B-Vitamine bei Diabetes mellitus in Diskussion

Früher galt die Empfehlung, bei Diabetes B-Vitamine zusätzlich zu verabreichen, seit 2010 ist die Situation widersprüchlich. © dedek / shutterstock.com

Früher galt die Empfehlung, bei Diabetes B-Vitamine zusätzlich zu verabreichen, seit 2010 ist die Situation widersprüchlich. © dedek / shutterstock.com

B-Vitamine ­nimmt man oft zusätzlich bei Diabetes und diabetischer Neuropathie. Aufgrund jüngster Studiendaten mahnen einige Experten aber zur Vorsicht.

B-Vitamine spielt bei Diabetes seit langem eine wichtige Rolle. Sie stellen eine Gruppe von Vitaminen dar, der chemisch und pharmakologisch völlig unterschiedliche Substanzen zugeordnet sind.

Unter dem Strich können B-Vitamine in tierischen und pflanzlichen Lebensmitteln vorkommen. Und zwar sind sie beispielsweise in Fisch, Leber- und Milchprodukten, Broccoli, Spinat oder Grünkohl enthalten. Das Vitamin B12 ist übrigens nur sehr gering in pflanzlichen Lebensmitteln enthalten. Im Gegensatz zu allen anderen wasserlöslichen Vitaminen der B-Vitamine kann es aber im Körper gespeichert werden.

 

Einige B-Vitamine pharmakologisch betrachtet

B-Vitamine ­greifen maßgeblich in den Kohlenhydrat-Stoffwechsel ein. Eine Unterversorgung an B-Vitaminen ist in erster Linie für jene Gewebe problematisch, die ihre Energie aus dem Abbau von Kohlenhydrate beziehen. Ein wichtiges Beispiel ist hier das menschliche Nervensystem.

Auch im Hinblick auf vasku­läre Begleiterkrankungen sind B-Vitamine wichtig. Und zwar sind das hierzu vor allem Vitamin B6, Vitamin B12 sowie die Folsäure. Denn sie können den Stoffwechsel der Aminosäure Homocystein günstig beeinflussen.

Viele Diabetes-Patienten leiden an symptomatischer, peripherer Neuropathie wie Schmerzen und Missempfindungen. Beim Fortschreiten einer diabetischen Neuropathie geht dem Diabetiker die Tiefensensibilität in den Gliedmaßen verloren. Dies führt zu einem erhöhten Verletzungsrisiko mit daraus resultierenden Ulzerationen und Infektionen.

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Vitamin B bei Diabetes

In der Therapie der dia­betischen ­Polyneuropathie erfüllen die B-Vitamine ­wichtige Aufgaben – allen voran Vitamin B6 zum Stoffwechsel der Kohlenhydrate. Das aktive Koenzym Pyridoxalphosphat ist Kofaktor für Enzyme, die sowohl in die Glukoneogenese als auch in die Glykogenolyse involviert sind. Vitamin B6-Defizite sind mit Störungen der Glukoneogenese und einer abnormalen Glukosetoleranz in Zusammenhang gebracht worden.

Unter den Bedingungen einer ­Hyperglykämie kommt es zu einer signifikanten Abnahme des Plasmaspiegels von Pyridoxalphosphat sowie der gesamten Vitamin B6-Konzentrationen. Ein Vitamin B6-Mangel senkt ferner die pankreatischen und zirkulierenden Insulin-Spiegel.

Ferner wurden reduzierte Spiegel an Leberglykogen und eine signifikant reduzierte Lactat-Dehydrogenase-Aktivität beobachtet. Auch der Tryptophanabbau, an dem Vitamin B6 auf vielfache Weise beteiligt ist, ist bei einer diabetischen Stoffwechsellage verändert. Ein Vitamin B6-Mangel führt zur Ausscheidung verschiedener Tryptophanmetabolite wie Kynurenin, Hydroxykynurenin, Xanthurensäure und Hydroxyanthranilsäure.

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B-Vitamine und Blut-Sauerstoff­transport

Durch eine Vitamin-B6-Stoffwechselstörung kommt es auch zu einem veränderten Blut-Sauerstoff­transport. Grundsätzlich ist der Blut-Sauerstofftransport bei Diabetes-Patienten verändert. Normalerweise können unter physiologischen Bedingungen verschiedene Proteine mit Glukose reagieren, eine Erscheinung, die bei erhöhten Glukosekonzentrationen signifikant beschleunigt ist.

