Tibetische Medizin und die biologische ­Vernunft von Mischprinzipien

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Tibetische Medizin ist auch durch den Einsatz von tibetischen Mehrstoffgemische charakterisiert, wobei Kombinationsverfahren bzw. Mischprinzipien den Haupteffekt verstärken und die Nebenwirkungen verringern sollen.

Tibetische Medizin beschreibt Gesundheit als Zustand der Ausgewogenheit. Es gibt starke Einflüsse aus der ayurvedischen Medizin, die tibetische Medizin baut ursprünglich allerdings auf alte schamanische Traditionen auf – mit einer komplexen Arzneimittellehre. Auch im alten China genoss die tibetische Medizin mit seinen Heilpflanzen und Vielstoffgemischen, die bereits in frühen pharmakologischen Texten erwähnt wurden, eine sehr große Anerkennung.

 

Moderne Analysen alter tibetischer Kräuterrezepturen

Durch die Analyse von alten tibetischen Kräuterrezepturen konnten Forscher beispielsweise wichtige Signalmuster bei der Arteriosklerose aufgeklären. Evidenced-based medicine ist ja stets auf der Suche nach neuen Wirkprinzipien, wobei tibetische Kräuterrezepturen dabei Besonderheiten zeigen. Experten sehen darin Richtungsweisen für ein Konzept des Multi-targeting. Dabei ist zu beachten, dass Vielstoffgemische multifaktorielle Nebenwirkungen aufweisen deren Interpretation mit den herrschenden Methoden schwierig ist.

 

Tibetische Medizin mit seinem Konzept „Nebenwirkungen abschwächen – Hauptwirkungen potenzieren“

Dennoch ist das Konzept des tibetischen Arztes »Nebenwirkungen abschwächen – Hauptwirkungen potenzieren« interessant – tibe­tische Mehrstoffgemische wurden seit Jahrtausenden nach diesem Kombinationsprinzip entwickelt (man spricht in diesem Zusammenhang von der »biologischen Vernunft«, die den Mischprinzipien zugrunde liegt).

Bestimmte Mehrstoffgemische nach tibetischer Rezeptur stellen einen hoffnungsvollen Therapieansatz zur Bekämpfung von chronischen Erkrankungen und peripheren Verschlusserkrankungen dar. Die einzelnen Wirkstoffe greifen an verschiedenen Ansatzpunkten in die multikausale und ­kaskadenartige Pathogenese der Arteriosklerose ein. Neben der Frage, inwieweit solche Mehrstoffgemische (bekannt unter Padma 28) das Enzym Hämogygenase-1 reguliert, untersuchen die Innsbrucker Forscher die direkte Wirkung von tibetischen Mehrstoffgemischen auf die Schlüsselenzyme Cyclooxygenase (COX) und Lipoxygenase (LOX) und im Besonderen mögliche neue Wirkmechanismen.

COX-Hemmstoffe unterscheiden oft nicht zwischen dem »guten Bruder« COX1, der die Magenschleimhaut schützt, und COX2 – dem »übereifrigen Bruder« –, der bei chronischen Entzündungen zuviel Mediatoren produziert. Gewisse synthetische Stoffe wie ­Diclofenac erfüllen diese Selektivität.

Auf dem Konzept einer sanften Arznei­pflanzenkombi­nation könnten tibetische Mehrstoffgemische eine phytotherapeutische Alternative sein.

 

Tryptophan, Arteriosklerose – wo ist der Zusammenhang?

Entzündungserkrankungen gehen mit dem vermehrten Abbau der essentiellen Aminosäure Tryptophan einher. Einige Naturstoffe – wie zum Beispiel die Boswelliasäure (in Beinwell) und Triterpensäure, aber auch Rezepturkomponenten von tibetischen Kräuterrezepturen – können offensichtlich den Abbau von Tryptophan eindämmen.

Gleichzeitig geht die Entzündung zurück, was am unspezifischen Marker Neopterin nachweisbar ist. Wenn man weiters weiß, dass Tryptophan ein wichtiger Botenstoff im Gehirn ist und zur Bildung des »Wohlfühlbotenstoffes« Serotonin dient, so könnte man untesrstellen, dass damit auch depressive Befindlichkeitsstörungen verschwinden sowie die soziale Kompetenz steigern könnte. Es ist schon fast zu einem Naturgesetz geworden, das zwischen einer bestehenden Entzündung und dem Tryptophan-Abbau eine Verbindung besteht.

 

Tibetische Medizin und tibetische Kräuterkombinationen bei Durchblutungsstörungen

Tibetische Mehrstoffgemische können erfolgreich bei der Behandlung von akuten und chronischen entzündlichen Prozessen – speziell bei arteriellen Verschlusskrankheiten – eingesetzt werden. Durch ihre Anwendung kommt es zu einer Eindämmung der Entzündung, zu einer geringeren Anheftung von Monozyten und zu einem geringeren Oxidationsprozess von LDL.

Jedoch sollte eine eindeutige ­Diagnose vorliegen und mit dem behandelten Arzt der Einsatz eines pflanzlichen Vielstoffgemisches abgesprochen werden. Eine Änderung der Essensgewohnheiten sowie ausreichend Bewegung sind natürlich immer angeraten.

Durchblutungsstörungen – wie die periphere arterielle Verschlusskrankheit (PAVK) – sind eine der Hauptindikationen von tibetischen Kräuterkombinationen. Patienten sind aufgrund von peripheren Durchblutungsstörungen in ihrem Geh- und Durchhaltevermögen stark beeinträchtigt – sie bleiben z.B. an Schaufenstern stehen, um sich körperlich wieder zu erholen.

In einer placebokontrollierten Schweizer Studie zu Claudicatio intermittens konnte gezeigt werden, dass die Verlängerung der Gehstrecke durch den Einsatz der tibetischen Kräuterkombinationen viermal grösser war als unter Placebo. Molekular kann man das Ergebnis so erklären, dass die Mischung sehr stark antientzündlich wirkte, da sie einen sehr hohen Anteil an Antioxidationskomponenten besass.

Quellen und weitere Informationen:

Die »Biologische ­Vernunft« von Mischprinzipien. Interview mit Univ.-Prof. Mag. Dr. Florian Überall im Gespräch über tibetische Medizin und den Einsatz von tibetischen Vielstoffgemischen. MEDMIX 05/2007; S99.

Atherosclerosis. 2006 Nov;189(1):39-46. Epub 2006 Apr 4. Treating intermittent claudication with Tibetan medicine Padma 28: does it work? Melzer J, Brignoli R,  Diehm C, Reichling J, Do DD,  Saller R. Department of Internal Medicine, Complementary Medicine, University Hospital Zurich

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