Psychosoziale Aspekte zur Therapie von ­Demenzkranken

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Psychosoziale Interventionen bei Angehörigen ­können sowohl für die Angehörigen selbst als auch für die Demenzkranken positive Wirkungen haben.

Aufgrund der zunehmenden Überalterung der Bevölkerung wird davon ausgegangen, dass in den nächsten Jahrzehnten weltweit die Zahl von Demenzkranken zunehmen wird. Die Versorgung in Alten- oder Pflegeheimen wie auch die Pflege im häuslichen Umfeld verursacht dementsprechend beträchtliche Kosten.

Etwa drei Viertel aller Demenzkranken leben in Privathaushalten. Verständlicherweise ziehen es ältere Menschen vor, möglichst lange in der eigenen Wohnung zu verbleiben, da eine Aufnahme ins Heim nicht nur eine Veränderung der gewohnten Umgebung, sondern auch eine Trennung von Familienmitgliedern und Freunden bedeutet. Die Behinderungen durch schwere Demenzen können aber so ausgeprägt sein, dass eine Versorgung zu Hause nur möglich ist, wenn die pflegende Person in der gleichen Wohnung lebt.

Aus diesem Grund sind es vor allem Familienmitglieder (Partner oder Kinder) von Demenzkranken, die sie zu Hause pflegen. Diese Pflege von Demenzkranken im familiären Umfeld ist aber häufig so aufwendig und anspruchsvoll, dass sie zu ausgeprägten Belastungen für die Angehörigen führt. Derartige Belastungen führen nicht nur zu Störungen des Alltagslebens und emotionalem Druck, sondern können auch die körperliche und psychische Gesundheit der Pflegenden beeinträchtigen.

Welchen Belastungen Familienangehörige von pflegebedürftigen Demenzkranken ausgesetzt sein können, wurde vor allem in den letzten Jahren mehrfach beschrieben.

 

Kognitive Defizite

Die Angehörigen Demenzkranker fühlen sich zu einem beträchtlichen Teil durch die kognitiven Defizite und die daraus resultierenden Einschränkungen im Alltag belastet. Beispielsweise führen die kognitiven Defizite oft dazu, dass die Kranken ihre sie pflegenden Familienmitglieder nicht mehr erkennen oder mit anderen Menschen verwechseln. Dies ist für viele Angehörige eine äußerst verletzende Erfahrung.

Weitere kognitive Störungen, die zur Belastung der Angehörigen führen können, sind Gedächtnisstörungen, Desorientiertheit und Wortfindungsstörungen. Vor allem die mit Demenzerkrankungen häufig einhergehenden Verhaltensstörungen (z.B. Aggressivität, Unruhe, nächtliches Umherwandern) sind eine wesentliche Ursache für Belastungen der pflegenden Familienangehörigen.

Zahlreiche Studien bestätigen mittlerweile, dass die Verhaltensstörungen die Angehörigen zumindest in gleichem Ausmaß, wenn nicht noch mehr als die kognitiven Störungen belas­ten.

 

Soziale Isolation

Durch die Pflege der Demenzkranken in häuslicher Umgebung entstehen den Angehörigen oft beträchtliche Kosten. Diese Kosten machen oft mehrere hundert Euro monatlich aus. Da die Versorgung und Betreuung eines Demenzkranken sehr viel Zeit erfordert, verlieren viele Angehörige immer mehr den Kontakt zu anderen Familienmitgliedern und Freunden und werden zunehmend isolierter. Außerdem ist Demenz häufig ein Tabu-Thema, das nur ungern mit anderen besprochen wird. Dies fördert die soziale Isolation oft zusätzlich. So wie andere Personen, die chronisch kranke Familienmitglieder zu Hause pflegen, leiden die Angehörigen von Demenzkranken häufig unter depressiven Störungen oder Angsterkrankungen.

Es liegen Hinweise vor, dass pflegende Personen, die unter derartigen psychischen Erkrankungen leiden, eher resignieren und dazu neigen, eine Aufnahme in ein Pflegeheim zu veranlassen. Außerdem haben pflegende Angehörige von Demenzkranken häufig eine schlechtere körperliche Gesundheit als ihrem Alter entsprechend wäre. Sie suchen häufiger den Praktischen Arzt auf und nehmen öfter Medikamente ein.

Es gibt Hinweise darauf, dass der klinische Subtyp der Demenz (z.B. Alzheimer Erkrankung, vas­kuläre Demenz) keinen Einfluss auf die genannten Belastungen der Angehörigen hat. Die Krankheitsdauer und der Schweregrad der Symptomatik dürften allerdings das Ausmaß der Belastungen beeinflussen.