Gut untersucht sind glykiertes Hämoglobin und Albumin. Bei dem für die Betreuung des Diabetes-Patienten wichtigen Hämoglobin A1c ist ein Glukose-Rest mit dem N-terminalen Valinrest einer Hämoglobin-β-Kette verbunden. Die Konzentration von glykierten Hämoglo­bin erlaubt eine Aus­sage über die langfristige Blutzuckereinstellung eines Diabetikers. Das nicht enzymatisch glykierte Hämo­globin A1c ist naturgemäß bei Diabetes erhöht und nimmt 10% und mehr des Gesamt-Hämoglobins ein, was die Sauerstoffverbindungskapazität signifikant reduzieren kann. Dieser Vorgang wird durch ­Vitamin B6 ­beeinflusst.

Eine Gabe von Vitamin B6 führte bei Diabetikern zu einer Verringerung des Plasmaspiegels an Hämoglobin A1c. Da sowohl Typ 1- als auch Typ 2-Diabetiker niedrige Plasma-B6-Spiegel haben und die Aktivität der alkalischen Phosphatase bei Diabetikern erhöht ist, führt eine Abnahme des PLP-Spiegels zu einer erhöhten Glykierung von Hämoglobin und einer Abnahme der Sauerstofftransportkapazität.

Pyridoxalphosphat oder Pyridoxin – zur Gruppe der B-Vitamine, B6, gehörig – eignen sich bei Diabetikern dazu, nichtphysio­logische Glykierungen von Eiweißen, ­besonders von Hämoglobin, zu hemmen und dadurch die Sauerstoffversorgung zu verbessern. Langfristige Pyridoxingabe senkt somit das Risiko der Retinopathie beim Diabetiker.

Der Literatur zufolge hat übrigens die Supplementation mit Vitamin B12 und Folat zusammen mit vielen neuen Therapien einen erheblichen positiven Einfluss auf das metabolische Syndrom.

 

B-Vitamine und Hypovitaminose (Vitaminmangel)

Glutathion und Homocystein spielen bei Diabetes induzierter B6-Hypovitaminose eine besondere Rolle. Das Tripeptid Glutathion, das aus den drei Aminosäuren Glutaminsäure, Cystein und Glycin gebildet wird, besitzt eine elementare Bedeutung in der komplexen Aktion gegen Sauerstoff­radikale, gegen oxidativen Stress, gegen Intoxikationen mit Xenobiotika, gegen Strahlenschäden und gegen Krebserkrankungen. Glutathion ist für die Lebens-, Anpassungs- und Arbeitsfähigkeit von Zellen verantwortlich und steht in enger Korrelation mit anderen Antioxidantien wie Vitamin C, E und Carotinoiden.

Die Glutathion-Biosynthese wird in erster Linie durch L-Cystein beeinflusst (Cystein zählt zu den nichtessentiellen Aminosäuren). Die Hepatozyten können Cystein nicht aufnehmen, so dass Nahrungseiweiße nicht als Cystein-Quelle dienen können. Eine Cystein-Quelle ist die Aminosäure Methionin.

Cystein ist Bestandteil des Glucosetoleranzfaktors. Dieser als Transsulfurierung bezeichnete Biosynthese-Weg ist Vitamin-B6-abhängig. Dabei reagiert die Cystathionin-Gamma-Lyase empfindlicher auf Vitamin B6-Defizite als die Synthase, so dass bei einem beginnenden Vitamin B6-Mangel vermehrt Cystathionin, bei einem fortgeschrittenen Mangel vermehrt Homocystein – eine natürlich vorkommende (nicht proteinogene) α-Aminosäure – gebildet wird, beides mit dem Korrelat ­einer reduzierten Cystein- bzw. Glutathion­-Biosynthese.

Glutathion dient dem Recycling antioxidativer Vitamine, als Radikalfänger und zum Abbau von Per­oxiden. Homocystein wiederum ist ein Risikofaktor für atherogene Veränderungen. Auch vaskuläre Veränderungen, eine häufige Komplikation bei Diabetikern, sollte wie das erhöhte Thromboserisiko unter dem Aspekt des bei Diabetikern sehr häufigen Vitamin-B6-Mangels Beachtung finden.

