Schmerzen lindern mit Musiktherapie

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Musiktherapie kann Schmerzen lindern und wird auch mit Erfolg begleitend zu anderen Behandlungsmethoden angewandt, um deren Wirkungen zu verstärken.

Musik kann unsere Stimmung verändern und bei Stress, Verspannungen, Schmerzen oder depressiven Verstimmungen positiv entgegenwirken. Ob und in welchem Ausmaß eine Musiktherapie Schmerzen lindern kann, hängt von verschiedenen Faktoren ab. So spielen psychologische Faktoren wie z.B. die musikalische Kompetenz, physiologische Faktoren wie Empfindlichkeit und Reaktionsvermögen, aber auch soziale Aspekte, Assoziationen oder der ethnische Hintergrund eines Patienten eine maßgebliche Rolle.

Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass unser Gehirn das Tempo leichter verarbeiten kann als das Tongeschlecht, was für die Musiktherapie bedeutsam ist.

Musik spricht direkt das Unterbewusstsein an und kann tief verborgene Emotionen wecken, Verspannungen in Körper und Seele lösen und Kräfte der Selbstheilung wieder beleben. Deshalb ist es möglich und vor allem sinnvoll, Musik auch gezielt zur Krankheitsvorbeugung zu verwenden.

Eine wichtige Rolle spielen dabei die Charakteristika der Musik selbst – wie Tongeschlecht (Dur oder Moll), Lautstärke, Tempo, Melodik, Rhythmik, Harmonik, Timbre (Klangfarbe), Tonhöhe, Phrasierung und Artikulation.

Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass unser Gehirn das Tempo leichter verarbeiten kann als das Tongeschlecht. Musik in Moll und ein langsames Tempo machen traurig. In Verbindung mit raschem Tempo kann das Tongeschlecht Moll Gefühle von Ärger oder Furcht hervorrufen.

Ein schnelles Musikstück in Dur hingegen wird als fröhlich empfunden und kann unsere Stimmung heben. Eine in langsamem Tempo gespielte Musik in Dur wirkt beruhigend und ausgleichend.

All diese Erkenntnisse spielen bei der Anwendung der Musiktherapie – vor allem auch in Kombination mit einer Schmerztherapie und zum Schmerzen lindern – eine wichtige Rolle.

 

Was man unter rezeptiver Musiktherapie versteht

Unter einer rezeptiven Musiktherapie versteht man, dass eine Person eine ganz bestimmte Musik, die z.B. von einem – heutzutage meist digitalen – Tonträger wiedergegeben wird, am Besten über Kopfhörer auf sich einwirken lässt. Das Tragen von Kopfhörern lässt belastenden Lärm und als unangenehm empfundene Geräusche aus unserer unmittelbaren Umgebung verschwinden.

Wichtig ist auch, dass die individuell richtige Lautstärke vom Musik hörenden Menschen selbst gewählt wird. Andernfalls kann das Musikhören selbst Stress auslösend wirken. Gute Erfahrungen wurden damit gemacht, Musik anzubieten, die mit einer eigens dazu konzipierten Entspannungsanleitung kombiniert wurde.

 

Vielseitige Begleittherapie

Die positiven Eigenschaften von Musiktherapie wurde bereits in zahlreichen Anwendungsgebieten gesichert: Musik hilft Stress zu reduzieren, Stimmung und körperliche Leistungsfähigkeit zu verbessern, bringt Entspannung, lindert Schmerzen, senkt bei PatientInnen mit koronarer Herzkrankheit Blutdruck und Herzfrequenz, bessert Verhaltensstörungen und psychische Probleme wie z. B. Ängste und Depressionen.

Beispielsweise wird die beruhigende, Angst lösende Wirkung von Musik heute in Warteräumen von Arztpraxen, in Operationssälen bei verschiedenen chirurgischen Eingriffen und in Intensivstationen genützt. Beobachtungen und Forschungsstudien auf internationaler Ebene zeigen, dass bei psychologischen und psychiatrischen Krankheiten durch Musik in vielen Fällen eine deutliche Besserung erzielt werden kann.

 

Musik lässt bringt Entspannung und Schmerzen vergehen

Musik wirkt unmittelbar auf das limbische System, dh. jene Funktionseinheit des Gehirns, die vor allem für die Verarbeitung von Emotionen zuständig. Als Folge von Musikwirkung wird die emotionale Stimmungslage des Hörenden verändert. Von dieser Stimmungsänderung werden sofort die Skelettmuskeln informiert. Sie reagieren mit Entspannung. Diese Form der Entspannungsreaktion ist ein körpereigener Schutzmechanismus, mit dem ein Zuviel an Stress wieder abgebaut werden kann.

