Arzneipflanzen gegen rheumatische Beschwerden

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Arzneipflanzen gegen rheumatische Beschwerden erfreuen sich großer Beliebtheit, sie können bei diversen Rheuma-Erkrankungen erfolgreich eingesetzt werden.

Pflanzliche Antiphlogistika – darunter versteht man Wirkstoffe, die Entzündungsprozesse hemmen – können durchaus erfolgreich gegen rheumatische Beschwerden eingesetzt werden. Neuere Studien belegen das für zahlreiche traditionell eingeführte Arzneipflanzen.

 

Rheumatische Beschwerden behandeln

Schmerzen im Bereich der Gelenke und der Wirbelsäule sind häufigen rheumatische Beschwerden in den westlichen Industrie-Nationen. Insbesondere in der Altersgruppe der 55–60-Jährigen leiden knapp 75% an solchen rheumatischen Beschwerden. Wobei unter diesem Begriff eine Vielzahl unterschiedlicher Krankheitsbilder zusammengefasst sind, auch solche, die nicht zu Rheumaerkrankungen zählen. Allen gemein ist das Auftreten von Schmerzen, Schwellung, Entzündung und Funktionsbeeinträchtigung am Bewegungs- und Stützapparat.

Die Behandlung zielt auf Linderung bzw. Befreiung von Schmerzen, Beheben von Funktionsbeeinträchtigungen, Aufhalten bzw. Verlangsamung der Progression der Erkrankung und somit insgesamt eine Verbesserung der Lebensqualität ab. Eingesetzt werden unterschiedliche Schmerzmittel, nichtsteroidale Antirheumatika, Glucocorticoide sowie langsam und lang wirkende Antirheumatika, die man »Basistherapeutika« nennt. Letzte sind nicht akut wirksam, sondern entfalten erst nach Wochen und ­Monaten ihre Wirkung.

Bei den erwähnten Therapeutika ist in allen Fällen mit – teilweise schwerwiegenden – Nebenwirkungen zu rechnen ist. Antiphlogistika biogener Herkunft stellen in diesem Licht bei leichten Beschwerden, speziell bei Weichteilrheumatismus, entzündlichem oder degenerativem Rheumatismus eine erfolgversprechende Behandlungsalternative dar. Bei Beanspruchung gleicher Indikationen wie chemisch-synthetische Präparate haben für Phytopharmaka die gleichen wissenschaftlichen Anforderungen hinsichtlich des Nachweises und der Sicherung von Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit zu gelten.

Gerade in den letzten Jahren hat es diesbezüglich intensive Bemühungen der Grundlagenforschung bis hin zu klinischen Studien gegeben, die interessanterweise meist traditionell verwendete Arzneipflanzen betrafen, aber auch neue Therapiekonzepte verfolgten.

 

Die Teufelskralle

Die südafrikanische Teufelskralle ist aufgrund ihrer entzündungs- bzw. auch schmerzhemmenden Wirkung als unterstützende Therapie bei degenerativen Erkrankungen des Bewegungsapparates mittlerweile beliebt. Der Einsatz von wässrigen Extrakten aus den knollenförmigen sekundären Speicherwurzeln der südafrikanischen Teufelskralle – Harpagophytum procumbens (Pedaliaceae) – in placebokontrollierten Studien führte zu einer signifikanten Verbesserung der Kriterien Schmerzempfindlichkeit, Finger-Boden-Abstand bzw. Arhuser-Rückenschmerzindex. Verantwortlich dafür scheinen die hydrophilen Iridoidglucoside Harpagosid (Zimtsäureester des Harpagids) und Harpagid zu sein, die sich im Gegensatz zur bekannten Labilität von Iridoiden überraschenderweise ­unter in vitro-Bedingungen im künstlichen Magen- und Darmsaft als stabil erwiesen.

Versuche zur Pharmakologie belegen den Einfluss von Teufelskralle-Wurzelextrakten sowie von Harpagosid als Reinsubstanz auf den Arachidonsäure-Stoffwechsel. Der exakte molekulare Wirkmechanismus der beobachteten Effekte ist bislang noch ungeklärt und bedarf weiterer eingehender Untersuchungen.

