstunden um ca. 5.00 Uhr zu einem deutlichen Anstieg der Cortisolspiegel, welche das Aufwachen des Menschen hormonell vorbereiten. Beim Gesunden kompensiert eine ansteigende Rate der basalen Insulinsekretion diesen Anstieg von Cortisol sehr gut. Einschließlich der damit verbundenen verstärkten Freisetzung von Glukose aus der Leber. Diese Möglichkeit fehlt jedoch beim Typ 1-Diabetiker, der ja keine eigene Insulinsekretion mehr besitzt.

Dies kann dann bei Diabetiker zu dem sogenannten Morgendämmerungsphänomen (Dawn-Phänomen) mit stark ansteigenden BZ-Spiegeln in den frühen Morgenstunden führen. Da der Patient zum Zeitpunkt des frühmorgendlichen Anstiegs von Cortisol und anderen Gegenspielerhormonen des Insulins in der Regel noch schläft, kann bei Vorliegen eines ausgeprägten Morgendämmerungsphänomens neben einer Umstellung der basalen Insulintherapie auch eine stundengenaue Anpassung der Basalinsulinrate durch eine Insulinpumpentherapie notwendig werden.

 

Was ist ein Cushing-Syndrom?

Das Cushing-Syndrom bezeichnet körperlichen Veränderungen, die ein chronisches Überschuss des Stresshormons Cortisol verursachen. Die seltene Hormonerkrankung wurde nach ihrem Erstbeschreiber, dem amerikanischen Neurochirurgen Harvey Cushing, benannt und kann sowohl durch cortisolproduzierende Tumoren der Nebennierenrinde, aber auch durch Adenome (gutartige Tumoren) der Hirnanhangsdrüse, welche das übergeordnete regulierende Hormon ACTH (Adrenocorticotropes Hormon) bilden, verursacht werden.

Da die vermehrte Produktion von Cortisol zu viel des Hormons im Körper bringt, kommt es zu charakteristischen Veränderungen. Und zwar mit Auftreten eines runden, meist geröteten Gesichts („Vollmondgesicht“) und einer stammbetonten Übergewichtigkeit. Weiter kann die Ausbildung von dünner, verletzlicher Haut mit Dehnungsstreifen auftreten. Hinzu kommt eine Neigung zu Blutergüssen, Osteoporose, Muskelschwäche, Erhöhung der Blutzuckerspiegel bis hin zum Diabetes. Schließlich leiden die Betroffenen meistens auch an starken psychischen Veränderungen mit Depression. Wenn der Arzt die seltene Erkrankung rechtzeitig erkennt, dann kann in der Regel eine Operation zur Heilung führen.

Zu den gleichen Symptomen kann es jedoch auch kommen, wenn man aufgrund entzündlicher, autoimmuner oder rheumatischer Erkrankungen Kortison oder ähnlich wirkende Medikamente (Glukokortikoide) langfristig in hohen Dosen einnehmen muss. Wie beim körpereigenen Cortisol findet sich auch unter dem Einfluss dieser Medikamente als Nebenwirkung oft eine deutliche Verschlechterung der Blutzucker-Stoffwechsellage. Und zwar bis hin zum Neuauftreten eines Diabetes mellitus. Dann muss in der Regel der Arzt die Diabetestherapie mittels Einsatz von Insulin verstärken.

 

Kortison kann Diabetes begünstigen

Die Tatsache, dass Kortison einen Diabetes begünstigen kann, ist schon lange bekannt. Je höher und je länger die notwendige Kortisoneinnahme ist, desto stärker ist die diabetesfördernde Wirkung. Eine Verschlechterung des Blutzuckerstoffwechsels können aber auch cortisolhaltige Salben und in seltenen Fällen auch Kortisonsprays verursachen. Daher muss bei einer notwendigen Glukokortikoidtherapie vom Arzt zusammen mit dem Patienten immer eine genaue Nutzen-Risiko-Abwägung vorgenommen werden. Wenn der Patient aber das Kortison braucht, dann kann man diese medikamentös verursachte Blutzuckererhöhung durchaus wieder in den Griff bekommen. In seltenen Fällen kann alleine eine Anhebung der Diabetestherapie durch zusätzliche Tabletteneinnahme ausreichen.

In den meisten Fällen wird es jedoch notwendig sein, dem Blutzuckeranstieg mit einer Insulintherapie entgegenzuwirken. Dabei muss man beachten, dass der Insulinbedarf sehr stark von der Dosis der eingesetzten cortisolhaltigen Medikamente abhängig ist. Und zwar im Zusammenhang mit der behandelnden Grunderkrankung sowie dem Ausmaß der bestehenden Blutzuckerstoffwechselstörung. Das rechtzeitige Ausschleichen der Cortisontherapie führt dann zu einer Reduktion der Insulinmenge, um das Auftreten von Unterzuckerungen zu vermeiden.

 

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Entstehung eines Cushing-Syndroms und der Entstehung eines Typ-2-Diabetes mellitus?

Aufgrund der großen klinischen Übereinstimmung zwischen dem Krankheitsbild Cushing-Syndrom mit bauchbetonter Übergewichtigkeit, Blutzuckerspiegelerhöhung, Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörung sowie Insulinresistenz und dem klassischen Typ-2-Diabetes, der ja durch eine Kombination aus bauchbetonter Adipositas und Insulinresistenz sowie einer Insulinsekretionsstörung entsteht, hat man schon sehr lange über eine mögliche gemeinsame Ursache beider Erkrankungen nachgedacht. Hierzu rückte in den letzten Jahren ein Enzym in den Blickpunkt, das für die Aktivierung von Cortisol verantwortlich ist.

Das Enzym, die sogenannte 11ß-HSD (11beta-Hydroxysteroid Dehydrogenase) führt zur Umwandlung der inaktiven Vorstufe Cortison zum aktiven Cortisol. Eine lokal erhöhte Aktivität dieses Enzyms im Fettgewebe kann – zumindest im Tiermodell – zu Diabetes-Typ-2 sehr ähnlichen Krankheitsbild führen. Und zwar zeigen sich Symptome wie Übergewicht, Fettstoffwechselstörung sowie Insulinresistenz. Umgekehrt könnte die medikamentöse Hemmung des Enzyms eine neue Behandlungalternative bei Diabetes-Typ-2 sein.

So könnten die sogenannten 11ß-HSD-Inhibitoren die lokal erhöhte Cortisolwirkung im Fettgewebe und in der Leber vermindern. Außerdem können sie der bauchbetonten Übergewichtigkeit sowie einem Blutzuckeranstieg entgegengewirken. Frühe klinische Studien setzen daher große Hoffnungen in die Entwicklung dieser innovativen Medikamentengruppe für die Behandlung des Typ-2-Diabetes.

Quelle: Statement »Wenn Hormonveränderungen stören? Cortisol, lebensnotwendiges Stresshormon aus der Nebenniere und wichtiger Gegenspieler des Insulins« von Professor Dr. med. Matthias M. Weber, Leiter der Endokrinologie und Diabetologie der Universitätsmedizin Mainz und Mediensprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE), PK der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) und der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), Juni 2018, Berlin

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