Achtsamkeit – Konzept aus der buddhistischen Psychologie

0

Das Konzept Achtsamkeit geht auf den Buddhismus zurück. Um 1950 wurden die Kernideen der buddhistischen Psychologie auch in der westlichen diskutiert.

Wie eine Welle schwappen diverse Praktiken zur Achtsamkeit seit geraumer Zeit aus östlichen Traditionen in unseren westlichen Kulturkreis. Doch was hat es damit auf sich? Was ist Achtsamkeit eigentlich und welchen Nutzen stiftet dieses Konzept?

Entwicklung des Konzepts Achtsamkeit – Mindfulness Based Stress Reduction

Die Wurzeln des Konzepts Achtsamkeit gehen bis ungefähr 500 v. Chr. zurück und liegen im Buddhismus. Erst um 1950 wurden Kernideen aus der buddhistischen Psychologie erstmalig auch in der westlichen Psychologie diskutiert, was dazu führte, dass mit Ende des 20. Jahrhunderts Achtsamkeit auch in etablierte Therapiekonzepte integriert wurde. Das derzeit wohl bekannteste Therapiekonzept wurde von John Kabat-Zinn entwickelt und nennt sich MBSR » Mindfulness Based Stress Reduction «: eine Technik, die auf intensiver Achtsamkeitspraxis basiert und zur Behandlung von chronischem Schmerz entwickelt wurde (Sauer, 2009).

Seit der Jahrtausendwende zeigt auch die Wissenschaft wachsendes Interesse an diesem Konzept, was sich an der rapiden Zunahme von Studien rund um dieses Thema erkennen lässt. Mit diesem steigenden Interesse hat sich ein eigener Forschungszweig entwickelt, der sich unter anderem mit der Wirkung von Achtsamkeitspraktiken auf den Menschen beschäftigt: die Meditationsforschung.

 

Was bedeutet Achtsamkeit eigentlich?

Obwohl der Begriff Achtsamkeit mittlerweile in aller Munde ist, ist das Wissen über die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs doch vielerorts begrenzt. Kabat-Zinn (2003) beschreibt Achtsamkeit als die gewollte Fokussierung auf den aktuellen Moment und definiert drei Kernelemente: on purpose (Absicht), present moment (gegenwärtiger Moment) und non-judgmental (wertfrei). Ist die Aufmerksamkeit ruhig und klar und hält sie sich nicht an festen Vorstellungen und Ansichten fest, so tritt ein Zustand psychologischer Freiheit auf, der einen „frischen Blick“ auf das eigene Sein oder auf eine spezielle Situation erlaubt (Martin, 1997).

Unter den zahlreichen Attributen, die dem Konzept Achtsamkeit zugeschrieben werden, gibt es zwei zentrale Bestimmungsstücke, die wiederum bereits in der buddhistischen Tradition zu finden sind: Gleichmut und Präsenz.

Präsent zu sein bedeutet, die Aufmerksamkeit zur Gänze auf das Hier und Jetzt zu richten, also auf die Struktur und den Inhalt des gegenwärtigen Moments. Etwas gleichmütig zu tun meint, Erfahrungen oder Situationen weder als positiv noch als negativ zu klassifizieren. Gleichmut drückt also einen Zustand des Nicht-Urteilens aus (Sauer, 2009).

 

Achtsames Verhalten

Wie schwierig es ist, sich in diesem Sinne achtsam zu verhalten, wird ersichtlich, sobald der eigene Tagesablauf einer kritischen Beobachtung unterzogen wird. Unachtsames Verhalten zeigt sich in zahlreichen Situationen: Einfache Tätigkeiten wie Zähneputzen oder Haushaltstätigkeit werden selten wirklich achtsam durchgeführt, meist ist die Aufmerksamkeit nicht bei der aktuellen Tätigkeit, sondern entweder bei Vergangenem oder Zu- künftigem – diese Tätigkeiten werden demnach nicht achtsam, sondern im Zustand eines „Autopilot-Modus“ durchgeführt.

Auch das wohlbekannte „Sich-in-etwas-hineinsteigern“ ist ein klassischer Fall von nicht-achtsamem Verhalten. Die Aufmerksamkeit ist zwar in solchen Fällen stark fokussiert auf die aktuelle Wahrnehmung, also das unangenehme Gefühl, allerdings begegnet man der Situation nicht gleichmütig, sondern lässt sich von der Welle der Gefühle mitreißen.

 

Eigennutzen und Nutzen für andere

Bei den vielen Angeboten, die es mittlerweile rund um das Thema Achtsamkeit gibt, kommt rasch die berechtigte Frage auf: Wozu? Was bringt‘s? Hier sei zunächst der Nutzen der Selbstachtsamkeit erwähnt. Durch regelmäßige Achtsamkeitspraxis wird die eigene Wahrnehmungsfähigkeit verfeinert. Man wird sensibler, das Gespür für das eigene Selbst, die eigenen Bedürfnisse und die eigenen Grenzen wird gestärkt. Diese bewusstere Wahrnehmung des eigenen Lebens führt in weiterer Folge zu einem sorgsameren Umgang mit den eigenen Energien. Sogenannte „Energieräuber“ – also Menschen, die uns Energie absaugen – werden schneller identifiziert und es fällt leichter, einen ausgeglichenen Energiehaushalt zu bewahren. Weiters lehrt die Achtsamkeitspraxis, eine akzeptierende Haltung einzunehmen, was sowohl im privaten als auch im beruflichen Alltag vieles erleichtern kann (Weiss & Harrer, 2010).

