Proktologie – Tabuthema Stuhlinkontinenz

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Proktologie behandelt Enddarm-Krankheitsbilder wie Hämorrhoiden, Fissuren, Fisteln und Abszesse, Analekzem, Stuhlinkontinenz, Darmpolypen und anorektale Tumoren.

Krankheitsbilder der Proktologie – insbesondere bei funktioneller Genese – sind trotz eines oftmals großen Leidensdrucks der betroffenen Patienten medizinisch im Allgemeinen »unterbelichtet« bzw. sind Tabuthemen. Erschwerend kommen hier eben Faktoren wie eine mehr oder minder starke Tabuisierung seitens der Patienten dazu. Vorhandene therapeutische Möglichkeiten rechtfertigen jedoch einen diesbezüglichen Nihilismus nicht.

 

Stuhlinkontinenz: Defekt des inneren Analsphinkters bzw. eine Stuhlimpaktion

Stuhlinkontinenz kann sich als passive (»Stuhlschmieren«) oder als Dranginkontinenz äußern. Erstere tritt unbewusst auf und ist häufig auf einen inneren Analsphinkter-Defekt bzw. eine Stuhlimpaktion zurückzuführen – als Co-Faktoren können dabei Diarrhoe, Demenz und Depression eine Rolle spielen.

Differenzialdiagnostisch sind eine schlechte Hygiene, ein Prolaps oder entzündliche bzw. schmerzhafte anorektale Erkrankungen abzugrenzen. Der Dranginkontinenz liegt oft ein äußerer Analsphinkter-Defekt  vor oder aber es besteht ein hoher Druck im Darm (Reizdarmsyndrom) – Diarrhoe bzw. eingeschränkte Mobilität können bei diesem Geschehen Co-Faktoren sein.

Als mögliche körperliche Befunde können bei der Inspektion Meteorismus, perianale Veränderungen (Fissur, Fistel, Entzündung, Narbe), ein klaffender Anus, aber auch ein Beckenbodendeszensus oder ein Rektalprolaps auffallen. Palpiert können abdominelle oder rektale Tumoren, Analstrikturen, reduzierter Ruhe- oder Kneiftonus, Stuhlimpaktion, Rektozele oder ein reduzierter »anal wink« werden. Einen wesentlichen Einfluss auf die Entstehung von Anal­sphinkter-Läsionen haben vaginale Entbindungen.

Zu den konservativen Therapieansätzen zählen die Vermeidung großer Mahlzeiten, die Erhöhung der Stuhlkonsistenz durch verschiedene Präparate wie Loperamid, Codein, Tinctura opii, Cholestyramin und Weizenkleie, Stuhldesimpaktion, »scheduled toileting« (Einlauf zur Darmentleerung), Analtampon und Biofeedback.

 

Mögliche chirurgische Maßnahmen in der Proktologie

Versagen diese Maßnahmen, können verschiedene operative Verfahren wie Anal­sphinkter-Naht, perineale Gracilisplastik, künstlicher Anal­sphinkter, sakrale Nervenstimulation, antegrade Kolonirrigation oder Colostomie angeboten werden. Dyschezie äußert sich klinisch in einer Obstipation und tritt primär infolge einer anorektalen Dysfunktion (Analsphinkter, Rektum, Beckenboden-Muskulatur) auf. Diese ist von reaktiven sekundären Formen bei schmerzhaften Erkrankungen des Anorektalbereichs abzugrenzen. Definiert ist sie als Pressen oder Gefühl der inkompletten Stuhlentleerung oder Notwendigkeit zur digitalen Evakuation bei ≥ 25% der Stuhlgänge über mehr als drei Monate hindurch – nach Ausschluss einer strukturellen Ursache! Zu den typischen Symptomen zählen weiters dünne Stühle, Schmerzen bei der Defäkation oder unvollständige Entleerungen von Einläufen.

Bei Inspektion können Meteorismus, perianale Veränderungen, Rektumprolaps, Beckenboden-Deszensus bzw. dessen eingeschränkte Mobilität auffallen. Abdominelle und rektale Tumoren, Rektozele, Analstrikturen, Stuhlimpaktion sowie ein erhöhter Ruhe- und Kneiftonus sind einer Palpation zugänglich. Des Weiteren kann die digitale Palpation per se bereits Schmerzen bereiten – ebenso die Ertas­tung von oder der Zug am Levator ani.

Bei Beckenboden-Fehlfunktion bietet sich in der Akut- wie auch Dauertherapie eine Gabe von Macrogol-haltigen isotonen Lösungen an (eventuell punktuell unterstützt durch Suppositorien bzw. Einläufe). In ausgewählten Fällen kann auch Biofeedback eingesetzt werden.

Quelle:

Proktologie: Inkontinenz und Verstopfung. Univ.-Prof. Dr. Heinz Hammer. MEDMIX 3/2007

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Dr. Darko Stamenov

MEDMIX-Redaktion, Projektleiter, AFCOM Digital Publishing Team

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