Risikofaktor Frau bei Kniearthrose

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Dass es einen Einfluss des Geschlechts bei Arthrose beziehungsweise der Kniearthrose gibt, ist seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts bekannt.

In den zurückliegenden Jahren ist zunehmend klar geworden, dass das Geschlecht einen Einfluss auf die Häufigkeit gewisser Erkrankungen und Symptome hat und dass es nicht selten mit darüber entscheidet, wie gut eine Behandlung anspricht. Das trifft auch auf einige orthopädische Erkrankungen zu. Bei der Kniearthrose ist das Geschlecht ein Risikofaktor.

 

Arthrose

Frauen leiden häufiger unter Kniearthrose als Männer. Beispielsweise hat in Deutschland nach Angaben des Robert Koch-Instituts in Berlin jede zweite Frau und jeder dritte Mann über 60 eine Arthrose. Dementsprechend sind auch 65 Prozent der Patienten mit einem Kunstgelenk Frauen. Das zeigen die Zahlen aus dem neuen „Weißbuch Gelenkersatz“.

Weiters leiden Frauen mit einer Kniearthrose vor und nach der Operation stärker an Schmerzen als Männer. Schließlich kämpfen sie nach der Implantation einer Knieprothese auch mehr mit Einschränkungen bei der Funktion und der Lebensqualität. und erholen sich schlechter.

Allerdings lassen sich amerikanischen Untersuchungen zufolge Frauen oft später operieren als Männer, sodass die Kniearthrose weiter fortgeschritten ist. Erschwerend kommt hinzu, dass bei Frauen der Knorpel im Knie viermal schneller abgebaut wird. Interessanterweise raten laut einer kanadischen Untersuchung Ärzte männlichen Patienten häufiger zu einer Operation als Frauen.

Die vor knapp zehn Jahren eingeführte Knieprothese für Frauen, das sogenannte Frauen- oder Genderknie, erzielt keine besseren Ergebnisse als die Unisex-Prothesen. Das haben verschiedene Metaanalysen gezeigt.

 

Erkrankungen und Frakturen an der Hand

90 Prozent der Patienten mit einer Arthrose der Fingergelenke (Heberden-Arthrose) sind Frauen.

Typisch für Frauen ist auch die Tendovaginitis de Quervain durch Überbeanspruchung des Daumens. Diese Erkrankung wird auch als Hausfrauendaumen bezeichnet. Es handelt sich dabei um eine Sehnenscheidenentzündung im ersten Strecksehnenfach des Handgelenks.

Drei Viertel der Knochenbrüche an der Mittelhand entfallen allerdings auf die Männer. Sie brechen sich auch häufiger die Fingerknochen als Frauen.

 

Osteoporose

Frauen leiden häufiger unter einer Osteoporose als Männer. Bei Männern wird diese Krankheit allerdings seltener diagnostiziert und behandelt. 16 Prozent der Frauen im Alter über 50 Jahre, aber nur vier Prozent der Männer in diesem Alter leiden an einer Osteoporose.

Frauen brechen sich zwar häufiger den Schenkelhals wegen einer Osteoporose, sterben aber seltener daran als Männer. Für Männer ist das Risiko, im Jahr nach einer Schenkelhalsfraktur zu sterben, doppelt so hoch wie für Frauen.

Weiters treten bei Männern traumatische Verletzungen häufiger auf als bei Frauen. Hingegen sind bei Frauen allerdings die Stressfrakturen im Erwachsenenalter häufiger.

Bei Chronischen Schmerzen ist das Schmerzempfinden bei Frauen ausgeprägter als bei Männern. Schließlich leiden auch mehr Frauen als Männer unter chronischen Schmerzen. Unterschiede gibt es auch bei der Narkose und der Wirkung von Medikamenten sowie der Rehabilitation.

 

Möglichen Ursachen für geschlechtsspezifische Unterschiede

Derzeit sind die genauen Ursachen für geschlechtsspezifische Unterschiede nicht bekannt. Als mögliche Gründe werden anatomische Unterschiede bei den Knochen, Sehnen und Bändern genannt. Weiters werden auch Unterschiede bei der Knochenqualität sowie hormonelle oder genetische Faktoren vermutet.

