Blutzucker senkende Wirkung der Bittermelone

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Die Bittermelone – Momordica charantia – wird mit Blutzucker senkenden Effekten in Zusammenhang gebracht. Diese hypoglykämische Wirkung könnte bei Typ II Diabetes Vorteile bringen.

Die hypoglykämische Wirkung der Frucht der Bittermelone und ihrer polaren Extrakte werden bereits seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts erfolgreich an verschiedenen Tiermodellen untersucht. Die Wirkung am Menschen wird in Beobachtungen und kleineren Untersuchungen mit geringen Teilnehmerzahlen und ungenügendem Studiendesign zwar immer wieder bestätigt, detaillierte klinische Studien fehlen bis dato.

Die Bittermelone – medizinisch Momordica charantia – wird auch als Balsambirne oder Bittergurke bezeichnet. Weitere internationale Bezeichnungen sind beispielsweise bitter melon, biter apple, bitter gourd, bitter cucumber, balsam pear, carella fruit (USA), karela (Indien), fu kwa (China), ampalaya (Philippinen). Von Indien und China ausgehend hat man die Bittermelone dann auch in Südamerika, Afrika, USA sowie Europa angebaut.

 

Die Bittermelone unter der botanischen Lupe

Die Bittermelone ist eine einjährige Kletterpflanze mit handförmigen, fünflappigen, dem Weinstock ähnlichen Blättern von 5 bis 12 cm Durchmesser. Aus den gelben Blüten entwickeln sich gurkenähnliche, genoppte, leicht gebogene Früchte (5 bis 15 cm lang), die anfangs grün sind, in der Reife orangegelb werden und schließlich aufplatzen. In der weichen Frucht befindet sich eine intensiv rot gefärbte Plazenta mit braunen und weißen Samen. Verwechslungen mit M. balsamica (Balsamapfel) sind möglich.

Neben dem hohen Protein-, Mineralstoff- und Kohlenhydrat- sowie dem niedrigen Fettanteil wurden unter anderem Kalzium, Karotin, Riboflavin, Vitamin A und C in der Bittermelone nachgewiesen. 

In der asiatischen Küche wird die Bittermelone, dessen gesundheitsfördernde Wirkung dort volksmedizinisch seit Jahrhunderten bekannt ist, als Gemüse sehr geschätzt und oft eingesetzt. Die Früchte werden unreif, grün und in verschiedensten Zubereitungsarten gegessen, aber grundsätzlich geschnitten und mit Salz mariniert, um den bitteren Geschmack zu beseitigen. Die reife Frucht wird als zu toxisch und zu bitter beschrieben.

In der traditionellen indischen Medizin finden die unreifen Früchte, Samen, Wurzeln und Blätter der Bittermelone Verwendung.

 

Inhaltsstoffe der Bittermelone

Neben dem hohen Protein-, Mineralstoff- und Kohlenhydrat- sowie dem niedrigen Fettanteil wurden Kalzium, Karotin, Riboflavin, Vitamin A und C in der Bittermelone nachgewiesen. Aus Blättern, Samen und Frucht wurden u. a. Triterpenglykoside (Momordicine und Momordicoside) isoliert. Von besonderem Interesse in Bezug auf die pharmakologischen Wirkungen sind folgende aus Frucht und Samen der Bittermelone gewonnene Inhaltsstoffe:

  • Charantin, ein Gemisch von b-Sitosterol-b-D-glucosid und a-5,25-Stigmastadien-3-O-β-D-glucosid im Verhältnis 1:1 mit vermuteter hypoglykämischer Wirkung.
  • p-Insulin mit hoher Homologie zu bovinem Insulin, aber immunologisch nicht kreuzreaktiv, zeigt bei Injektion ebenfalls blutzuckersenkende Wirkung. Es dürfte ev. sublingual aktiv sein.
  • die antiviralen Proteine MAP 30 (Momordica anti-protein) und RIPs (Ribosome inactivating proteins), wobei das Protein MAP30 in vitro die HIV-1 Infektion und die Virus-Replikation hemmt1
  • a und b-Momorcharin, Ribosomen-inaktivierende und immunmodulatorische Glykoproteine mit Antitumorwirkung, aber auch abortiven Eigenschaften im Tierversuch.

Der Fruchtsaft selbst ist ein starker Peroxid- und Hydroxyl-Radikalfänger, der seine Wirkung selbst nach 45-minütigem Kochen mit Alkali oder Säure nicht verliert.