Auf Grund der bisher vorliegenden Daten kann aber eine positive Beeinflussung des Krankheitsbildes – insbesondere eine signifikante Wirkung bei Rückenschmerzen – erwartet werden. Voraussetzung dafür ist der Einsatz von Extrakten mit hohem Gehalt an Leit- bzw. Wirksubstanzen (Harpagid, Harpagosid). Dementsprechend ist die Empfehlung, Harpagophytum-Extrakte im Stufenschema vor dem Einsatz von Nichtopioiden einzusetzen, als sinnvoll anzusehen.

 

Die Große Brennnessel

Sehr interessante Untersuchungsergebnisse liegen für Zubereitungen aus Blättern der Großen Brennnessel – Urtica dioica (Urticaceae) – vor. Eine Anwendungsbeobachtung an über 8000 Patienten zeigte ­eine Beschwerdelinderung bei schmerzhaften rheumatischen Erkrankungen. Weiters konnte bei adjuvanter Behandlung mit Brennnessel-Mus bei Kniearthrosen/arthritiden der Verbrauch an nichtsteroidalen Anti­rheumatika um 50% reduziert werden.

Untersuchungen mit Brennnessel-Blätter-Extrakt belegten die Hemmung der Enzyme Cyclooxygenase und Lipoxygenase eben­so wie eine verminderte Freisetzung knorpeldestruktiver und proinflammatorischer Zytokine (TNF∝, Interleukin 1β). Zusätzlich konnte ­eine Hemmung der Aktivierung des bei Entzündungen maßgeblichen nukleären Transkriptionsfaktors NFkB festgestellt werden.

Welche Inhaltsstoffe wirken, ist aber bislang noch nicht bekannt. Denkbar sind ­mehrere pharmakologische Angriffspunkte, die das Vorliegen von Substanzen mit unterschiedlichem Wirkprinzip vermuten lassen.

Auch Brenn­nesseltees können bei richtiger Zubereitung ebenfalls zu einem ernstzunehmenden Wirkstoffgehalt führen. Auf Grund der individuellen Schwankungen muss bei der Aufbereitung mit erheblich höheren ­Variationen des Wirkstoffgehaltes gerechnet werden, weshalb die Verabreichung standardisierter Produkte vorzuziehen ist.

 

Weidenrindenextrakte

Die bereits von Hippokrates und Galen bei Fieber und Entzündungen eingesetzten Weidenrindenextrakte – Salix purpurea (Salicaceae) – stellen nach wie vor eine sinnvolle Alternative bei fieberhaften Erkrankungen, Kopfschmerzen und Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises dar. Man spricht auch von „natürlichem Aspirin“. Wirk­samkeitsbestimmende Bestandteile sind Salicin (Glucosid des Salicylalkohols) und dessen Derivate, die dem Körper als Prodrugs zugeführt werden. Erst bei der Darmpassage erfolgt ein enzymatischer Abbau durch β-Glucosidasen zum gut resorbierbaren Salicylalkohol und anschließend die Oxidation in der Leber zur eigentlich aktiven Form, der Salicylsäure.

Bei der Verwendung von Weidenrinde mit hohem Salicingehalt (über 5% möglich) kann sowohl mit ­Extrakten als auch mit Teezubereitungen die für Aspirin empfohlene Wirkstoffdosis pro Tag erreicht werden. Die gute Magenverträglichkeit und die geringen Nebenwirkungen von Salicin könnten darauf beruhen, dass die ­ mukoprotektive Cyclooxygenase nicht gehemmt wird.

 

Harz des indischen Weihrauchbaumes

Das Harz des indischen Weihrauchbaumes – Boswellia serrata ­(Burseraceae) – wird in der ayurvedischen Medizin als Salai Guggal bezeichnet und in Indien traditionell gegen eine Reihe entzündlicher Erkrankungen verwendet. Die darin enthaltenen triterpenoiden Boswelliasäuren zeigten in vitro eine Hemmwirkung auf die 5-Lipoxygenase (15) und hemmen somit die Leukotrien­biosynthese. Leukotriene sind am Entzündungsgeschehen beteiligt und werden als verantwortlich für die Aufrecht­erhaltung chronischer Entzündungen vermutet. Klinische Untersuchungen an Patienten mit chronischer Polyarthritis bzw. Colitis ulcerosa zeigten eine Besserung der Symptomatik bei Behandlung mit Boswelliaextrakten ohne schwerwiegende Nebenwirkungen.

