Corona-Studie: Lockdown könnte kindliche Kurzsichtigkeit fördern

Viel Licht setzt Dopamin in der Netzhaut frei – mit diesem Hintergrund soll das Spielen im Freien gegen Kurzsichtigkeit bei Kindern helfen. ©BLUR LIFE 1975 / shutterstock.com

Chinesische Daten zeigen, dass Corona-Lockdowns Kurzsichtigkeit bei Kindern fördern, Augenärzte raten zu mehr Tageslicht-Aktivitäten und weniger Smartphone-Nutzung.

Mehrere chinesische Untersuchungen an 123.000 Schulkindern konnten zeigen, dass sich die Kurzsichtigkeit der Sechs- bis Achtjährige Kinder im Corona-Pandemie-Jahr 2020 im Schnitt um 0,3 Dioptrien verschlechterte. Ursachen für die aktuelle Zunahme der Kurzsichtigkeit bei Kindern könnten der seltenere Aufenthalt im Freien und das mit viel Bildschirmarbeit verbundene Homeschooling während des Corona-Pandemie bedingten Lockdowns sein, vermuten die Studienautoren. Experten der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) empfehlen den Eltern, jüngeren Kindern trotz der Einschränkungen durch die Covid-19-Pandemie möglichst viel Tageslicht zukommen zu lassen. Zudem sollte die Nutzung von Smartphones, Tablets und PCs mit Bedacht erfolgen.

 

Von mangelnden Aktivitäten im Freien und Homeschooling betroffen

Grundlage der Studie waren die jährlichen Routineuntersuchungen auf Kurzsichtigkeit bei Grundschulkindern in der chinesischen Stadt Shandong. Dabei verglichen die Forscher die Ergebnisse der Jahre 2015 bis 2020. Resultat: Der Anteil der Kurzsichtigen pro Jahrgang stieg bei den Sechsjährigen von 5,7 Prozent in 2019 auf 21,5 Prozent im Jahr 2020. Bei den Achtjährigen erhöhte sich die Quote in diesem Intervall von 27,7 auf 37,2 Prozent. Vor allem jüngere Kinder, bei denen der Augapfel noch wächst, sind besonders von mangelnden Aktivitäten im Freien und Homeschooling betroffen.

„Die Stärke der Studie liegt eindeutig in der hohen Fallzahl“, sagt Professor Dr. med. Wolf Lagrèze. „Ihre Schwäche liegt darin, dass die Brillenwerte nicht mit erweiterter Pupille bestimmt wurden. Ferner gibt es keine Daten zur Länge des Augapfels, was heute eigentlich Standard ist in derartigen Studien, aber natürlich bei solch einer riesigen Kohorte schwer umzusetzen ist“, fügt der DOG-Experte von der Augenklinik des Universitätsklinikums Freiburg hinzu.

Dennoch sind die DOG-Experten besorgt. „Sollte sich der Effekt dieser Studie bewahrheiten, dass Sechs- bis Achtjährige durch einen Lockdown einen solch starken Refraktionsfehler in jungen Jahren entwickeln, ist von einer Zunahme der kindlichen Kurzsichtigkeit auch bei uns auszugehen, da wir im Frühjahr ebenfalls einen längeren Lockdown mit geschlossenen Schulen, aber auch geschlossenen Spielplätzen hatten“, ergänzt Professor Dr. med. Alexander Schuster vom Zentrum für ophthalmologische Epidemiologie und Versorgungsforschung der Augenklinik und Poliklinik an der Universitätsmedizin Mainz.

 

Kurzsichtigkeit bei Kindern in der Corona-Pandemie entgegenwirken: auch während des Lockdowns täglich im Freien Aktivitäten setzen

Im Grunde genommen sollten Eltern ihren Kindern während des Lockdowns einen täglichen Aufenthalt von mindestens zwei Stunden im Freien ermöglichen. „Dafür eignen sich gemeinsame Spaziergänge oder auch Spielplätze, die ja glücklicherweise während des derzeitigen Lockdowns nicht gesperrt sind“, rät Schuster. „Auch sollten die Schreibtische der Kinder während des Homeschoolings möglichst in der Nähe großer Fenster stehen, um die Leuchtdichte zu erhöhen“, ergänzt Lagrèze. Zudem empfehlen die Augenexperten, für den Online-Unterricht große Bildschirme zu nutzen. Zudem sollte man einen Augenabstand von mindestens einem halben Meter zum Monitor einhalten. „Um kleinere Kinder von Smartphones fernzuhalten, die ebenfalls unter Verdacht stehen, Kurzsichtigkeit zu fördern, bieten sich Hörbücher an“, so Schuster.

Die Frage, ob die Ursache der Zunahme an Kurzsichtigkeit eher auf verstärkte Bildschirmarbeit oder aber den fehlenden Aufenthalt im Freien zurückzuführen ist, beantwortet die chinesische Studie nicht. Kürzlich konnte allerdings eine große Studie aus Taiwan belegen, dass die Zunahme an Kurzsichtigkeit bei Kindern durch einen täglichen Aufenthalt im Freien von 120 Minuten während der Schulzeit umgekehrt werden konnte. Und die Rate der Kurzsichtigen sinkt seither jährlich, von 50 Prozent auf nun wieder 40 Prozent.


Literatur:

Wang J, Li Y, Musch DC, Wei N, Qi X, Ding G, Li X, Li J, Song L, Zhang Y, Ning Y, Zeng X, Hua N, Li S, Qian X. Progression of Myopia in School-Aged Children After COVID-19 Home Confinement. JAMA Ophthalmol. 2021 Jan 14:e206239. doi: 10.1001/jamaophthalmol.2020.6239. Epub ahead of print. PMID: 33443542; PMCID: PMC7809617.

Wu PC, Chen CT, Chang LC, Niu YZ, Chen ML, Liao LL, Rose K, Morgan IG. Increased Time Outdoors Is Followed by Reversal of the Long-Term Trend to Reduced Visual Acuity in Taiwan Primary School Students. Ophthalmology. 2020 Nov;127(11):1462-1469. doi: 10.1016/j.ophtha.2020.01.054. Epub 2020 Feb 8. PMID: 32197911.


Quelle: Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG)

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