 

Hypoglykämische Wirkung am Menschen

Bereits um 1940 wurde die hypoglykämische Wirkung der Bittermelone an gesunden Hasen bestätigt, zahlreiche erfolgreiche Tierexperimente folgten. Am Menschen sind verschiedene Untersuchungen – meist mit Frischsaft oder Extrakt aus Bittermelone – jeweils mit einer kleinen Zahl an Probanden durchgeführt worden, Randomisierung, Placebo- und Vergleichsgruppe fehlten.

Beispielsweise untersuchten Forscher die Effekte von Bittermelone auf den Blutzucker-Wert von 9 Diabetes Typ-2 Patienten, davon 8 in Behandlung mit Sulfonylharnstoff. Nach einem initialen Glucose-Toleranztest (GTT) führten sie einen weiteren Glucose-Toleranztest nach Aufnahme von 50 ml M. charantia Saft (aus ca. 200g frischer Frucht) durch. Nach 8 bis 11 Wochen täglichen Verzehrs geringer Mengen gebratener Frucht der Bittermelone führten sie einen letzten Glucose-Toleranztest durch. Dabei zeigte sich eine 6%-ige Abnahme des Glucose-Wertes nach einer Stunde.

Dieses Ergebnis scheint statistisch nicht signifikant zu sein. (Hingegen zeigte der Glucose-Toleranztest nach Safteinnahme mit 12% eine signifikante Abnahme der Glucose-Werte nach einer Stunde.) Allerdings reduzierte die Einnahme von gebratener Frucht die HbA1c-Werte um 8%, bezogen auf die Basislinie. Trotz methodischer Schwäche, dem Fehlen von Kontrollen sowie der Beschreibung der Basislinien-Charakteristiken der einzelnen Patienten und ungenügender statistischer Methoden zeigt sich doch eine Abnahme des Glucose-Wertes.

Die Blutzucker senkende Wirkung von Bittermelone bietet mit Sicherheit eine interessante Unterstützung bei der Behandlung von Typ II-Diabetikern unter der Aufsicht des behandelnden Arztes.

Eine andere Studie schloss 18 neu diagnostizierte Diabetes Typ II Patienten ein. Die Aufnahme von 100ml Bittermelonen-Saftes folgte nach 30 min. ein Glucose-Loading. Die Ergebnisse wurden mit denen einer Wasseraufnahme als Kontrolle vom Vortag verglichen. 13 Patienten (73%) zeigten eine moderate, signifikante Verbesserung der Glucose-Toleranztest-Ergebnisse.

 

Wässriger Extrakt effektiver als getrocknetes Fruchtpulver

In einer weiteren Studie untersuchten Wissenschaftler einerseits die Wirkung eines wässrigen Extraktes. Dieser bestand aus 100g gehackter Frucht der Bittermelone, die man in 200ml Wasser bis zu einem Volumen von 100ml einkochte. Die Patienten verzehrten den Extrakt als Morgendosis. Eine zweite Gruppe konsumierte 5g getrocknetes Fruchtpulvers 3 x täglich. Nach drei Wochen Behandlung zeigten die Patienten der Gruppe 2 eine 25%-ige Reduktion des mittleren Blutglucose-Wertes, die nicht signifikant war. Hingegen beobachteten Forscher in Gruppe 1 eine signifikante 54%-ige Reduktion des Blutglucose-Wertes. Außerdem verringerte sich der mittlere HbA1c-Wert von 8,37 auf 6,95%.

 

Wirksam bei nicht Insulin abhängigen Patienten

Die Blutzucker senkende Wirkung eines Extraktes der Bittermelone konnten Forscher auch bei 41 nicht Insulin abhängigen Patienten im Alter von 40 bis 90 Jahren mit diabetogener Stoffwechsellage bestätigen.

Überblick: Wirkung und Nebenwirkungen der Bittermelone


Endokrines System

Die Blutzucker senkende Wirkung wurde sowohl im Tierversuch als auch am Menschen nachgewiesen. Vorgeschlagene Mechanismen sind Insulin-ähnliche Effekte, Stimulation der pankreatischen Insulinsekretion, verringerte hepatische Gluconeogenese, gesteigerte hepatische Glykogensynthese und erhöhte periphäre Glucoseoxidation. Zwei Fallberichte dokumentieren hypoglykämisches Koma und Konvulsionen bei Kindern nach Verabreichung eines Tees von M. charantia.


