Professionalisierung in der Pflege

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Über die Notwendigkeit der Professionalisierung in der Pflege herrscht Einigkeit, die Akademisierung der Grundausbildung ist ein wichtiges Puzzlestück.

Darüber, dass Pflege (weiter) professionalisiert werden muss, gibt es Einigkeit. Der eingeschlagene Weg der Akademisierung auch der Grundausbildung stellt einen Versuch dar, dieses Anliegen voranzutreiben, ebenso (schon lange) das Handeln auf Grundlage des Pflegeprozesses. Begründet wird die Notwendigkeit der Professionalisierung in der Pflege aus unterschiedlichen Perspektiven. Heute soll eine vorgestellt werden, die sich mit dem Umstand, dass der Pflegeberuf ein Dienstleistungsberuf (und zwar ein personaler Dienstleistungsberuf) ist, beschäftigt. Pflegehandeln ist somit durch bestimmte Merkmale gekennzeichnet, die – so die Erziehungswissenschafterin Ursula Rabe-Kleberg – professionelle Arbeitsbedingungen erforderlich machen. Ein Teil davon ist – aus professionstheoretischer Sicht – das Denken in einem Dreischritt, der uns heute als Pflegediagnostik bekannt ist.

 

Institutionalisierung der Pflege und Betreuung Älterer durch Wegfall der »selbstverständlichen« Pflege erkrankter oder gebrechlicher Angehöriger

Dienstleistungsberufe sind zunächst Berufe, deren Ausübung dazu dient, die Formalstrukturen der Gesellschaft zu reproduzieren und zu gewährleisten (Rabe-Kleberg, 1996). Die darin erbrachten Leistungen haben Prozesscharakter, sind in der Regel schwer zu bemessen, da sie nicht „stofflich“ sind: es handelt sich bei den „Produkten“ dieser Arbeit nicht um Waren und die Arbeit selbst besteht hauptsächlich aus Interaktionsprozessen. Nun trifft letzteres auf die Pflege nicht unbedingt zu, zwar ist jede pflegerische Handlung an einer Patientin bzw. einem Patienten mit Interaktion verbunden, viele Pflegehandlungen bestehen aus „reiner“ Interaktion, aber eben nicht alle. Wesentlich dabei ist, dass das „Produkt“ (besser: das Ergebnis) großer Teile der Pflegearbeit nicht im ökonomischen Sinn bemessen werden kann.

Sehr häufig wird jene Art (personaler) Dienstleistung, die im Rahmen beruflichen Tuns traditionell von Frauen ausgeübt wird oder wurde (es handelt sich dabei eben um Berufe in Erziehung, auch Bildung und Pflege) auch privat und unbezahlt erbracht. Dies macht sie „diffus gegenüber Wissens- und Handlungsbereichen von Laien“ (Rabe-Kleberg, 1996, S. 293). Pflegende Angehörige sind überdies größtenteils Frauen, und der schrittweise Wegfall der „selbstverständlichen“ Pflege erkrankter oder gebrechlicher Angehöriger, die vorwiegend durch Frauen (in den Großfamilien) geleistet wurde – und teilweise heute noch geleistet wird – stellt(e) die Gesundheitspolitik vor die Aufgabe der fast vollständigen Institutionalisierung der Pflege und Betreuung Älterer.

Auch trägt der Umstand, dass in personalen Dienstleistungs- (und Frauen-)berufen häufig auch Gefühlsarbeit geleistet wird, zur „Diffusität“ – die dann nämlich die wissensmäßige Grundlegung der Arbeit betrifft – bei. Denn es kann tatsächlich der Eindruck entstehen, jeder Frau wäre es auch ohne irgendeine Ausbildung verhältnismäßig einfach möglich, Pflegearbeit zu leisten, die der professionellen Pflegearbeit vergleichbar ist – dies kann schon darum nicht der Fall sein, da ja gerade in einem Pflegeberuf ausgebildete Pflegende mit den Belastungen, die er mit sich bringt, einfacher umgehen können als Laien, da ja eben auch der Umgang mit eigenen Ressourcen, Abgrenzungs- und Reflexionsmodi u.v.m. erlernt werden.

Dienstleistungsarbeit ist nun weiter, so Rabe-Kleberg, häufig als „Vermeidungsarbeit“ (Rabe-Kleberg, 1996, S. 293) zu verstehen, man handelt darin also prophylaktisch. Zusätzlich sind Qualität und Menge der für eine bestimmte Dienstleistung zu erbringenden Arbeit nicht unbedingt klar zu definieren, und wenn, dann bleiben sie doch vom personalen Faktor abhängig.

Teilweise geht auch, so die Autorin weiter, die Zielfindung in den Arbeitsprozess mit ein. Was bedeutet dies nun konkret für die Pflegeberufe?

 

Pflegearbeit – ein Fass ohne Boden

Dass Pflegende häufig direkt (z.B. im Rahmen einer Pneumonie- oder Dekubitusprophylaxe) oder indirekt – z.B. beim Versuch, einen älteren, demenziell erkrankten Menschen am Verlassen der Wohneinrichtung zu hindern – problemvermeidend arbeiten, liegt auf der Hand. Die Störungen, Risiken oder Komplikationen, denen vorgebeugt werden soll, sind, so Rabe-Kleberg (1996) weiter, in ihrem Auftreten aber ungewiss, was dazu beitragen kann, Pflegende ihre Arbeit fallweise als „Fass ohne Boden“ oder als gleichförmig erleben zu lassen. Bestimmte Leistungen werden nämlich erbracht, ohne dass deren „Erfolg“ (nämlich ein nicht aufgetretenes Problem) direkt sichtbar wird, und sie werden häufig als Reaktion auf ein plötzlich auftretendes Risiko erbracht. In der Folge der Unvorhersehbarkeit vieler Ereignisse (die der Arbeit mit Menschen immanent ist), müssen also häufig auch während des Arbeitsprozesses Ziele definiert oder neu definiert werden.