Durch die Stimulation bestimmter Regionen im limbischen System verringert sich gleichzeitig auch die Aktivität jener Gehirnregionen, die bei Angst stimuliert werden. In der Folge ändern sich die Konzentrationen einer ganzen Reihe von Hormonen im Blut. Wenn wir harmonisch klingende »schöne« Musik hören, ist bereits nach wenigen Minuten deutlich weniger Kortisol im Blut nachweisbar. Bedenkt man, dass zu viel von diesem Stresshormon zu den wichtigsten Risikofaktoren für die Entstehung von Herz-Kreislauferkrankungen wie z.B. Herzinfarkt zählt, so ist eine Reduktion von Kortisol durchaus erwünscht.

Durch Musik und bewusste Entspannung kommt es zu einer durch das Vegetativum vermittelten Minimierung der innerlichen Anspannung. Gefühle von Ruhe und Wohlbefinden treten ein. Schmerzen können reduziert werden, indem die damit verbundenen psychosomatischen Auswirkungen wie z.B. Anstieg von Pulsfrequenz, Blutdruck und Muskeltonus, Schlafstörungen oder Magenprobleme wieder rückgängig gemacht werden.

PatientInnen, denen eine rezeptive Musiktherapie mit Musik und Entspannung angeboten wird, können also bei jedem Hören eines entsprechenden Tonträgers immer wieder eine wichtige Erfahrung machen: „Ich bin meinen Schmerzen nicht mehr hilflos ausgeliefert. Ich kann ihnen mit meiner Schmerztherapie wirksam begegnen. Auch von mir hängt es ab, dass ich weniger Schmerzen habe.“

 

Glückgefühle durch die Musiktherapie

Musik, die uns wirklich gefällt, aktiviert im Gehirn das so genannte Belohnungssystem. Dieses »Lust-Zentrum« kann auch auf andere Weise stimuliert werden, z. B. durch gutes Essen, Schokolade, Sex oder auch Kokain, also immer dann, wenn wir uns momentan besonders wohl fühlen. Es kommt zur Ausschüttung von Endorphinen, den körpereigenen Opiaten, die Wohlgefühl bewirken und Schmerzen lindern. Zudem werden auch körpereigene Cannabinoide ausgeschüttet. Dadurch wird unsere Stimmung verbessert.

Ärger und Schmerzen werden erträglicher. Dieselbe »schöne« Musik bewirkt, dass das Hormon Oxytocin verstärkt ausgeschüttet wird. Oxytocin ist allgemein bekannt als jenes Hormon, das den Aufbau stabiler Beziehungen zwischen Menschen unterstützt. Ebenso wird Serotonin, das Hormon das ganz allgemein für Glücksgefühle zuständig ist, beim Hören von angenehmer Musik vermehrt gebildet.

 

Musiktherapie kann Schmerzen lindern

Unter Einwirkung von Musik treten somit zahlreiche körperliche Veränderungen auf. Viele dieser vom vegetativen Nervensystem gesteuerten Körperfunktionen wie Muskelaktivität, Atem- und Herzfrequenz, Hauttemperatur und elektrischer Hautwiderstand können gemessen werden. Untersuchungen dazu liefen bereits in den 1960er-Jahren an der Universität Salzburg im Rahmen eines von Herbert von Karajan angeregten Forschungsprojektes.

Zur Prophylaxe bzw. zur Linderung von Schmerzen hat manchem Betroffenen das Hören von Entspannungsmusik geholfen: Studien zur Schmerztherapie über die Wirkung einer gezielt für Patienten mit Schmerzen entwickelten Musik in Kombination mit einer gesprochenen Entspannungsanleitung wurden vom Salzburger Schmerzspezialisten und Experten für Musiktherapie, Univ.-Prof. Dr. Günther Bernatzky, in Zusammenarbeit mit Gesundheits-Psychologen, Musikern, Wissenschaftern und Ärzten durchgeführt. Dabei konnten signifikante Verbesserungen der Schmerzen, der Schlafqualität, des allgemeinen Befindens und eine deutliche Reduktion von Angst und Depression festgestellt werden.

 

Angst und Depression entgegenwirken und Schmerzen lindern

Viele Krankheiten – besonders auch solche, die mit Schmerzen verbunden sind – werden von Ängsten und Depressionen begleitet und weiter verstärkt. Um diese Negativ-Spirale zu beenden, ist es notwendig, geeignete Strategien zu finden, die es ermöglichen, sowohl Schmerzen als auch die damit verbundenen Ängste gering zu halten. Studien zeigen, dass rezeptive Musiktherapie in Verbindung mit einer gesprochenen Entspannungsanleitung in vielen Fällen ein geeignetes unterstützendes Behandlungsverfahren darstellt und in dieser Gesamtheit eine hohe entspannungsfördernde Wirkung entfaltet. So liegen statistisch sehr gut belegte Ergebnisse vor, dass Schmerzen durch Anwendung von Musik innerhalb von drei Wochen reduziert werden konnten.

