­Hyperinsulinämie bei Diabetes Typ 2: rasche Therapie empfohlen

Durch den ständig ­hohen Insulinspiegel ist der Insulinrezeptor permanent aktiviert bis er ­sozusagen erlahmt.

Durch den ständig ­hohen Insulinspiegel ist der Insulinrezeptor permanent aktiviert bis er ­sozusagen erlahmt.

Patienten mit Diabetes Typ 2 und Hyperinsulinämie sollten möglichst rasch unter Beachtung der Kontraindikationen eine moderne, kausale Therapie erhalten.

Bei einer zu hohen Konzentration von Insulin im Blut spricht man von Hyperinsulinämie. Ursachen für solch eine Hyperinsulinämie sind vor allem die periphere Insulinresistenz bei Diabetes mellitus Typ 2 mit einer reaktiv gesteigerten Insulin-Sekretion in Folge einer Hyperglykämie.

Die Körperzellen sprechen schlechter auf Insulin an, um es aus den Blutgefäßen weiterzuleiten. Dadurch wird verstärkt Insulin, das bekanntlich in den Inselzellen der Bauchspeicheldrüse gebildet wird, in das Blut abgegeben. Bei Diabetes Typ 2 stellt die Bauchspeicheldrüse nach einem längeren Zeitraum die Insulinproduktion häufig fast ganz beziehungsweise überhaupt ein.

 

Diabetes Typ 2

Die Entstehung des Diabetes Typ 2 wurde lange Zeit als ein Versagen der insulinproduzierenden Zellen (β-Zellen) der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) verstanden.

Der Ausdruck des sogenannten Sekundärversagens bezieht sich auf eine Situation, in der der Organismus, nachdem er mit die Insulinproduktion-steigernden Substanzen (insulinotrope Substanzen), allen voran den Sulfonylharnstoffe, oft über viele Jahre zu einer höheren Insulinproduktion angeregt worden war, letztlich nicht mehr in der Lage ist, ausreichende Mengen an Insulin zu produzieren.

Die logische Folge ist eine Substitution von Insulin – in Form der Insulinspritze – mit allen bekannten Konsequenzen.

Für eine adäquate Blutzuckereinstellung ist aber nicht nur die absolute Menge des produzierten Insulins wichtig, sondern die Schnelligkeit in der Verfügbarkeit. So wird im gesunden Organismus Insulin schon beim Anschauen der Speisen (»das Wasser läuft einem im Mund zusammen«) ausgeschüttet, und ist auch sehr rasch bis zum Nüchterninsulinspiegel wieder verschwunden.

Man nennt den Funktionmechanismus pulsatile Insulinproduktion. Dieses Phänomen ist wichtig, um den Insulinrezeptor, eine chemische Kontaktstelle an der Muskel- und Leberzelle, voll funktionstüchtig zu erhalten.

 

Wie Hyperinsulinämie unter anderem bei Diabetes Typ 2 entsteht

In den letzten Jahren wurde dieses Phänomen in vielen wissenschaftlichen Publikationen dis­kutiert. Ein Punkt, der immer wieder zu Erklärungsversuchen aufrief, war die praktisch immer vorhandene Gewichtszunahme nicht nur bei der Insuliniserung der Patienten, sondern auch bei der Therapie mit insulinotropen Substanzen.

In der bekannten UKPDS-Studie waren unter vielen anderen Ergebnissen vor allem zwei As­pekte für das vorliegende Thema interessant:

Die ständige Steigerung der Insulinproduktion führt also zu einer Erhöhung des Nüchterninsulinspiegels, in der Folge zu einer Erhöhung des Blutzuckers, da ja bei Bedarf nach dem Essen nicht mehr schnell genug Insulin produziert werden kann.

Weiter wird aber durch den ständig hohen Insulinspiegel der Rezeptor permanent aktiviert, bis er sozusagen erlahmt. Die Folge ist ein erhöhter Blutzucker, ein gebremster Fettstoffwechsel und daraus resultierend eine Gewichtszunahme, die meist zu einem bereits vorhandenen Übergewicht dazukommt.

