Cannabisblüten gegen Schmerzen verschreiben

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In Deutschland dürfen seit dem Frühjahr alle Ärzte Cannabisblüten verschreiben, von einer Eigentherapie mit Cannabisblüten raten Experten ausdrücklich ab.

Durch das – von den Medien gelobte – Gesetz zur „Änderung betäubungsmittelrechtlicher und anderer Vorschriften“ vom 6. März 2017 dürfen Ärzte aller Fachrichtungen Cannabisblüten und -extrakte verschreiben. Diverse Pressemitteilungen haben in dieser Zeit in der Öffentlichkeit den Eindruck erweckt, dass Patienten mit chronischen Schmerzen zuvor ein wirksames Schmerzmittel vorenthalten wurde bzw. jetzt – dank dem einstimmigen Beschluss aller im 18. Bundestag vertretenen Parteien – zur Verfügung steht.

Viele Schmerzpraxen und Schmerzambulanzen sehen sich mit mehr oder minder vehement vorgetragenen Forderungen von Patienten zur Rezeptierung von Cannabis konfrontiert. Bei der Diskussion um den Nutzen von Cannabis in der Schmerz- und Palliativmedizin ist es wichtig, verschiedene Formen cannabishaltiger Medizin zu unterscheiden:

Nach den Qualitätskriterien einer evidenzbasierten Medizin liegt eine eingeschränkte Evidenz nur für das Rezepturarzneimittel THC/CBD-Spray vor, nicht jedoch für das Dronabinol, Medizinalhanf und Nabilon bei chronischen neuropathischen Schmerzen. Nach den Qualitätskriterien einer evidenzbasierten Medizin liegt keine ausreichende Evidenz für alle Cannabinoide bei allen anderen chronischen Schmerzsyndromen (z. B. Krebsschmerzen, Fibromyalgiesyndrom) oder Symptomen in der Palliativmedizin (z. B Appetitverlust, Übelkeit) vor.

Die Bundesärztekammer hatte sich im Vorfeld der Gesetzesänderung gegen die Verschreibungsfähigkeit von Medizinalhanf ausgesprochen, da keine ausreichende wissenschaftliche Evidenz vorliegt. Die Deutsche Schmerzgesellschaft und die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin begrüßten die Gesetzesänderung, weil sie die bisherigen Barrieren bei der Kostenerstattung von cannabishaltigen Rezeptur- und Fertigarzneimitteln abbaut.

Cannabinoide sollten jedoch nicht als isoliertes Therapieverfahren, sondern in Kombination mit physiotherapeutischen und schmerzpsychotherapeutischen Verfahren Anwendung finden. Der Einsatz von Cannabinoiden in der Schmerz- und Palliativmedizin ist mit Ausnahme von chronischen neuropathischen Schmerzen als individueller Heilversuch anzusehen. Bei der Verwendung von Cannabinoiden in der Schmerz- und Palliativmedizin sind relevante zentralnervöse (z. B. Benommenheit) und psychiatrische Nebenwirkungen (z. B. Verwirrtheit, Psychose) zu beachten.

Aktuell sind 14 Sorten von Cannabisblüten rezeptierbar, deren THC-Konzentrationen zwischen 1 % und 22 % und CBD-Konzentrationen zwischen 0,05 % und 9 % liegen. Dosierungsangaben für einzelne Indikationen fehlen. Wegen der gesundheitsschädlichen Folgen des Tabakrauchens hat sich die Bundesärztekammer gegen die Behandlung mit Medizinalhanf in Form von “Joints“ (Cannabisblüten mit Tabak gemischt) ausgesprochen.

Die Zufuhr von Extrakten der Cannabisblüten als Tee oder über einen Vaporisator ist für Menschen, die keine Erfahrungen im Freizeitgebrauch von Cannabis haben, schwierig. Aus diesen Gründen (Dosierung unklar, Zufuhr kompliziert, Verfügbarkeit im Körper sehr variabel) lehnen viele Schmerzmediziner die Verschreibung von Cannabisblüten ab und verschreiben – im Falle von „schwerwiegenden Erkrankungen und bei fehlenden Therapiealternativen“ – das Rezepturarzneimittel Dronabinol in Form von Tropfen oder Kapseln.

Quelle:

Statement Allheilmittel Cannabis? – Wie Schmerzmediziner den Wirkstoff einordnen von Professor Dr. med. Winfried Häuser, Kongresspräsident und Ärztlicher Leiter des Schwerpunkts Psychosomatik der Klinik Innere Medizin 1 des Klinikums Saarbrücken


Literatur:

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