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Folsäure, die auch Teil der B-Vitamine ist, bei Diabetes

Nach wie vor ist die Versorgung der Bevölkerung mit Vitamin B1 und Folsäure ungenügend. Vor allem leiden auch zahlreiche Diabetes-Patienten unter Folsäure-Mangel. Und zwar nehmen sie weniger als 80 Mikrogramm Folsäure am Tag zu sich.

Bei der Beurteilung von Folsäure-Mangel darf auch nicht vergessen werden, dass Zinkmangel die Bioverfügbarkeit der Folsäure limitiert. Da auch Folsäure in den Homocystein-Stoffwechsel involviert ist, ist ein Mangel häufig mit einer Hyper-Homocysteinämie verbunden.

 

B-Vitamine und Metformin: Vitamin B12-Mangel bei Diabetes häufig

Etwa jeder zweite Diabetiker leidet unter Neuropathie. So kommt zu rein motorischen Ausfällen, vegetativen und trophischen Ausfällen an Blase, Darm, Gelenken und Haut sowie Blasen­entleerungsstörungen und erktile Dysfunktion. Neuropathien können durch wiederholte schwere Hypoglykämien ausgelöst werden.

Das bekannte Diabetesmittel Metformin kann ebenfalls einen Vitamin-B12-Mangel verursachen. Das ist vor allem auch dann problematisch, wenn die Patienten auch an einer diabetischen Neuropathie leiden.

Aktuelle Daten des National Health and Nutrition Examination Surveys (NHANES) bewiesen, dass unter Metformin doppelt so viele Diabetiker erniedrigte Vitamin B12-Serumwerte (5,8 % vs. 2,4 %) aufwiesen. Dazu verglichen die Forscher 50-jährige Patienten mit und ohne Diabetes.

Metformin wirkt nicht wie Sulfonylharnstoffe über die Aktivierung der Insulinsekretion im Pankreas, sondern greift in den Kohlenhydrat-Stoffwechsel ein, indem Glykogenbildung in der Leber gesteigert und die Glukoseaufnahme in die periphere Muskulatur erhöht wird.

In Untersuchungen wurde nachgewiesen, dass Metformin eine intestinale Resorptionsstörung für Vitamin B12 und Xylose verursachen. Weitere Studien berichten darüber, dass es bei ca. 30% der Diabetiker mit Metformin zu einer signifikanten Abnahme der Vitamin B12-Aufnahme kam. Nach Einstellung der Metformin-Gabe normalisierten sich die Vitamin B12-Resorption und der Vitamin B1-Plasmaspiegel wieder.

Jedenfalls könnte die neurologischen Auswirkungen eines Vitamin-B12-Mangels das komplexe Symptomenbild der diabetischen Neuropathie nach langfristiger Metformin-Gabe überlagern. Denn auch Vitamin-B12-Mangel verursacht Sensibilitätsstörungen in den unteren Extremitäten sowie Lähmungen bis hin zu hypochondrischen und depressiven Symptomen und paranoiden Psychosen. Einige Studien legen auch nahe, das der Metformin assoziierte Vitamin B12-Mangel schlechtere kognitive Leistungen bringt.

Um irreversible Vitamin B12-Mangel Folgeschäden zu vermeiden, ist hier möglichst rasch eine B-Vitamine-Substitution angezeigt. Studien zeigten, dass die B-Vitamine-Substitution nicht nur parenteral, sondern auch oral angewendet werden kann, wenn die Dosierung ausreichend hoch ist. Hierzu ist unbedingt die Expertise von Experten bzw. des behandelnden Arztes einzuholen.

 

Wasserlösliches Biotin – auch als Vitamin B7 oder Vitamin H bezeichnet – bei Diabetes

Zum Einsatz der B-Vitamine bei Diabetes wird die Gabe von Biotin in Dosen von 5–10 mg pro Tag über vier bis sechs Wochen bei Diabetikern empfohlen, um bei peripheren Neuropathien präventiv und therapeutisch einzugreifen. Grundsätzlich werden niedrige Biotin-Spiegel im Zusammenhang mit Störungen des peripheren Nervensystems diskutiert. Bei Epileptikern und Alkoholkranken zeigt der Einsatz Biotin hinsichtlich neuronaler Störungen positive Effekte.

