Tagträumen durch überlappende Nervenzell-Netzwerke

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Bei Menschen, die Tagträumen und häufig gewollt mit ihren Gedanken abschweifen, überlappen sich zwei Nervenzell-Netzwerke besonders stark.

Wenn Menschen mit ihren Gedanken von der eigentlichen Situation abschweifen, bezeichnet man das häufig als Tagträumen, wobei ein solches Tagträumen häufig als Aussetzer der Aufmerksamkeit abgetan werden. Doch Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften (MPI CBS) in Leipzig und der Universität York in England haben nun herausgefunden, dass auch das Gegenteil der Fall sein kann: Wenn Betroffene Tagträumen und gezielt ihren Gedanken nachhängen, arbeiten bestimmte Hirnstrukturen, die für die kognitive Kontrolle zuständig sind, sogar effektiver zusammen. Das könnte auch erklären, warum manche Menschen davon profitieren können, wenn sie Tagträumen und ihren Gedanken freien Lauf lassen.

 

Tagträumen: Aussetzer oder mentale Probebühne

Weil Menschen oft Fehler passieren, sobald sie die Konzentration auf ihre Umgebung verlieren, galt Tagträumen lange als Aussetzer in unserem kognitiven Kontrollsystem, das sonst insbesondere unsere Aufmerksamkeit steuert und uns unsere Handlungen planen lässt. Heute weiß man, dass man dieses Phänomen differenzierter betrachten muss: Neben dem ungewollten, spontanen Abschweifen der Gedanken existiert eine weitere Form, bei der wir uns bewusst dafür entscheiden, unseren Gedanken nachzuhängen. Sie kann uns als eine Art mentale Probebühne dienen, auf der wir gedanklich zukünftige Ereignisse durchspielen oder aktuelle Probleme lösen.

Was bisher jedoch nur aus Verhaltensstudien bekannt war, konnten die Wissenschaftler nun anhand von Hirnstrukturen und Hirnfunktionen belegen: „Wir haben herausgefunden, dass bei Menschen, die häufig gewollt mit ihren Gedanken abschweifen, der Cortex in bestimmten präfrontalen Regionen, also im Stirnbereich des Gehirns, dicker ausgebildet ist“, erklärt Johannes Golchert, Doktorand am MPI CBS und Erstautor der zugrundeliegenden Studie. „Außerdem hat sich gezeigt, dass sich bei ihnen zwei entscheidende Hirnnetzwerke stärker überlappen. Zum einen das sogenannte Default-Mode Netzwerks, das besonders aktiv ist, wenn wir unsere Aufmerksamkeit nach innen, auf Informationen aus unserem Gedächtnis richten. Zum anderen das sogenannte fronto-parietale Kontrollnetzwerk, das als Teil unseres kognitiven Kontrollsystems unseren Fokus stabilisiert und etwa irrelevante Reize hemmt.“

Indem beide Netzwerke stärker miteinander verknüpft sind, könne das Kontrollnetzwerk stärker auf unsere losen Gedanken einwirken und ihnen so eine stabilere Richtung geben. Das sei der Beleg dafür, dass unsere geistige Kontrolle im Falle des gezielten Tagträumens keineswegs aussetze. „Unser Gehirn scheint hier kaum einen Unterschied darin zu machen, ob unsere Aufmerksamkeit nach außen auf unsere Umgebung oder nach innen auf unsere Gedanken gerichtet ist. In beiden Fällen ist das Kontrollnetzwerk eingebunden“, so der studierte Psychologe. Tagträumen sollten somit also nicht nur als etwas Störendes betrachtet werden. Denn kann jemand sein Tagträumen gut kontrollieren, es also auch bei Bedarf unterdrücken kann, wenn es notwendig ist, dann kann der größtmögliche Nutzen daraus gezogen werden.

Tagträumen mittels Fragebögen untersucht

Untersucht haben die Neurowissenschaftler diese Zusammenhänge mithilfe von Fragebögen und anschließender Magnetresonanztomographie. Zunächst sollten sich die Studienteilnehmer selbst einschätzen, wie stark Aussagen wie „Es passiert mir häufig, dass meine Gedanken spontan abdriften“ oder „Ich erlaube mir, meinen Gedanken freien Lauf zu lassen“ auf sie zutreffen würden. Ihre Angaben zum Tagträumen wurden dann in Zusammenhang mit ihren Hirnstrukturen und deren Zusammenwirken gebracht.


Originalpublikation

Golchert, J.; Smallwood, J.; Jefferies, E.; Seli, P.; Huntenburg, J. M.; Liem, F.; Lauckner, M.; Oligschläger, S.; Bernhardt, B.; Villringer, A.; Margulies, D. S. (2017) Individual variation in intentionality in the mind-wandering state is reflected in the integration of the default-mode, fronto-parietal, and limbic networks. NeuroImage 146, 226 – 235.

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