Jod – Spurenelement mit Geschichte

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Als Spurenelement in Boden, Luft und Meer wird Jod mit der Nahrung in wechselnder Menge zugeführt, der Körper versucht mit mehreren Tricks, genügend Jod zu bekommen.

Das Vorhormon Thyroxin – auch als T4 aufgrund seiner vier Jodatome  bezeichnet – und das Aktivhormon Trijodthyronin (T3) werden von der Schilddrüse erzeugt. Zwei Drittel des T4 besteht gewichtsmäßig aus Jod aus. Da dieses Jod mit der Nahrung in wechselnder Menge als Spurenelement im Boden, Luft und Meer zugeführt wird, versucht der Organismus zum Zwecke der sogenannten SDH-Synthese (Synthese der Schilddrüsenhormone) mit verschiedenen Methoden genügend Jod zu bekommen.

 

Jodidpumpe zur Synthese der Schilddrüsenhormone

Die tägliche empfohlene Jod­-Zufuhr beträgt laut WHO 100 bis 300 Mikrogramm (μg) Jod – bei schwangeren Frauen 200 bis 300 Mikrogramm. Die Schilddrüse kann mittels einer Jodidpumpe – auch als Na+/J–-Symporter bezeichnet – Jodid gegen­über dem Blutplasma um das 50–100fache anreichern zur sofortigen Anlagerung an Eiweiß. Dieser Vorgang wir als SDH-Synthese bezeichnet. Die für den Energiestoffwechsel, für das Zellwachstum aber auch für den gesamten Oorganismus wichtigen Jod-haltigen Schilddrüsenhormone werden von den Follikel-Epithelzellen der Schilddrüse – den sogenannten Thyreozyten – produziert. Im sogenannnten Schilddrüsen-Follikel werden die synthetisierten T4/T3-Moleküle innerhalb eines Riesenproteins im Bläscheninneren, dem Kolloid, gesammelt und bei Bedarf wieder ins Blut abgegeben. Follikel – die kleinste Funktionseinheit der Schilddrüse – sind Bläschen, die von Thyreozyten bedeckt sind. Dieses Hormon(Jod)-Depot in der Schilddrüse kann bis zu 3 Monate ausreichen. Die Jodausscheidung im Stuhl beläuft sich auf 5 bis 8%; die Jodausscheidung im Harn entspricht in etwa der Jod­-Zufuhr.

 

Jodmangel und IDD (iodine deficiency disorders)

Global betrachtet nehmen hunderte Millionen Menschen im Tag durchschnittlich weniger als 100 μg Jod auf. Jodmangel-Erkrankungen (iodine deficiency disorders = IDD) kkommen in Jodmangel-Gebieten endemisch vor: Kropf (Struma) oder Knoten treten dann bei mehr als 10% einer Bevölkerungsgruppe auf, wobei deren klinische Ausprägung ist nicht allein Jodmangel abhängig vom sind, sondern auch von zusätzlich vorghandenen strumigenen beziehungsweise kropffördernde Substanzen in Nahrung u/o Trinkwasser.

Der Kropf (= Struma) ist die ­bekannteste Jodmangel-Erkrankung, die auch deutlich sichtbar wird. Jodmangel in der Schwangerschaft kann aber vor allem beim Kind zu verheerenden Schäden. So kommt es zu Früh-, Fehl- und Totgeburten beziehungsweise zu einer hohen Säuglingssterblichkeit sowie starken Beeinträchtigungen in der fetalen und frühkindlichen Hirnentwicklung. So kann Jodmangel geistige Defekte, Taubstummheit, spastische Diplegien, verzögertes Wachstum oder Kretinismus verursachen. Weiters stehen kleinere neurologische und intellektuelle Funktionsstörungen wie Verminderung der Intelligenz mit Jodmangel in Zusammenhang.