 

Folgen der Hyperinsulinämie bei Diabetes

Wenn nun erstmals ein erhöhter Blutzucker festgestellt wird, stellt sich die Frage, ob es sich nun um einen absoluten Insulinmangel, wie immer beim Typ-1-Diabetiker (Insulin Dependent Diabetes Mellitus, IDDM), oder ob nur ein »relativer« Insulinmangel besteht, obwohl eine beim Gesunden ausreichende Menge Insulin produziert wird, der Insulinrezeptor nicht ausreichend reagiert und daher die Insulinwirkung in der Zelle nicht ausreicht.

Die Bestimmung des Insulinspiegels wäre nun die ­logische Konsequenz, um diese Fragestellung zu beantworten. Doch einerseits ist die Bestimmung aufwendig und in der nieder­gelassen Praxis nicht möglich, andererseits schwankt der Insulinspiegel naturgemäß sehr stark, so dass die Ergebnisse nicht immer eindeutig sind.

Allerdings kann man sich auf sehr einfache Weise auch einige Anhaltspunkte verschaffen: Übergewicht, Bewegungsmangel, hohe Blutzuckerwerte trotz hoher Mengen an Insulin, kein oder schlechtes Ansprechen auf Sulfonylharnstoffe oder bereits in der Vergangenheit stattgefundene sogenannte kardiovaskuläre Events, also Herzinfarkt, Schlaganfall oder Durchblutungsstörungen in den Beinen.

 

Therapie der Hyperinsulinämie

Da beim überwiegenden Teil der Typ-2-Diabetiker Bewegungsmangel und Übergewicht vorliegt, steht natürlich die gestei­gerte körperliche Bewegung und die Reduktion des Übergewichtes um zumindest 10% des Körpergewichtes im Mittelpunkt des Interesses. Die laufende Therapie sollte im Hinblick auf Insulin­produktion steigernde Medikamente durchforstet werden.

Glitazone (Metformin und Thiazolidindione) stellen eine kausale Therapie der Hyperinsulinämie dar. Nicht nur die wissenschaftlichen Daten, sondern auch die tägliche Praxis zeigen zufriedenstellende Therapieerfolge. So kann bei Patienten mitunter ganz auf die Insulinsubstitution verzichtet werden, wenn als Grundlage der ­Insulingabe nicht der Insulinmangel, sondern die Hyperinsulinämie herangezogen wurde.

Natürlich sind auch Nebenwirkungen durch Glitazone bekannt. Die Gewichtszunahme, die angeführt wird, basiert gelegentlich auf einer vermehrten Flüssigkeitsretention im sub­kutanen Fettgewebe. Die Herz­insuffizienz als weitere Kontra­indikation ist individuell vom Arzt zu beurteilen.

Wegen des Fehlens einer kausalen Therapie in der Vergangenheit ist anzunehmen, dass es eine große Anzahl von Diabetes­-Patienten (Typ 2) gibt, die unter einer Hyperinsulinämie leiden und trotzdem insulino­trope Substanzen erhalten.


Literatur:

Ye J. Mechanism of insulin resistance in obesity: a role of ATP. Front Med. 2021 May 28. doi: 10.1007/s11684-021-0862-5. Epub ahead of print. PMID: 34047935.

Andrew M. Freeman; Nicholas Pennings. Insulin Resistance. StatPearls [Internet]. Last Update: December 26, 2019.

Dylan D Thomas, Barbara E Corkey, Nawfal W Istfan, Caroline M Apovian. Hyperinsulinemia: An Early Indicator of Metabolic Dysfunction. J Endocr Soc. 2019 Sep 1; 3(9): 1727–1747.
Published online 2019 Jul 24. doi: 10.1210/js.2019-00065


Quelle: ­Hyperinsulinämie bei Typ-2-Diabetes. Dr. Günter Sokol. MEDMIX 11/2005

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