Wissenschaftler vermuten schließlich auch anatomische Unterschiede beispielsweise bei Kniearthrose und Verletzungen des vorderen Kreuzbands. So ist beispielweise bei Frauen der Abstand zwischen den beiden Kondylen geringer als bei Männern.

 

Östrogen und Hormone

Weil der Knorpel Rezeptoren für Östrogen enthält, ist auch untersucht worden, ob der Rückgang des weiblichen Geschlechtshormons nach der Menopause einen Einfluss auf die Kniearthrose bei Frauen hat. Das scheint nicht der Fall zu sein. Eine Hormonersatztherapie bietet auch keinen nennenswerten Schutz vor Arthrose.

Der Östrogen-Mangel nach der Menopause führt allerdings zur Osteoporose. Diese Krankheit gilt bei Frauen als Hauptursache für Knochenbrüche im Alter. Die bis vor einigen Jahren propagierte Östrogen-Ersatztherapie zur Behandlung der Osteoporose bei Frauen nach der Menopause ist wegen eklatanter Nebenwirkungen allerdings verlassen worden (Brustkrebsrisiko).

Männer haben von Anfang an 35 bis 42 Prozent mehr Knochenfläche als Frauen, allein wegen ihrer Körpergröße. Über die Zeit geht der innere, trabekuläre Knochen bei Männern und Frauen gleich schnell verloren. Hingegen wird aber die kompakte Knochenhülle, der kortikale Knochen, bei Frauen schneller resorbiert.

 

Instabilität des Knöchels

Grundsätzlich haben Frauen häufiger laxe Bänder an den Knöcheln. Schließlich verstauchen sich laut einer Metaanalyse von Doherty Frauen zweimal häufiger den Knöchel. Weiters konnte auch bei der Untersuchung von Schülern einer amerikanischen Highschool und Studenten eines amerikanischen Colleges gezeigt werden, dass Frauen häufiger mit einer chronischen Instabilität des Bandapparates am oberen Sprunggelenk als Männer zu kämpfen haben.

Deswegen sollten Orthopäden stärker für diese geschlechtsspezifischen Unterschiede und ihre möglichen Konsequenzen sensibilisiert werden. Damit sie letztendlich Frauen und Männer gleichberechtigt versorgen können. Allerdings ist die klinische Relevanz dieser Unterschiede nicht in allen Fällen klar.

In den Vereinigten Staaten wird das Thema geschlechtsspezifische Unterschiede bei Erkrankungen des Bewegungsapparates seit einigen Jahren sehr fokussiert. Deswegen wurden Studien gesponsert, die zeigen, dass Arthrose bei Männern und Frauen unterschiedlich häufig und unterschiedlich schwer verläuft.

Beispielsweise mach sich die American Academy of Orthopaedic Surgeons für das Thema besonders stark. Grundsätzlich ist seit 1956 weitreichend bekannt, dass es einen Einfluss des Geschlechts bei der Arthrose gibt.

 

Geschlecht Frau – Risikofaktor für eine Kniearthrose

Weil sie eher eine Kniearthrose entwickeln und weil sie durchschnittlich länger leben, wird die Medizin zukünftig vermutlich immer mehr Frauen versorgen müssen. Schließlich ist das Geschlecht ein Risikofaktor für eine Kniearthrose, genauso wie für Adipositas.

Die genauen Ursachen, warum Frauen eher eine Kniearthrose entwickeln, kennt man derzeit leider nicht. Das erschwert folglich die Möglichkeiten der Prävention.

Quellen:

Statement »Frauen sind anders: geschlechtsspezifische Unterschiede bei Erkrankungen und Verletzungen in O & U« von Dr. med. Manfred Neubert, Kongresspräsident DKOU 2016, Berufsverband für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU), Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie am Sonneberger Orthopädiezentrum, Bremen anlässlich des Deutschen Kongresses für Orthopädie und Unfallchirurgie (DKOU) 2016.


Literatur:

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(2) www.rki.de

(3) Weißbuch Gelenkersatz

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