Arbeitsschutz ist oft unzureichend

0

Sowohl Arbeitsschutz als auch Gesundheitsschutz haben mit den Arbeitsmarkt-Veränderungen nicht Schritt gehalten. Atypisch Beschäftigte sind benachteiligt.

Arbeitsschutz ist in deutschsprachigen Ländern an sich sehr gut integriert. Unfallprävention und betriebliche Gesundheitsförderung wurden in den letzten Jahren verbessert und optimiert. Allerdings profitierten nicht alle Arbeitnehmer von dieser Entwicklung: Atypisch Beschäftigte wie Werkvertragsbeschäftigte, Minijobber oder Leiharbeiter müssen hier Defizite hinnehmen.

 

Beim Arbeitsschutz rechtlich gleichgestellt – doch in der Praxis gibt es Schwierigkeiten

Rechtlich seien Leiharbeiter, Minijobber oder Werkvertragsbeschäftigte beim Arbeitsschutz zwar den Normalarbeitnehmern weitgehend gleichgestellt, erklärten unlängst die Soziologen Dr. Karina Becker und Thomas Engel von den Universitäten Trier und Jena, die verschiedene Befragungsdaten und Fallstudien dazu analysierten.

In der Praxis ergäben sich aber erhebliche Schwierigkeiten. So seien atypisch Beschäftigte aufgrund kurzer Einsatzzeiten oft von Arbeitsschutzroutinen wie regelmäßigen Unterweisungen ausgeschlossen. Zudem gebe es Mängel bei der Betreuung durch Sicherheitsfachkräfte und Betriebsärzte. Bei der Leiharbeit erweise sich als problematisch, dass Ver- und Entleiher gemeinsam Verantwortung für die Sicherheit tragen. Das führe dazu, dass sich in vielen Fällen niemand zuständig fühlt.

Dass Beschäftigungsform und Gesundheitsschutz eng zusammenhängen, konnten die Wissenschaftler anhand von Daten des Bundesinstituts für Berufsbildung und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin belegen. Demnach sinken die Standards mit wachsendem Abstand zum Normalarbeitsverhältnis:

Bei Erwerbstätigen mit unbefristetem Vollzeitjob wird bei 57 Prozent im Betrieb Gefährdungsbeurteilungen durchführt, bei 58 Prozent gibt es auch Angebote zur Gesundheitsförderung.

  • Bei Teilzeit oder Befristung sind das jeweils 43 Prozent.
  • Bei Leihabeitern wird bei 47 Prozent von Gefährdungsbeurteilungen durchgeführt, bei 29 Prozent gibt es Maßnahmen zur Gesundheitsförderung.
  • Beschäftigte, die in mindestens drei Kriterien vom Normalarbeitsverhältnis abweichen – zum Beispiel Geringverdiener mit Teilzeit und Befristung – kommen zu 32 Prozent in den Genuss von Gefährdungsbeurteilungen, 21 Prozent haben Zugang zu Gesundheitsförderung.
  • Am schlechtesten sind die Werte bei Soloselbstständigen mit Niedriglohn – mit 14%Gefährdungsbeurteilungen und 17% Gesundheitsförderung.

 

Standards beim Arbeitsschutz werden unterminiert

Wie die Unterminierung von Arbeitsschutzstandards konkret abläuft, zeigen Becker und Engel anhand zweier Branchenfallstudien. Der erste Fall kommt aus der deutschen Schlachtindustrie, wo mittlerweile in vielen Schlachthöfen nur noch jeder Zehnte regulär beschäftigt ist. Viele der atypisch beschäftigten Fleischer arbeiten zwölf bis 14 Stunden täglich, um den schlechten Stundenlohn zu kompensieren. Dieses gesundheitsverschleißende Verhalten sei durch die überbetriebliche Arbeitsaufsicht angesichts fehlenden Personals kaum einzudämmen. Die Arbeitgeber wiederum hätten wenig Interesse an einem nachhaltigen Umgang mit Arbeitskräften, weil sie stets auf eine „migrantische Reservearmee“ zurückgreifen könnten, so die Studienautoren.

Große Missstände gibt es auch ausländischen häuslichen Pflegern. Arbeitsrechtliche Normen fehlen, seien in Privathaushalten kaum durchzusetzen. Das Gros der Beschäftigten arbeite in einer gesetzlichen Grauzone, was ihre rechtliche Position zusätzlich schwäche. Viele Migrantinnen seien vollständig vom „Gutdünken“ der Familien abhängig, für die sie tätig sind. Solche Konstellationen haben drastische Konsequenzen für den Arbeitsschutz haben.

Weitere Informationen: http://media.boeckler.de/Sites/A/Online-Archiv/16032 – Die komplette Analyse in den WSI-Mitteilungen
http://www.boeckler.de/hbs_showpicture.htm?id=54166&chunk=1 – Infografik zur PM

Share.

About Author

Ann-Marie Nüsslein

MEDMIX-Redaktion, AFCOM Digital Publishing Team

Comments are closed.