Augenerkrankungen: Unterschiede bei Frauen und Männern

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Es ist lange bekannt, dass Frauen und Männer „anders“ und unterschiedlich krank sind. Die Ursachen dieser Unterschiede sind sowohl biologischer als auch psychosozialer Natur und betreffen alle Fächer der Medizin.

In den 1980er-Jahren machte als Erste die amerikanische Kardiologin und Wissenschaftlerin Marianne Legato auf Unterschiede im Bereich der Herzerkrankungen bei Frauen gegenüber Männern aufmerksam. Sie stellte fest, dass weibliche Patienten mit Herzinfarkt aufgrund anderer, „untypischer“ Symptomatik oft zu spät oder falsch diagnostiziert werden.

Sie begründete den Begriff der sogenannten „Gendermedizin“, welche seit den 1990er-Jahren auch Teil der „personalisierten Medizin“ ist. 2001 gab die WHO die Empfehlung heraus, Strategien für eine geschlechtsspezifische Gesundheitsvorsorge zu entwickeln und umzusetzen. Dennoch steckt die Gendermedizin auch in der universitären Ausbildung noch in den Kinderschuhen (1).

Um eine bedarfsgerechte gesundheitliche Versorgung der gesamten Bevölkerung zu gewährleisten, ist es deswegen notwendig, Patienten und Patientinnen mit „geschlechtssensiblem“ Blick zu betrachten und zu behandeln. (Prof. Dr. Gabriele Kaczmarczyk, Berlin)

 

Immunologie

Seit Längerem ist bekannt, dass es bei Frauen im Vergleich zu Männern aufgrund einer stärkeren intrinsischen Immunantwort auch zu stärkeren Entzündungsreaktionen kommt. So wird zum Beispiel das häufigere Auftreten von Autoimmunerkrankungen bei Frauen erklärt. Das menschliche Immunsystem wird durch ein komplexes Zusammenspiel einer Vielzahl von endogenen und exogenen Variablen gesteuert.

Aus immunologischer Sicht können die Entwicklung und Reifung von Immunzellen, das Verhältnis bestimmter Zelltypen in gesunden und erkrankten Organen sowie funktionelle Antworten wie die Interaktion von Immunzellen mit dem Mikrobiom durch geschlechtsspezifische Faktoren beeinflusst werden.

Aus der Neuroimmunologie liegen neben epidemiologischen Befunden zur Häufigkeit von immunassoziierten Erkrankungen in den letzten Jahren zunehmend auch experimentelle Befunde vor, die sowohl hormonelle als auch davon unabhängige molekulare Mechanismen einer geschlechtsspezifisch unterschiedlich stark ausgeprägten Immunfunktion aufzeigen.

Aufgrund der starken Beteiligung von Immunmechanismen zum Beispiel bei der Entstehung und Progression von degenerativen Netzhauterkrankungen werden diese Erkenntnisse in Zukunft auch für die Augenheilkunde relevant sein. (Prof. Dr. Thomas Langmann, Köln)

 

Einfluss der Hormone

Nicht zuletzt beruht dieser Unterschied zwischen den Geschlechtern jedoch auf den unterschiedlichen Hormonen, ihren Konzentrationen und ihren insbesondere beim weiblichen Geschlecht schwankenden Werten abhängig von Zyklus und Lebensalter. Unterschiede der zirkulierenden Hormonkonzentrationen sind sowohl Ursache als auch Folge geschlechtstypischer Eigenschaften von Individuen.

Ebenso zeigen manche Erkrankungen geschlechtsspezifische Prävalenzen, ungeachtet vergleichbarer Umweltbedingungen und Risikofaktoren für Männer und Frauen. Hierzu zählen zum Beispiel die Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse, insbesondere die Hashimoto-Thyreoiditis und der Morbus Basedow. Beide Erkrankungen treten deutlich häufiger bei Frauen als bei Männern auf.

Der Morbus Basedow ist in vielen Fällen mit einer Exophthalmus-Symptomatik verbunden, die jedoch wiederum bei betroffenen Männern stärker ausgeprägt zu sein scheint als bei Frauen. Als ein potenziell bedeutsamer therapeutischer Ansatz für Morbus Basedow mit Augenbeteiligung hat sich in den letzten Jahren die Versorgung mit dem essenziellen Spurenelement Selen herausgestellt. Hier konnten eine Reihe geschlechtertypischer Unterschiede im Metabolismus des Selens für die Biosynthese der physiologisch höchst relevanten Selenoproteine gezeigt werden (2).

Auch konnte in einer großen epidemiologischen Studie ein geschlechterspezifisches Risiko für Hyperthyreose bei ungenügender Selenaufnahme dokumentiert werden (3). (Prof. Dr. Lutz Schomburg, Berlin)

 

Verständnis für die Gendermedizin im Bereich der Augenerkrankungen steht am Anfang

Im Bereich der Ophthalmologie zeigt sich, dass das männliche Auge in jeder Hinsicht größer/länger als das weibliche ist. Lediglich die zentrale sogenannte foveale avaskuläre Zone ist bei Frauen größer. Und obwohl der Mensch vom reinen Betrachten eines Auges nicht auf das Geschlecht des anderen Menschen schließen kann, ist dies mithilfe von computergesteuerter „artificial intelligence“ möglich.

Epidemiologisch sind bei bestimmten Erkrankungen geschlechtstypische Prävalenzen bekannt. Zum Beispiel das häufigere Auftreten der Chorioretinopathia centralis serosa bei Männern, die rissbedingte Netzhautablösung insbesondere bei jungen, kurzsichtigen Männern und das trockene Auge und die altersabhängige Makuladegeneration bei Frauen.

Bei vielen Augenerkrankungen spielen jedoch auch multiple exogene Faktoren wie zum Beispiel die geografische Verteilung und Ernährungsgewohnheiten eine assoziierte Rolle und bewirken in unterschiedlichen geografischen Lokalisationen unterschiedliche geschlechtstypische Prävalenzen. Noch schlägt sich dies alles nicht in Unterschieden in der ophthalmologischen Behandlung wieder. Insgesamt steht das Verständnis für die Gendermedizin im Bereich der Augenheilkunde sehr am Anfang. (Prof. Dr. Maria-Andreea Gamulescu, Regensburg)

Literatur

(1) Dt. Ärzteblatt, Dezember 2016.

(2) Schomburg L. Selenium, selenoproteins and the thyroid gland: interactions in health and disease. Nat Rev Endocrinol. 2011;8(3):160-71.

(3) Wang Y, et al. Role of Selenium Intake for Risk and Development of Hyperthyroidism. J Clin Endocrinol Metab. 2019;104(2):568-580.


Quelle: Eine Frage des Geschlechts: Wie Augenerkrankungen sich bei Frauen und Männern unterscheiden Professor Dr. med. Andreea Gamulescu, Leitende Oberärztin der Klinik und Poliklinik für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Regensburg

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