Nicht tumorbedingte Schmerzen mit Opioide behandeln

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Gegen nicht tumorbedingte Schmerzen werden heute oft Opioide angewandt. Dabei sollte eine multimodale, interdisziplinäre Therapiestrategie verfolgt werden.

Schmerzexperten plädieren weltweit für eine rationalen Umgang mit Opioiden, auch nicht tumorbedingte Schmerzen können beim verantwortungsvollen Einsatz von Opioid-Analgetika wirkungsvoll behandelt werden. Wichtig ist eine sorgfältige Indikationsstellung und eine intensive Patientenbegleitung. Keinesfalls sollte aus übertriebener Vorsicht Patienten die Langzeittherapie mit Opioid-Analgetika vorenthalten werden. Denn chronischer Schmerz zerstört die Lebensqualität vieler Menschen und es gibt nur wenige wirksame Optionen zur Behandlung. Opioide sind deswegen eine wichtige therapeutische Option, um akute und chronische Schmerzen in den Griff zu bekommen. Daher sollten diese Analgetika nicht stigmatisiert, sondern sicher und effektiv eingesetzt werden.

Opioid-Analgetika werden heute weltweit 7,5mal häufiger verschrieben als noch im Jahr 1990. Aus schmerzmedizinischer Sicht ist das eine positive Entwicklung, da die zumeist unbegründete, dennoch weltweit verbreitete Angst vor den Nebenwirkungen der Opioide abnimmt. Zuletzt wurde der Einsatz von Opioid-Analgetika wieder verstärkt unter dem Aspekt von Abhängigkeit und Risiken diskutiert, insbesondere auf das Basis von Veröffentlichungen aus den USA, Kanada und Australien. Die US-Arzneimittelbehörde FDA hatte unlängst die Indikationen für Opioid-Analgetika eingeschränkt und von Herstellern mehr Studien zu Risiken von Missbrauch, Abhängigkeit, übermäßiger Schmerzempfindlichkeit, Überdosierung oder Todesfällen gefordert. Danach hatte auch der Europäische Rat eine Diskussion zum Thema Missbrauch und Abhängigkeit von Medikamenten initiiert, wobei auch hier insbesondere Opioid-Analgetika im Fokus stand.

US-Daten nicht mit der europäischen Situation vergleichbar

In den USA haben sich die Verkaufszahlen von Opioid-Analgetika zwischen 1999 und 2010 vervierfacht. Das hängt zum Teil damit zusammen, dass früher Schmerzen oft unbehandelt geblieben sind. Aber es gab zum Beispiel auch einen überproportionalen Anstieg bei Verordnungen gegen chronische Muskelschmerzen, die durchaus zu hinterfragen wäre. Vor einigen Jahren sprach man in Nordamerika sogar von einer „Opioid-Epidemie“.
Doch die Daten aus den USA sind nicht auf Europa übertragbar. Das Missbrauchs-Problem ist vorwiegend in Nordamerika und Australien so groß, weil dort ein weniger regulierter Umgang mit Opioid-Verschreibungen gepflegt wird. Hingegen ist in Europa der Zugang durch spezielle Rezeptformulare oder Suchtmittelregister strikt geregelt.
Ein Vergleich aus dem Jahr 2010 zeigte, dass dort der Pro-Kopf-Verbrauch von starken Opioiden in den USA einer Äquivalenzdosis von 693 Morphin ausmacht. Das ist deutlich mehr als in anderen ähnlich wohlhabenden Staaten, wo kontrollierter verschrieben wird: In Dänemark betrugt die Äquivalenzdosis pro Kopf etwa 470, in Deutschland 376, in Großbritannien 335, in Norwegen 266, in Frankreich 220, in den Niederlande 205, in Italien 144 und in Japan 26.
Die vor allem aus Nordamerika verstärkt berichteten Probleme mit Opioiden sind bis heute meist auf unkritische Langzeitverschreibungen zurückzuführen, bei denen die Patienten nicht sorgfältig genug ausgewählt und begleitet werden. In einzelnen US-Bundesstaaten sollen etwa so genannte „Pill Mills“ – medizinische Einrichtungen, die kontrollierte Substanzen wie Opioide ohne Rücksicht auf Leitlinien und Indikationen verschreiben – für zahlreiche Opioid-bezogene Todesfälle verantwortlich sein.
Zahlreiche randomisierte kontrollierte Studien bescheinigen, dass Opioide eine hohe Wirksamkeit bei guter Sicherheit bringen – nicht nur in der Behandlung von Krebsschmerzen, sondern auch wenn chronische nicht tumorbedingte Schmerzen therapiert werden.

Nebenwirkungen der Opioide

Langzeitfolgestudien weisen nach, dass die Effektivität der Opioide auch bei längerem Gebrauch nicht nachlässt. Allerdings sind auch die Nebenwirkungen zu beachten: Opioide können unter anderem zu Verstopfung, Übelkeit, Schwindel und Erbrechen führen, langfristig die Unterproduktion der körpereignen Geschlechtshormone bewirken und unfruchtbar machen. Immunsuppression, Atembeschwerden im Schlaf oder gesteigerte Schmerzempfindlichkeit sind weitere mögliche Folgen. Eine unbeabsichtigte Überdosierung der Medikamente kann auch tödlich enden.
Daher fordern Spezialisten einen angemessenen und verantwortungsvollen Umgang mit Opioiden – insbesondere wenn man nicht tumorbedingte Schmerzen damit über einen langen Zeitraum therapiert. Wichtige Ziele einer optimalen Schmerztherapie mit Opioiden sind eine optimale Schmerzlinderung, eine hohe Sicherheit der Therapie, die Vermeidung einer Suchtproblematik und die Sicherstellung der sozialen Teilhabe der Patienten.

Strategien für eine sichere Opioid-Analgetika-Therapie

Es sollte sehr darauf geachtet werden, ob Opioide für den individuellen Patienten wirklich die beste Wahl sind. Bedeutend ist dabei eine sehr differenzierte Diagnose, weiters müssen alle Risiken bezüglich Begleiterkrankungen, Nebenwirkungen und Medikamentenmissbrauch abgewogen werden.

Sollten Patienten nicht auf eine Opioid-Behandlung ansprechen, sollte diese nicht einfach abgebrochen, sondern ein Opioid-Wechsel erwogen werden. Mögliche Exit-Strategien sollten von Anfang mitgeplant werden. Da sich eine langfristige Opioid-Therapie je nach Dosierung auf viele Organsysteme negativ auswirken kann, empfehlen mehrere Praxis-Leitlinien, ab einem Schwellenwert von 80 bis 120 Milligramm Morphin-äquivalenter Dosierung (MED) pro Tag einen Schmerz-Spezialisten zuzuziehen, ehe die Therapie fortgesetzt wird.

Entscheidend ist, dass die Opioid-Behandlung laufend überprüft und evaluiert wird. Der Arzt-Patienten-Kontakt darf sich nicht auf das Verschreiben einer Nachfüllpackung beschränken, sondern eine adäquate Patientenüberwachung ist von großer Bedeutung, wobei die Behandlung von chronischen Schmerzpatienten immer auf einer multimodalen, interdisziplinären Therapie-Strategie basieren sollte. Opioide sollten nur jene Patienten erhalten, bei denen das Verhältnis von Nutzen und Nebenwirkungen akzeptabel ist.

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Rainer Muller

MEDMIX-Redaktion, Projektleiter, AFCOM Digital Publishing Team

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