Gastrointestinaltrakt

Samen und äußere Schale von Bittermelone beinhalten ein toxisches Lektin, das die Proteinsynthese in der Darmwand hemmt. Eine Korrelation mit klinischen Vorfällen oder Symptomen am Menschen erfolgte bisher nicht.


Fertilität

In Tierversuchen wurde eine Abnahme der Fertilität nachgewiesen. Die Fertilitätsrate von Mäusen, die täglich mit Bittermelone-Saft gefüttert wurden, sank von 90 auf 20%. Bei 60 Tage mit M. charantia-Extrakt gefütterten Hunden wurde die Spermatogenese inhibiert. Studien mit dem antiviralen Protein MAP30 zeigten in vitro jedoch keinen Effekt auf die Mobilität menschlicher Spermien.


Hämatologie

Aus Bittermelone wurde das Favismus-induzierende Glykosid Vicin isoliert. Personen mit Glucose-6-phosphat-dehydrogenase-Mangel tragen daher nach Genuss von Bittermelone-Samen ein erhöhtes Risiko zur Entwicklung von Favismus. Favismus ist durch den Ausbruch hämolytischer Anämie und anderer Symptome, wie Kopfschmerz, Fieber und Magenbeschwerden bis hin zum Koma definiert. Glucose-6-phosphat-dehydrogenase-Mangel und Favismus sind im Mittelmeeraum und im mittleren Osten weit verbreitet.


Leber

Am Tier wurde nach oraler Gabe von Fruchtsaft oder Samenextrakt aus M. charantia eine signifikante Zunahme der g-Glutamyltransferase und der alkalischen Phosphatase beobachtet. Die Zunahme dieser Enzymwerte wurde jedoch nicht mit signifikanten histopathologischen Veränderungen in der Leber assoziiert. Die klinische Relevanz am Menschen wurde noch nicht untersucht. Vorsicht ist dennoch geboten, speziell bei Personen mit Lebererkrankungen.


Neurologie

Weiter berichteten Patienten nach der Einnahme von Momordica charantia Samen von Kopfschmerzen. Allerdings gibt es keine detaillierte Informationen über deren Schweregrad sowie die Dauer.


Schwangerschaft und Stillzeit

Unter dem Strich sollten Frauen in der Schwangerschaft die Einnahme der Bittermelone vermeiden. Denn zwei aus der unreifen Frucht isolierte Proteine – Momorcharin a und b … zeigten im Tiermodell eine abortive Wirkung.


Bittermelone-Anwendung bei Kindern

Jedenfalls raten Experten von der Anwendung bei Kindern wegen der unklaren Datenlage und der bereits erwähnten Fallberichte über hypoglykämisches Koma und Konvulsionen nach Verabreichung eines Tees von Bittermelone ab.


Allergie

Schließlich sollte man Bittermelone bei bekannter Allergie oder Hypersensibilität auf Vertreter der Cucurbitaceae (Kürbis und Melone) meiden.

 

Zusammenfassung

Im Grunde genommen stehen der blutzuckersenkenden Wirkung von Bittermelone bei Typ-II-Diabetikern noch schlechte klinische Daten gegenüber. Wobei die am Markt erhältlicher Produkte meist eine ungenügende Standardisierung und Deklaration aufweisen. Allerdings scheint eine additive Anwendung von Bittermelone zusätzlich zur medikamentösen Therapie Sinn zu machen. Dementsprechend sind eine adäquate Ernährung sowie ein sinnvoller Bewegungsprogramm bei Typ-II-Diabetikern immer unter Aufsicht des behandelnden Arztes empfehlenswert.

Literatur:

Leatherdale BA, Panesar RK, Singh G, Atkins TW, Bailey CJ, Bignell AH. Improvement in glucose tolerance due to Momordica charantia (karela) Br Med J. 1981;282:1823–1824.

Baby Joseph, D Jini. Antidiabetic effects of Momordica charantia (bitter melon) and its medicinal potency. Asian Pac J Trop Dis. 2013 Apr; 3(2): 93–102. doi: 10.1016/S2222-1808(13)60052-3
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4027280/


Quelle: Momordica charantia – Blutzuckersenker aus der Natur. MEDMIX 6/2005

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About Author

Dr. Darko Stamenov

MEDMIX-Redaktion, Projektleiter, AFCOM Digital Publishing Team

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