 

Jod, Kropf und Kretinismus in der Geschichte

Der Zusammenhang zwischen Kropf und Kretinismus nebst geistigen Beeinträchtigungen und Wachstumsstörungen ist seit Jahrhunderten bekannt. Auch eine charakteristische geographische Verteilung des Kropfes wie bei Alpenlandbewohnern ist sehr schon lange bekannt, wobei nicht Jodmangel als Ursache erkannt wurde, da Jod wurde ja erst 1811 entdeckt wurde. Vielmehr wurden diverse Umweltfaktoren die Luft- und Wasserqualität, Luftfeuchtigkeit und andere Wetter assoziierte Faktoren verantwortlich gemacht.

Die erste, bekannte bildliche Darstellung von Kropf und Kretinismus in der Weltliteratur stammt aus dem Zisterzienserstift Rein, 10 km nördlich der steirischen Hauptstadt Graz und wurde von einem Mönch 1215 angefertigt. Verschiedene Dokumente weisen auf eine gleiche geographische Verteilung von Kretinismus und Kropf hin. 1530 beschreibt Sebastian Münster – ein von 1480 bis 1552 lebender spätmittelalterliche Geograph, Orientalist und Franziskanermönch – die Kropf-Endemie der steirischen, kropfigen Bauern. Demnach soll ein Kropf so groß werden können, dass er die Sprache behindert und stillende Mütter ihn wie einen Sack auf den Rücken werfen müssen, um ihr Baby füttern zu können.

Wenngleich das Spurenelement Jod und die Funktion der Schilddrüse nicht erforscht waren, gab es schon sehr früh wirksame Behandlungsmöglichkeiten. Bereits 11. Jahrhundert setzten die Magister von Salerno – der damals weltberühmten medizinischen Schule – erfolgreich den Seeschwamm Spongia und Pila (später Balla) marina in gebranntem Zustand (“Spongia usta”), ein. Auch die Inhalation des Dampfes von geräucherten Seesternen beziehungsweise jodhaltiger Mittel wurde als wirksam erkannt. Dazu gehörte der noch heute empfohlene Blasentang. Weiters wurden an verschiedenen Orten beziehungsweise die positiven Effekte von jodhaltigem Wasser entdeckt.

 

Nachdem Jod entdeckt wurde

1811 entdeckte der französische Salpetersieder Bernard Curtois, das Jod bei Versuchen mit geschmolzener Schlacke aus Meeresalgen, der Tangasche (Vareck-oder Kelp-Lauge). Salpetersieder – Saliterer oder Salpeterer – beschafften und sammelten Salpeter, der zur Herstellung des Schwarzpulvers große militärische Bedeutung hatte. Zur Salpetergewinnung wird die Schlacke zunächst mit Wasser ausgelaugt. Curtois erhitzte dann diese Lauge mit Schwefelsäure und sah, wie violette Dämpfe und schwarze Kristalle entstanden. 1827 wies der Linzer Apotheker Josef Pelikan im Tassilo-Wasser des Bad-Haller Sulzbrunnens Jod nach. 1830 publizierte der Wiener Arzt Leopold Wagner die erste medizinische Abhandlung über das Haller Jodwasser.

Im Jahr 1898 empfahl der Grazer Nobelpreisträger und Psychiater, Professor Wagner von Jauregg erstmals die Jodsalzprophylaxe als einfachstes Mittel gegen Kropf und Kretinismus. 1901 gelang der Nachweis von Jod in der Schilddrüse, wodurch die Jodprophylaxe noch mehr an Glaubwürdigkeit gewann. Doch die Jodsalzprophylaxe wurde erst Jahrzehnte später gesetzlich vorgeschrieben, unjodiertes Salz durfte dann nur noch auf spezielles Verlagen abgegeben werden.

Die generelle ­gesetzliche Jodsalzprophylaxe in der Steiermark brachte einen Rückgang von Kretinismus und Neugeborenen-Kropf, der endemische Kropf der Schulkinder, der 1953 bei Grazer Buben und Mädchen noch 37% beziehungsweise 57% ausmachte, war nicht mehr nachweisbar.

Quelle: Spurenelement Jod. MEDMIX 4/2005.

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Axel Rhindt

MEDMIX-Redaktion, AFCOM Digital Publishing Team

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