Rheumatische Beschwerden topisch behandeln

Topisch – örtlich, äußerlich – werden rheumatische Beschwerden kommen vor allem mit Scharfstoffen aus Capsicum Arten (Solanaceae), Salicylsäureester und ätherischen Ölen behandelt. Die Capsaicinoide werden ebenso wie das Resiniferatoxin aus Euphorbia resinifera zu den Vanilloiden gezählt. Gab es früher nur einzelne Hinweise, die für das Vorhandensein eines spezifischen Capsaicin-Rezeptors sprachen, so konnte 1997 das Capsaicin-Rezeptor-Gen entschlüsselt werden. Dieses Protein mit dem Molekulargewicht 95.000 besteht aus 838 Aminosäuren und wurde als Vanilloid-Rezeptor Subtyp I, kurz VR1 bezeichnet . Seine Stimulation erfolgt entweder durch das Binden einer ­Vanilloid-Teilstruktur oder durch Erhöhung der Temperatur. Es besteht daher die Vermutung, dass VR1 eigentlich im Körper für die Wahrnehmung von Hitzereizen zuständig ist und sie als Schmerz weiterleitet. Der Wirkungsablauf kann vereinfacht in drei Phasen gegliedert werden:

  • Initiale Erregung peripherer ­Nozizeptoren
  • Schmerzleitung durch Freisetzung von Neurotransmittern (Substanz P)
  • Wärmegefühl durch örtliche ­Vasodilatation und darauf folgende ­Phase der Unempfindlichkeit­ ­(Desensibilisierung)

 

Höhere Konzentrationen und längere Applikation führen zu unspezifischen, alle Neuronen betreffende neurotoxischen Wirkungen, die vermutlich auf einer unspezifischen physikochemischen Interaktion mit lipophilen Membranstrukturen beruht. Mittlerweile gibt es ernstzunehmende klinische Studien, die eine Wirksamkeit bei Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises, post­herpetischen Neuralgien und diabetischer Neuropathie nachweisen. Dazu allerdings ist eine Anwendung in niedriger Konzentration über 3 bis 4 Wochen hindurch erforderlich. Der Desensibilisierungseffekt kann offensichtlich ohne nennenswerte Beeinträchtigung der Haut genützt werden, wenn richtig dosiert wird.

Nicht zuletzt soll auf die Eignung von ätherischen Ölen zur topischen Schmerz­behandlung hingewiesen werden. Aufgrund der hohen Lipophilie der Komponenten erfolgt eine rasche Resorption über die Haut, sodass nach bereits kurzer Zeit Serumspiegelwerte meßbar sind. Der entzündungshemmende Effekt bestimmter Öle beruht in vitro Versuchen zu Folge auf der Prostaglandin inhibierenden Wirkung, wobei angenommen wird, dass die gemessene Cyclooxygenase-Wirkung durch eine rasche Hautpenetration auch bei topischer Anwendung zum Tragen kommt.

Es konnte gezeigt werden, dass das eugenolhaltige ­Nelkenöl eine signifikant höhere Hemmung der Cyclooxygenase bewirkt als Zimt-, Eukalyptus- und Latschen­kieferöl. In neueren placebokontrollierten Doppelblindstudien wurde ein Vergleich von in Alkohol gelöstem ­Pfefferminz- und Eukalyptusöl bei chronischen Kopfscherzen (externe Anwendung) angestellt. Dabei zeigte nur das Pfefferminzöl eine signifikante Schmerzlinderung, zwischen der Wirksamkeit von 1 g Paracetamol und 10%igem Pfefferminzöl in ethanolischer Lösung bestand kein signifikanter Unterschied.

Zusätzlich kann offensichtlich auch bei manchen Ölen die auftretende Hautreizung hormonelle und immunologische Reak­tions­mechanismen auslösen, die antiphlogistische und analgetische Wirkungen zu Folge haben.

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Axel Rhindt

MEDMIX-Redaktion, AFCOM Digital Publishing Team

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