 

Psychosoziale Interventionen bei Angehörigen

Angehörige von Demenzkranken haben also die verschiedensten subjektiven und objektiven Belastungen. Trotzdem ist eine möglichst lange Pflege durch Angehörige im häuslichen Umfeld zu befürworten. Die Pflege zu Hause entspricht zumeist den Wünschen der Kranken und ihrer Angehörigen. Außerdem ist es zu Hause oft besser als in Pflegeinstitutionen möglich, auf die individuellen Bedürfnissen des Kranken einzugehen. Um diese schwierige Aufgabe aber leisten zu können, benötigen die Angehörigen umfangreiche Hilfe und Unterstützung.

In den letzten Jahren wurden zahlreiche Untersuchungen veröffentlicht, die zeigten, dass Interventionen und Hilfen für die Angehörigen Demenz-Kranker wirksam sind und von den Angehörigen als hilfreich empfunden werden. Derartige Angehörigeninterventionen verringern außerdem das Risiko für Depressionen bei Angehörigen sowie die Wahrscheinlichkeit einer Aufnahme der Kranken ins Pflegeheim. Beispielsweise umfassen die Ziele von Experten-geleiteten Angehörigenrunden unter anderem Wissensvermittlung über die Krankheit, Umgang mit Verhaltensstörungen, soziale bzw. rechtliche Fragen, Ent­wicklung von Bewäl­tigungstechniken und Bearbeitung von Konflikten. Weitere Aspekte inkludieren das Bearbeiten etwaiger Schuldgefühle und das Vermeiden von Burnout. Ähnliche Aspekte werden auch im Rahmen von speziellen Angehörigen-Schulungsprogrammen und in Gruppen, die von Angehörigen-Selbsthilfe-Organisationen angeboten werden, bearbeitet.

 

Psychosoziale Interventionen bei Angehörigen

Die psychosozialen Interventionen bei Angehörigen umfassen unter anderem folgende Bereiche:

  • Information über Krankheitsverlauf, Symptomatik, Behandlungsmöglichkeiten, Pflege, professionelle Anlauf- stellen (z.B. Pflegedienste, Tagesstätten)
  • Informationen über Wirkungen und Nebenwirkungen von Medikamenten
  • Verhalten und Situation der demenzkranken Person verstehen lernen
  • Erlernen des Umgangs mit einem Demenzkranken
  • Erkennen von Faktoren, die eine Verschlechterung der Symptomatik bewirken können (z.B. Stress, Veränderungen des Alltagsrhythmus)
  • Hilfe bei rechtlichen Problemen (z.B. Sachwalterschaft, rechtliche Vertretung gegen- über Behörden, bei finanziellen Angelegenheiten)
  • therapeutisches Bearbeiten etwaiger Vorwürfe aus dem Familienkreis oder Freundeskreis
  • therapeutisches Bearbeiten der Trauer und Enttäuschung, dass die Kommunikation mit dem Kranken so eingeschränkt ist
  • therapeutisches Bearbeiten belastender Erfahrungen (z.B. Aggressionen, Nicht-Erkennen der Angehörigen)
  • Erkennen der eigenen Grenzen (der Angehörigen)
  • Umgehen mit den realen oder auch vermuteten Stigmatisierungen
  • Möglichkeiten der Betreuung des Kranken, wenn der Angehörige wegen eigener Erkrankung verhindert ist
  • Informationen über finanzielle Unterstützungen
  • Angebote zur Entlastung in der Pflege bzw. Hilfen bei der Beaufsichtigung des Kranken (z.B. stundenweise Beaufsichtigung zu Hause, Tagesstätten)
  • Hilfen bei der Körperpflege des Demenzkranken

Mehrere Studien konnten nachweisen, dass derartige Interventionen bei Angehörigen sowohl für die Angehörigen selbst als auch für die Kranken positive Wirkungen haben. Es konnte auch gezeigt werden, dass durch solche Interventionen längerfristig auch Kosten eingespart werden können. Derartige psychosoziale Interventionen bei den Angehörigen von Demenzpatienten werden daher heute zum Standard einer umfassenden Behandlung der Demenz gezählt.

Quelle:

Psychosoziale Interventionen bei Angehörigen ­können sowohl für die Angehörigen selbst als auch für die Kranken positive Wirkungen haben. Univ.-Prof. Dr. Johannes Wancata. MEDMIX 4/2006

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