 

Gelebte Achtsamkeit im Pflegealltag

Im Pflegealltag entstehen durch gelebte Achtsamkeit zahlreiche Benefits für Pflegepersonen und für Patientinnen und Patienten (Bundschuh-Müller, 2004): Eine offene und akzeptierende Haltung führt zu authentischen zwischenmenschlichen Begegnungen, in denen alle Aspekte des Erlebens der anderen Menschen Platz haben. Durch die Erhöhung der Empathiefähigkeit wird das Mitgefühl für andere Menschen gestärkt, es wird ein tieferes Verständnis dafür geschaffen, wie andere ihre Welt erschaffen. Gefühle des Gegenübers können besser wahrgenommen und leichter ausgehalten werden.

 

Methodenvielfalt und einfache Achtsamkeitsübungen

Die Methoden, um Achtsamkeit zu kultivieren, sind vielfältig. Es gibt Meditationsmethoden in Bewegung wie beispielsweise Yoga, Taiji oder Qigong oder Methoden in Stille, wie Sitzmeditationen (Zazen) oder Bodyscan. Keine dieser Methoden ist nun „besser“ oder „schlechter“, entscheidend ist, die für sich selbst passende Methode zu finden, mit der achtsames Dasein geübt wird. Das kann genauso gut achtsame Gartenarbeit oder ein bewusster Waldspaziergang sein. Wichtig ist, den eigenen Zugang zu dieser nährenden Stille zu finden.

Um Achtsamkeit zu üben, muss es also nicht unbedingt ein Yogakurs oder ein Meditations-Retreat sein. Es gibt wunderbare Achtsamkeitsübungen, die sich spielend leicht in den Alltag integrieren lassen.

Eine sehr leicht durchzuführende Übung ist demnach, sich jeden Tag zehn Minuten Zeit für sich zu nehmen und sich in dieser Zeit lediglich auf das Ein- und Ausatmen zu konzentrieren. Das ist ein guter Einstieg, um der persönlichen Stille einen Schritt näher zu kommen, da die ausschließliche Fokussierung auf das Ein- und Ausströmen des Atems den eigenen Verstand unterstützt, zur Ruhe zu kommen. Schweifen die Gedanken während dieser zehn Minuten ab, so wird einfach ein Gedanke nachgeschickt, der da lautet: „Zurück zum Atem“ – und schon ist der Fokus wieder bei der eigentlichen Aufgabe.

Weiters kann Achtsamkeit hervorragend bei der Ausführung von Alltagstätigkeiten geübt werden, bei denen normalerweise der oben genannte Autopilot-Modus aktiv ist. So können Tätigkeiten wie Essen, Autofahren oder Staubsaugen zu Übungsfeldern werden, indem man beispielsweise nur isst und mit der ganzen Aufmerksamkeit beim eigenen Essen ist, ohne daneben Zeitung zu lesen, aufs Handy zu schielen oder sich über Dinge Gedanken zu machen. Dabei erkennt man vermutlich rasch, wie herausfordernd Achtsamkeitspraxis sein kann.
Auch die Natur ist ein fruchtbarer Boden für Achtsamkeitsübungen. Ein achtsamer Spaziergang, bei dem die Aufmerksamkeit vollständig auf die Wahrnehmung der Natur gerichtet wird, eignet sich bestens für eine kleine Übungseinheit.

Auch wenn diese Methoden nicht sonderlich spektakulär klingen, ist es doch empfehlenswert mit diversen Übungen dieser Art zu experimentieren, um ein Stück mehr Bewusstheit in das eigene Leben zu bringen. Entscheidet man sich in weiterer Folge dazu, die eigene Achtsamkeit zu schulen, kann davon ausgegangen werden, dass sich die Wahrnehmung der eigenen Person, des Umfelds und vermutlich des ganzen Lebens kontinuierlich verändern und verfeinern wird.

Quelle:

Achtsamkeit – Was steckt dahinter? Mag. Dipl.-Ing. Sigrid Grünberger. pflegenetz – Das Magazin für die Pflege – http://www.pflegenetz.at/

Literatur

Bundschuh-Müller, K. (2004). „Es ist was es ist sagt die Liebe…“ Achtsamkeit und Akzeptanz in der Personenzentrierten und Experientiellen Psychotherapie. In. T. Heidenreich (Hrsg.) (2004). Achtsamkeit und Akzeptanz in der Psychotherapie. Ein Handbuch. (S. 407-457). Tübingen: dgvt-Verlag.

Kabat-Zinn, J. (2003). Mindfulness-Based Intervention in Context: Past, Present, and Future. Mindfulness Based Stress Reduction. Clinical Psychology: Science and Practice, 10, 144-156.

Martin, J. R. (1997). Mindfulness: A proposed common factor. Journal of Psychotherapy Integration, 7, 291-312.

Sauer, S. (2009). Wirkfaktoren von Achtsamkeit: Wirkt Achtsamkeit durch Verringerung der affektiven Reaktivität? Dissertation Universität Koblenz-Landau.

Weiss, H., & Harrer, M. E. (2010). Achtsamkeit in der Psychotherapie. Verändern durch „Nicht-Verändern-Wollen“ – ein Paradigmenwechsel? In. Psychotherapeutenjournal 1/2010, 14-24.

Share.

About Author

MEDMIX Newsroom

Aktueller Dienst der MEDMIX Redaktion

Comments are closed.