Lebensstil, Umweltfaktoren, Gene: die Ursachen von Adipositas

Adipositas oder Fettsucht hat sich zur weltweiten Epidemie entwickelt. © kurhan / shutterstock.com

Adipositas oder Fettsucht hat sich zur weltweiten Epidemie entwickelt. © kurhan / shutterstock.com

Die Ursachen, die für die Entstehung von Adipositas verantwortlich sind, ist ein Zusammenspiel von Lebensstil und Umweltfaktoren sowie von Genen.

Übergewicht und Adipositas – auch als Fettsucht oder Fettleibigkeit bezeichnet – haben in den letzten Jahren allerorts kontinuierlich zugenommen. 30 Prozent der Frauen und 45 Prozent der Männer in unseren Breiten sind übergewichtig, mit einem BMI (Body Mass Index) von 25 bis 30. Eine Fettleibigkeit kann bei Frauen in 21 Prozent, bei Männern in 20 Prozent diagnostiziert werden. Nach WHO, NIH und DAG ist ein Patient mit einem BMI von mehr als 30 kg/(m)2 als adipös definiert. Ein BMI von 25 bis 30 entspricht Übergewicht. Auch bei Kindern nehmen Übergewicht und Adipositas immer mehr zu. Circa zehn Prozent der Erstklassler sind in unseren Breiten bereits bei Einschulung übergewichtig. Zur Vermeidung einer epidemiehaften Zunahme der Adipositas ist jedenfalls die Beeinflussung der Ursachen Lebensstil und Umweltfaktoren durch Politik und Gesellschaft am wirksamsten.

 

Ursachen der Adipositas

Im Grunde genommen ist Adipositas von vielen Faktoren abhängig. Die Ursachen sind polygenetisch fixiert. Das heißt, verantwortlich für die Entstehung von Adipositas ist ein Zusammenspiel von Lebensstil und Umweltfaktoren sowie von Genen.

Während sich die genetische Ausstattung des Menschen in den letzten Jahrhunderten nicht signifikant verändert hat, trifft dies jedoch auf das Lebensumfeld zu. So leben die Menschen heutzutage meist mit einem Überangebot an Nahrung und zunehmender Bewegungsarmut.

Die Möglichkeit der Fettspeicherung in Form von Adipositas hat bisher in der Evolution für Mensch und Tier einen wesentlichen Überlebensvorteil dargestellt. Mit Blick auf die heutigen Lebensumstände gestalten sich diese Fettspeicher jedoch als ein gravierender Nachteil.

Langanhaltendes Übergewicht und Adipositas belasten den Stoffwechsel, Kreislauf und die Gelenke. Gehäufte Erkrankungen wie Diabetes mellitus, Herzinsuffizienz, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Krebserkrankungen und Gelenkverschleiß sind zwangsläufige Folgen. Die Lebensqualität adipöser Patienten ist eingeschränkt, die Lebenserwartung verkürzt (3).

 

Adipositas behandeln, Lebensstil und Umweltfaktoren ändern

Durch Fettleibigkeit bedingten Erkrankungen machen gewichtsreduzierende Maßnahmen notwendig. Entsprechend der vielfältigen Ursachen der Adipositas erfolgt die Behandlung interdisziplinär, multimodal und nachhaltig. Medizin, Ernährung, Bewegung und Verhaltenstherapie sind dabei die Säulen einer erfolgreichen Behandlung der Adipositas.

Bei medizinisch notwendiger Gewichtsreduktion zur Risikosenkung können konservative Therapieprogramme mit multimodalem Ansatz erfolgreich sein. Doch die individuelle Verhaltensänderung ist schwer umzusetzen.

Viele Patienten fallen in alte Gewohnheiten und Muster zurück und nehmen so nach und nach wieder an Gewicht zu. Zwar können Medikamente oder bariatrische Chirurgie in einigen Fällen unterstützen. Man sollte ise jedoch nur kurzfristig verwenden beziehungsweise nur bei Hochrisikopatienten als letzten Ausweg Ultima ratio.

Die Ergebnisse der Adipositas-Behandlung sind unbefriedigend, weil eine leitliniengerechte Therapie meist nicht finanziert wird. Das ist für die Gesellschaft eine neue Herausforderung.

Zum einen müssen extrem hohe Kosten aufgewendet werden, zum anderen ist die Zunahme von Morbidität und Mortalität ab einem BMI von 30 zwar gut belegt, individuell aber eben sehr unterschiedlich.  Das heißt, die Therapie muss anhand einer Risikostratifizierung erfolgen.

 

Vorbeugung im Kindesalter ansetzen

Die Adipositas-Behandlung stellt eine Auseinandersetzung mit der Evolution dar. Zur Vermeidung einer epidemiehaften Zunahme der Fettleibigkeit müssen präventive Maßnahmen zum Einsatz kommen. Die Beeinflussung der adipogenen Umwelt und des Individuums durch eine Verhältnisprävention, also die Schaffung gesundheitsfördernder Verhältnisse, ist der individuellen Verhaltenstherapie deutlich überlegen und zudem ökonomischer. Beispielsweise zeigte eine aktuelle Studie, dass bei Kindern weniger Bildschirmzeiten vor Fernsehen, Computer aber auch Handy kombiniert mit Schlafempfehlungen von 9 bis 11 Stunden täglich das Risiko für Adipositas verringern kann.

Erfolge der Verhältnisprävention bei Alkohol- und Tabakkonsum belegen, dass dies auch für die Ernährung gelten kann. Um der Zunahme von Übergewicht und Adipositas entgegenzuwirken, müssen Wissenschaft, Gesellschaft, Medien und Politik zusammenarbeiten. Vorbeugende Maßnahmen müssen in allen Lebensbereichen Eingang finden, von Kindheit an. So zum Beispiel in Kita, Schule, Gastronomie, Supermärkten und vielem anderen mehr. Dazu gibt es konkrete Ansätze.

Die Verhältnisse im Umfeld unseres täglichen Lebens positiv zu verändern, ist der erfolgversprechendste Weg, um die Ausbreitung von Übergewicht und Adipositas nachhaltig zu bremsen.


Literatur:

Bjerregaard L.G., Jensen B.W., Ängquist L. et al. Change in Overweight from Childhood to Early Adulthood and Risk of Type 2 Diabetes. New England Journal of Medicine 2018; VOL 378 NO 14: 1302-1312. DOI: 10.1056/NEJMoa1713231

Caleyachetty R., Thomas G.N., Toulis K.A. et al. Metabolically Healthy Obese and Incident Cardiovascular Disease Events Among 3.5 Million Men and Women. J Am Coll Cardiol. 2017 Sep 19; 70(12): 1429-1437. DOI: 10.1016/j.jacc.2017.07.763

Sharma A. Lavie C.J., Borer J.S. et al. Meta-analysis of the relation of body mass index to all-cause and cardiovascular mortality and hospitalization in patients with chronic heart failure. Am J Cardiol 2015; 115:1428-34.


Quellen:

Statement »Herausforderung Adipositas: Das Verhalten ändern oder die Verhältnisse? Wie können wir Adipositas erfolgreich bekämpfen?« Professor Dr. med. Johannes Georg Wechsler, Kongresspräsident BDEM, Präsident des Bundesverbands Deutscher Ernährungsmediziner e.V. (BDEM), München 2018

Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften. S3-Leitlinie: Therapie und Prävention der Adipositas

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