In einer Salzburger Studie konnte beispielsweise gezeigt werden, dass durch die komplementär eingesetzte Musiktherapie eine Wirkungssteigerung der gesamten Schmerztherapie um etwa 40% eingetreten ist. Auch begleitende negative Gefühle und Gedanken, Ängste und Depressionen gingen deutlich zurück. Ebenso konnte eine wesentliche Verbesserung der Schlafqualität verzeichnet werden.

In einer anderen Studie einer Arbeitsgruppe von Univ.-Prof. Dr. Günther Bernatzky konnte mittels Musiktherapie eine deutliche Verbesserung des Wohlbefindens erreicht werden. So konnte im Zusammenhang mit der Schmerztherapie bei Operationen gezeigt werden, dass eine Reduktion von 54% starker Schmerzmittel, 51% schwacher Schmerzmittel und 64% von Schlafmittel – durch den Einsatz der Musiktherapie vor der Operation bzw. während der Operation und nach der Operation – möglich ist.

Diese Ergebnisse unterstreichen, dass mit zusätzlicher Musiktherapie – im Sinne von Musikhören – der Erfolg schulmedizinischer Therapien deutlich verbessert werden kann. Vor allem verbessert sich auch die Compliance der Patienten und Nebenwirkungen einer medikamentösen Behandlung fallen deutlich geringer aus.

 

Wie Musik auf den Menschen wirkt

In neurophysiologischen Untersuchungen wurde versucht, Erklärungsansätze zu finden, wie Musik auf den Menschen wirkt. Experten vermuten, dass sich durch Musik die Stimmung aufhellt, da – wie oben erwähnt – das limbische System in unserem Gehirn stimuliert wird. Als Folge davon wird die Schmerzverarbeitung im Gehirn gehemmt, die Muskulatur unseres Körpers entspannt sich.

Wenn sich die Stimmung durch Hören ausgewählter Musik bessert, kommt es zur Senkung des Cortisolspiegels, die Bildung sogenannter Immunglobuline wird angeregt, was wiederum eine Stärkung des Immunsystems zur Folge hat.

Musik kann auch die Ausschüttung verschiedener Neurotransmitter, die für die Weiterleitung von Signalen zwischen den Nervenzellen zuständig sind, anregen, was in Studien beispielsweise einen starken Anstieg des Dopaminspiegels bewirkte. So konnte bei Parkinson-Patienten durch gezieltes Hören einer rhythmisch akzentuierten Musik für einige Zeit die Bewegungskoordination der Betroffenen verbessert werden.

 

Die richtige Musik auswählen und hören

Die Frage nach der »richtigen Musik« ist schwer zu beantworten, da das Erleben von Musik eine starke subjektive Komponente hat. Weil Musik aber auch überindividuell vergleichbare Wirkungen hat, haben sich aufgrund wissenschaftlicher Untersuchungen verschiedene Empfehlungen etabliert.

So sollte sich, um dem Patienten einen Zustand der Entspannung zu ermöglichen, die dafür abgespielte Musik am Herzschlag und an der Atmung orientieren – sprich ein Rhythmus mit 60 bis 70 Schlägen pro Minute scheint optimal zusein. Allgemein wirkt ruhige, harmonische Musik mit leichten, fließenden Melodien entspannend.

Besonders eignet sich Musik mit einfachen Strukturen, geringen melodischen Kontrasten und gleichmäßiger Dynamik für diesen Zweck. Auch Harmonik und Rhythmik sollen einfach sein, damit sich bei den Zuhörenden Gefühle innerer Ruhe, Entspannung und Zufriedenheit einstellen können.

Gut geeignet als Entspannungsmusik sind meist die langsamen Sätze wie Andante, Adagio und Largo in den klassischen Werken.

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Quellen und weitere Informationen: Mit Musiktherapie Schmerzen lindern. MEDMIX 8-2006.

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About Author

Dipl.-Ing. Alexandra Springler

Seit 2011 ist Dipl.-Ing. Alexandra Springler MEDMIX- und AFCOM-Mitarbeiterin. Nach Abschluss ihres Biotechnoligiestudiums ist sie nun in der Forschung tätig und absolviert zur Zeit ihr Doktorat.

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