Diese mehrfache Ungewissheit trägt dazu bei, dass (personale) Dienstleistungsarbeit häufig als Arbeit von unstetiger Belastung begriffen wird (Rabe-Kleberg, 1996). Die Pflegenden haben es teilweise mit Arbeitsprozessen zu tun, deren Zielsetzung, Arbeitsablauf und „Ergebnis“ von vornherein – zunächst – nicht immer klar definiert sind und in denen dieses „Ergebnis“ zudem nicht unbedingt quantifizierbar im Sinne einer Bemessung ist. Dies spiegelt sich in Tagesabläufen der Krankenanstalten, Pflege- oder Betreuungseinrichtungen bzw. besonders in der mobilen Pflege. Dies führt dazu, dass sich (personale) Dienstleistungsarbeit in der Pflege als Arbeit begreifen lässt, „für die ein Überschuss an Qualifikationen in Reserve gehalten werden muss, für die aber auch dauernd neue Kompetenzen generiert werden müssen.“ (Rabe-Kleberg, 1996, S. 295).

Es ist also einerseits die Diffusität, welche das Pflegehandeln aus dieser professionstheoretischen Perspektive kennzeichnet, andererseits die unstete Belastung. Arbeit in personalen Dienstleistungsberufen ist nun, so Rabe-Kleberg (1996) nur unter den Bedingungen professioneller Arbeit angemessen zu leisten. Zunächst mag man dabei nun daran denken, dass es Angehörige dieser Berufsgruppen in ihren Arbeitsfeldern mit Menschen zu tun haben, was ein großes Maß an Flexibilität jeder Art erfordert. Und daran, dass der oft schwer planbare Berufsvollzug unter den genannten, kaum änderbaren Bedingungen nur in einem Klima, das von Wertschätzung und von zugestandener Eigenverantwortlichkeit und größtmöglicher Autonomie geprägt ist, in einer für die Klientinnen, Klienten und Helfenden befriedigenden Weise stattfinden kann. Wer ungewissen (also sich ständig ändernden) Situationen ausgesetzt ist, muss einerseits über Flexibilität und andererseits über die entsprechende Handlungsautonomie, diese auch zur „Anwendung“ kommen lassen zu können, verfügen.

 

Pflegediagnostik

Abgesehen davon ist aber auch der erwähnte Dreischritt ein Versuch, den genannten Problematiken zu begegnen. Das, was uns heute als Pflegediagnostik bekannt ist, fußt (was wiederum weniger bekannt ist), auf dem von Andrew Abbott 1988 entwickelten Handlungsmodell (es entstand auf Grundlage empirischer Untersuchungen in unterschiedlichen Professionen). Es soll einen Beitrag zur Ungewissheit, unter der das Tun in Dienstleistungsberufen von statten geht, leisten, indem die professionelle Arbeit „in einem Spannungsdreieck der Handlungstypen Diagnose, Schlussfolgerung und Handlung“ (Rabe-Kleberg, 1996, S. 295) gesehen wird, (auch: diagnosis, inference und treatment). Es wird davon „nicht eine Auf-Lösung der Ungewißheit (sic!)“ erwartet, „sondern ihre jeweils neu begründete und neu ausgestaltete Überwindung in jedem Handlungsvollzug“ (ebd.). Die eigentlich professionelle Leistung, die innerhalb der jeweiligen Handlungsvollzüge erbracht wird, ist demnach die der Schlussfolgerung, welche aus der Diagnose, die wiederum „Produkt“ genauer Informationen zur Klientin bzw. zum Klienten und professionellem Wissen ist, abgeleitet wird (ebd.) Aus professionstheoretischer Sicht ist die Arbeit auf Grundlage des Pflegeprozesses somit nicht allein als Basis für strukturiertes, analytisches Vorgehen zu verstehen, sondern auch als Instrument der weiteren Professionalisierung des pflegerischen Handelns. Es wirkt der Diffusität (gegenüber dem Laienhandeln) entgegen und es ist in der Lage, unstete Belastungen letztlich „greifbar“ zu machen, indem es nämlich auch Vermeidungsarbeit sichtbar macht.

Quelle: Diffusität und unstete Belastung: Kleine Anatomie des Pflegehandels. Mag. Esther Matolycz. pflegenetz – Das Magazin für die Pflege – http://www.pflegenetz.at/

 

Literatur

Abbot, A. (1988). The System of Professions. An Essay on the Division of Expert Labor. Chicago und London: The University of Chicago Press.

Rabe-Kleberg, U. (1996). Professionalität und Geschlechterverhältnis. Oder: Was ist `semi` an traditionellen Frauenberufen? In. A. Combe, & W. Helsper (Hrsg.). Pädagogische Professionalität. Untersuchungen zum Typus pädagogischen Handelns. (S. 276-302). Frankfurt am Main: Suhrkamp.

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