Neurodermitis im Kleinkindalter erhöht ADHS-Risiko

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Bereits eine leichte Neurodermitis im Kleinkindalter kann das Risiko für eine spätere Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) um 50 Prozent erhöhen.

Eine entzündete und juckende Haut, wie sie für Neurodermitis typisch ist, führt zur verstärkten Ausschüttung immunologischer Botenstoffe – den sogenannten Zytokinen. Wenn diese wiederum ins Gehirn gelangen, könnten sie möglicherweise jene Hirnstrukturen stimulieren, die auch eine Aufmerksamkeitsdefizit / Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) hervorrufen. Vor diesem Hintergrund sollten Eltern schon geringe Anzeichen einer leichten Neurodermitis bei ihren Kindern, besonders in den ersten zwei Lebensjahren, vom Facharzt behandeln lassen.

 

Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitäts-Störung – ADHS

ADHS – die Aufmerksamkeitsdefizit / Hyperaktivitäts-Störung, deren Entstehung und Entwicklung noch wenig geklärt ist, wobei eine starke genetische Komponente vermutet wird – ist eine psychiatrische Störung, die durch Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität gekennzeichnet ist und an der weltweit leiden etwa fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen leiden. Buben sind etwa vier- bis sechsmal häufiger betroffen als Mädchen. Erste Symptome treten in der Regel vor dem sechsten Lebensjahr auf und bestehen bei etwa 3 von 4 Betroffenen bis ins Erwachsenenalter.

ADHS beeinträchtig sehr Lebensqualität der Betroffenen und der Angehörigen. Sehr häufig ist die Erkrankung mit familiären Problemen, Schulversagen, Probleme im Beruf sowie mit Delinquenz und Drogenkonsum vergesellschaftet.

Untersuchungen des Gehirns von ADHS-Patienten zeigten eine veränderte Aktivität in bestimmten Regionen wie etwa dem präfrontalen Kortex. Der präfrontale Kortex ist maßgeblich für die Steuerung der Aufmerksamkeit und des zielgerichteten Handelns verantwortlich.

 

Neurodermitis ist eine chronisch-entzündliche Hauterkrankung

Neurodermitis ist eine chronisch-entzündliche Hauterkrankung und gilt als eine der häufigsten chronischen Erkrankungen des Kindes- und Jugendalters, die oft bereits im ersten Lebensjahr auftritt. Charakteristisch für die Neurodermitis ist eine trockene, entzündliche Haut mit Flechten sowie ein stark quälender Juckreiz. Die Symptome der Neurodermitis, vor allem das Jucken und die damit einhergehenden Schlafstörungen, das Gefühl, entstellt zu sein sowie die Unvorhersagbarkeit des Krankheitsverlaufs stellen für die betroffenen Patienten und deren Angehörige eine starke psychische Belastung dar.

Neurodermitis entsteht durch viele Faktoren. Genetische und exogene Faktoren, aber insbesondere auch eine Regulationsstörung des Immunsystems sind beteiligt. Forschungsergebnisse zeigen, dass Neurodermitiker vermehrt immunologische Botenstoffe (Zytokine) ausschütten, die die Entzündungen in der Haut auslösen und aufrechterhalten.

 

Neurodermitis und Psyche

Dass Neurodermitis in der frühen Kindheit die psychische Konstitution im Erwachsenenleben beeinflussen kann, wurde bereits 2010 in einer umfassenden Geburtenkohortenstudie nachgewiesen. Dabei zeigte ich auch bereits, dass leichte Neurodermitis im Kleinkindalter das Risiko für eine spätere ADHS um 50 Prozent erhöhet.

Jüngste Forschungsansätze weisen nun auf die möglichen zugrundeliegenden Prozesse hin. Dabei gehen Wissenschaftler davon aus, dass im Verlauf der Entzündungen in der Haut immunologische Botenstoffe – die sogenannten Zytokine, wie Interleukin-4 und Interleukin-5 – verstärkt freigesetzt werden. Diese Zytokine können die Blut-Hirn-Schranke passieren und zu Veränderungen zum Beispiel im präfrontalen Kortex führen. Der sich an der Stirnseite des Gehirns befindliche präfrontale Kortex ist bei ADHS ein sehr wichtiges Hirnareal.

Diese Zusammenhänge sind besonders in der frühen Kindheit, wenn der Reifungsprozess des Gehirns noch nicht abgeschlossen ist, von Bedeutung. Dies könnte auch den Zusammenhang einer frühkindlichen Neurodermitis mit einer späteren Erkrankung an ADHS erklären. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, auch leichtere Formen der Neurodermitis möglichst früh effektiv zu behandeln.

In einem aktuell an der TU Dresden laufenden und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekt wird erforscht, warum und über welchen Mechanismus eine Erkrankung an Neurodermitis das Risiko für das ADHS erhöht. Die Forscher gehen davon aus, dass im Verlauf der Entzündungen in der Haut immunologische Botenstoffe (sogenannte Zytokine, zum Beispiel Interleukin-4, Interleukin-5) verstärkt freigesetzt werden. Diese Zytokine können die Blut-Hirn-Schranke passieren und zu Veränderungen zum Beispiel im präfrontalen Kortex führen, einem bei ADHS wichtigen Hirnareal, das sich an der Stirnseite des Gehirns befindet. Dieser Effekt ist besonders in früher Kindheit, wenn der Reifungsprozess des Gehirns noch nicht abgeschlossen ist, von Bedeutung. Dies könnte erklären, warum gerade die frühkindliche Neurodermitis mit einer späteren Erkrankung an ADHS zusammenhängt. Die Ergebnisse der Studie könnten zu einem besseren Verständnis der beiden so häufigen Erkrankungen führen und weisen weiterhin auf die Notwendigkeit hin, auch leichtere Formen der Neurodermitis möglichst früh effektiv zu behandeln.

 

Literatur:

Schmitt J, Apfelbacher C, Chen C-M, Romanos, M, Sausenthaler, S, Koletzko S, Bauer C-P, Hoffmann U, Krämer U, Berdel D, von Berg A, Wichmann H.-E, Heinrich J: Infant-onset eczema in relation to mental health problems at age 10 years: Results from a prospective birth cohort study (GINIplus). JACI 125 (2010), 404-410

 

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Dr. Reinhold Lautner

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