Medikamentöse Migräneprophylaxe

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Die medikamentöse Migräneprophylaxe als vorbeugende Behandlung der Migräne soll die Häufigkeit, die Dauer und die Intensität von Migräneattacken vermindern helfen.

 

Fachartikel. Ein unbehandelter Migräneanfall kann einige Stunden oder sogar Tage anhalten. Nachdem etwa 6% der Männer und 16% der Frauen unter Migräne leiden, kommt der Migräneprophylaxe und Therapie dieses Erscheinungsbildes, dessen Ätiologie bisher nicht vollständig geklärt ist, auch eine volkswirtschaftliche Bedeutung zu.

Beträgt die Migränefrequenz 3 oder mehr Anfälle pro Monat, oder handelt es sich um langdauernde, schlecht abblockbare Anfälle, kann eine Intervalltherapie, die über eine Dauer von mindestens 4 bis 6 Monaten durchgeführt wird, Erleichterung bringen.

Dafür stehen mehrere Medikamentengruppen zur Verfügung, die je nach Effektivität und Nebenwirkung individuell auf die Bedürfnisse des einzelnen Patienten abgestimmt werden können.

 

Substanzgruppen bzw. Wirkstoffe zur ­Migräne­prophylaxe der 1. Wahl

Migräneprophylaxe mit Betablocker. Die Effektivitätsquote von Betablocker liegt über 60%, wobei die Einwirkungen auf das Migränegeschehen im Detail nicht bekannt sind, wohl aber die vegetativ-protektiven kardiovaskulären Begleiteigenschaften. Die führenden Substanzen der Betablocker-Gruppe sind Propranolol (2 x 20 mg bis 2 x 120 mg) und Metroprolol (50 bis 200 mg/Tag); die Dosierung wird einschleichend individuell angepasst. Cave: Kardiale KI, Asthma.

Migräneprophylaxe mit Kalziumkanalblocker. Kalziumkanalblocker vermindern unter anderem den Tonus der glatten Gefäßmuskulatur, hemmen den Kalziumeinstrom und beeinflussen dadurch auch die Herzmuskulatur bzw. Herzrhythmusstörungen. Einen nachweisbaren Effekt von ebenfalls 50–65% auf Migräne hat Flunarizin (und ev. Verapamil). Der Vorteil liegt hier in der guten Verträglichkeit und der Möglichkeit einer Einmalgabe (sehr lange HWZ), wobei aber die »Steady State«-Spiegel erst nach 4 bis 6 Wochen erreicht werden. Zu den häufigsten Nebenwirkungen gehören Gewichtszunahme, depressive Verstimmungen und Müdigkeit. Zu beachten ist, dass extrapyramidale Symptome vom Parkinson-Typ verstärkt oder ausgelöst werden können.

Migräneprophylaxe mit Topiramat. Mehrere umfangreiche Studien belegen, dass die Effektivitätsquote des Epilepsiemedikaments Topiramat jenen der anderen gängigen Medikamente gleichzusetzen ist. Topiramat weist in etlichen Bereichen Vorteile gegenüber z.B. Betablockern auf: Blutdruck und Kreislaufneutralität, keine Potenzminderung, keine Kontraindikation bei Asthma oder Diabetes und ­Topiramat wirkt gewichtsreduzierend und nicht erhöhend wie viele andere Wirkstoffe bei Migräne und Migräneprophylaxe. Die häufigste Nebenwirkung – vorübergehende Missempfindungen, besonders an Fingern und Zehen Brennen, Kältegefühl, Kribbeln, Stechen, Taubheit – kann durch langsame Steigerung der Dosisrate reduziert werden, bzw. durch Kalium­supple­men­tierung (20–40mMol/Tag) rascher zum Abklingen gebracht werden. Übliche Dosierung: Beginn mit 25 mg, wöchentliche Steigerung um 25 mg bis zum Erreichen der Erhaltungsdosis zwischen 50 und 100 mg. Ein Ausschleichen bei Beendigung der Therapie ist erforderlich.

Migräneprophylaxe mit Valproat. Valproat – ebenfalls ein Antiepileptikum – ist ein GABA-Agonist, der seit einigen Jahren erfolgreich zur Migräneprophylaxe (besonders bei Mischkopfschmerz) in einer Dosierung von 500–1.500 mg pro Tag zum Einsatz kommt. Aufgrund möglicher Leber­funktionsstörungen ist bei der Migräneprophylaxe mit Valproat Vorsicht geboten.

Migräneprophylaxe mit Botulinumtoxin. Seit einigen Jahren ist auch der Einsatz von Botulinumtoxin in der Migräneprophylaxe 1. Wahl, Grund dafür war verschiedene positive Studienergebnisse.

 

Alternativen in der Migräneprophylaxe (2. und 3. Wahl)

Es existiert eine ganze Reihe weiterer Substanzen, die vom Patienten als »prophylaktisch effektiv« erfahren werden:

  • NSAR: Bei der Gabe von NSAR (z.B. Naproxen bis etwa 1.000 mg/Tagesdosis) sollte bei Langzeittherapie ein besonderes ­Augenmerk auf die gastrointestinalen Nebenwirkungen gelegt werden.
  • Trizyklische Antidepressiva werden bevorzugt bei Mischkopfschmerzen verabreicht. Trizyklische Antidepressiva wirken durch die Beeinflussung des Serotonin- und Noradrenalin- Metabolismus analgetisierend und die antidepressive Eigenschaft stellt einen günstigen additiven Effekt dar. Amitriptylin wird in relativ niedriger Dosierung (10 bis 50 mg/Tag) als einmalige Abendgabe verabreicht. Die Wirkung von Doxepin bzw. Mianserin und von Serotonin Reuptake Inhibitoren ist weniger gesichert.
  • ASS: Tagesdosis 100–300 mg, auf den Magenschutz nicht vergessen.
  • Magnesium: Tagesdosis bis 600mg über den Tag verteilt.
  • Vitamin B2: (Riboflavin) Tagesdosis 300–400 mg
  • Unter den Phytotherapeutika gelten die Pestwurz und Mutterkraut als wirkungsvoll in der Migräneprophylaxe.

 

Die Migräne als multifaktorielles, komplexes Geschehen hat besonders in der Migräneprophylaxe einen polypragmatischen, systemischen Therapieansatz – psychosoziale, psychotherapeutische Interventionen, Manualmedizin, Magnetfeldtherapie und Akupunktur – und sollte in diesem Sinne auch komplementärmedizinisch eingebettet sein.

 

Quelle und weitere Informationen:

Migräneprophylaxe. Prof. Helene Breitschopf und Dr. Peter Traxler. MEDMIX 04/2006; S74-76.

http://www.dgn.org/leitlinien/11-leitlinien-der-dgn/2298-ll-55-2012-therapie-der-migraene

http://www.dmkg.net/dmkg/sites/default/files/migrneleitlinien2008.pdf

http://www.psychosomatik-aalen.de/schmerzklinik/gaul-kopfschmerz2012.pdf

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About Author

Chefredakteur Dr. Peter Traxler

Bereits ein halbes Jahr nach der Print-Nullnummer Ende 2003 ist Dr. Peter Traxler zum MEDMIX-Team dazugestoßen und übernahm sehr bald die Chefredaktion, die er bis zum heutigen Tag mit viel fachlicher Kompetenz, Seriosität aber auch der nötigen innovativen Energie besetzt. Er ist Allgemeinmediziner und Betriebsarzt in einem Wiener Spital.

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