 

Wasserlösliche Pantothensäure (Vitamin B5 aus der Gruppe der B-Vitamine) bei Diabetes

Die Diabetiker erhöhte Mengen an Pantothensäure ausscheiden, sollte eine diätetische und/oder medikamentöse Substitution von Pantothensäure erfolgen. Pantothensäure-Mangel kann zu Parästhesien, Muskelschwäche und Persönlichkeitsveränderungen führen, was das bereits komplexe Erscheinungsbild der diabetischen Neuropathie keineswegs vereinfacht. Einem Pantothensäure-Mangel werden Schmerzen der Zehen und Füße sowie ein Brennen der Füße zugeschrieben.

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Vitamin B ­bei diabetischer Neuropathie

Eine Studie Anfang 2015 zu Vitamin B6-Mangel zeigte, dass eine beginnende diabetische Nephropathie mit ausgeprägten Veränderungen in Vitamin B6-Stoffwechsel zusammenhängt. Weiter bestehen stärkere Anzeichen der endothelialen Dysfunktion und Entzündungen.

Schließlich verbesserte in einer anderen Studie ein Vitamin B-Komplex bei kindlichem Typ-1-Diabetes die Blutzuckerkontrolle und die Nierenfunktion durch eine Verringerung des Homocysteins. Dementsprechend könnte das eine sichere und wirksame Strategie für die Behandlung von Nephropathien im Frühstadium bei pädiatrischem Typ-1-Diabetes sein.

 

Substitution der B-Vitamine in der Kritik

Früher wurde die Substitution der B-Vitamine sehr empfohlen. Seit den Studienergebnissen von House aus dem Jahr 2010 ist dies nicht mehr der Fall. Wobei unklar ist, warum bei Menschen im Gegensatz zu Tierversuchen, in denen B-Vitamine erhöhte Spiegel des Homocysteins und das Fortschreiten einer diabetischen Nephropathie verlangsamen konnte, B-Vitamine negative Ergebnisse erzielte.

Unter dem Strich raten viele Experten heute von einer zusätzlichen Gabe der B-Vitamine ab. Wenngleich bei einem bestehenden (erhobenen) Mangel an B-Vitamine der Patient und der Arzt die weitere Behandlung offen erörtern sollten. Dies gilt vor allem für Vitamin B12 und der Verabreichung von Metformin. Wobei in einem unlängst erschienenen Beitrag einem Mangel an dem Vitamin B12 kein dramatischer diagnostischer Wert zugesprochen wurde.

 

B-Vitamine beeinträchtigte die Nierenfunktion

Leider zeigte sich in einer rezenten Studie, dass bei Patienten, die eine der oben genannten B-Vitamine-Therapien bekommen hatten, die Nierenfunktion schneller abfiel. Und zwar war das der Fall im Vergleich zu Patienten, die ein Placebo erhielten. Ebenfalls kam es bei den B-Vitamine behandelten Patienten häufiger zu Herzinfarkten, Schlaganfällen und einer erhöhten Sterblichkeitsrate.


Literatur:

Ashok T, Puttam H, Tarnate VCA, Jhaveri S, Avanthika C, Trejo Treviño AG, Sl S, Ahmed NT. Role of Vitamin B12 and Folate in Metabolic Syndrome. Cureus. 2021 Oct 6;13(10):e18521. doi: 10.7759/cureus.18521. PMID: 34754676; PMCID: PMC8569690.

LiverTox: Clinical and Research Information on Drug-Induced Liver Injury [Internet]. Bethesda (MD): National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases; 2012–. Vitamin B. 2021 May 27. PMID: 31644020.

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Sukumar N. Investigating vitamin B12 deficiency. BMJ. 2019 May 10;365:l1865. doi: 10.1136/bmj.l1865.

House A. et al.: Effect of B-Vitamin Therapy on Progression of Diabetic Nephropathy. A Randomized Controlled Trial. JAMA 303 (16): 1603-1609 (2010).

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Davis Kibirige, Raymond Mwebaze. Vitamin B12 deficiency among patients with diabetes mellitus: is routine screening and supplementation justified? J Diabetes Metab Disord. 2013; 12: 17. doi: 10.1186/2251-6581-12-17


Quelle: B-Vitamine bei Diabetes. MEDMIX 6 / 2007.

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