Medikamente bei Demenz hinterfragen

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Viele in betreuten Wohnanlagen lebenden Demenz-Patienten in den USA erhalten Antidementiva und Cholesterinsenker. Doch wie sinnvoll sind diese Medikamente bei Demenz?

Tendenz durch die demographische Entwicklung stark steigend: Immer mehr Menschen leiden weltweit an Demenz – einer Erkrankung, bei denen die Nervenzellen im Gehirn allmählich versagen. Betroffene können sich oft an vieles nicht mehr erinnern, Sprache und Motorik verschlechtern sich zusehends. Bis 2050 soll sich die Zahl der Demenz-Patienten verdoppeln. was eine große Herausforderung für Gesellschaft und Gesundheitssysteme darstellt.

Seit Jahren gibt es immer wieder Diskussionen bezüglich Sinn und Nutzen des Einsatzes von Anitdementiva. Wobei seitens der betreuenden Ärzte im Zusammenhang mit Alzheimer öfters zu hören ist: „Wir haben nichts Besseres“. Eine kürzlich veröffentlichte Studie der Universität Massachusetts hat sich nun wieder einmal mit diesem Dauerthema beschäftigt: mit der Verordnung von Medikamenten bei Demenz-Patienten im fortgeschrittenen Krankheitsstadium. Wie groß ist der Nutzen von teilweise nebenwirkungsreichen Arzneien ab einem gewissen Krankheitsstadium?

 

Medikamente bei Demenz in verschiedenen Stadien im Visier

Den Ergebnissen zufolge erhalten mehr als die Hälfte der in betreuten Wohnanlagen lebenden Demenz-Patienten medikamentöse Therapien gegen die Demenz selbst sowie gegen überhöhte Cholesterinspiegel. Der Nutzen dieser Medikamente sei jedoch zu hinterfragen, die Kosten enorm hoch, so die Studienautoren.

Antidementiva sollten in der Regel bei Patienten mit beginnender Demenz so bald wie möglich eingesetzt werden, um den Krankheitsverlauf unter Umständen verlangsamen zu können. Heilung gibt es ja bekanntlich keine. Ein entsprechender Nutzen für den Antidementiva-Einsatz bei fortgeschrittener Krankheit ist jedoch kaum belegt. Die durch die Einnahme entstehenden Nebenwirkungen wiegen jedoch schwer. Eine im Juni im The Lancet veröffentlichten Untersuchung fand keine signifikanten Unterschiede zwischen Placebo und Cholinesterase-Hemmer.

Anhand einer Datenbank, die über Langzeitdaten von Demenz-Patienten in betreuten Wohneinrichtungen – in der gesamten USA verteilt – verfügte, analysierte ein Forschungsteam der Universität Massachusetts die Einnahme bestimmter Medikamente sowie die dadurch entstandenen finanziellen Belastungen.

Von den über 5.000 Bewohnern in den diversen Wohneinrichtungen nahmen nahezu 54% zumindest ein Medikament, dessen Nutzen bei fortgeschrittener Demenz zu hinterfragen sei. Dabei war die Medikamenteneinnahme von Region zu Region verschieden, von 44,7 Prozent in den Mittelatlantik-Staaten (vor allem New York, New Jersey und Pennsylvania)  bis 65 Prozent in den südwestlichen Zentralstaaten (Arkansas, Louisiana, Oklahoma und Texas). Zu den am meisten verschriebenen Medikamenten zählten dabei die so genannten Cholinesterase-Hemmer, Memantin sowie cholesterinsenkende Arzneimittel.

 

Medikamente bei Demenz im fortgeschrittenen Stadien in der Kritik

Der Nutzen der Medikamente bei Demenz in fortgeschrittenen Stadien ist unklar, behaupten die Studienautoren. Den Forschern zufolge liegen die 90-Tage Kosten für diese Medikamente bei Patienten mit fortgeschrittener Demenz bei etwa 816 Dollar. „Unsere Ergebnisse enthalten wichtige Implikationen, denn die Einnahme bestimmter Medikamente bei fortgeschrittenem Krankheitsbild stellt nicht nur eine finanzielle Belastung für das Gesundheitssystem dar. Aufgrund der ausgeprägten Nebenwirkungen mindern sie zusätzlich die Lebensqualität der Betroffenen. Mit einer Verlängerung der Lebensdauer geht dies jedoch nicht einher.“

Ärzte sollten das Gespräch mit Patienten und vor allem auch Angehörigen suchen, um gemeinsam das Ziel der Demenz-Betreuung zu erörtern. Dieses sollte den Nutzen medikamentöser Möglichkeit gegen die Verbesserung der Lebensqualität für die noch verbleibende Lebensdauer abwägen. Dies könnte zu einer Verringerung der Medikamentenverordnung und so zu einer entsprechenden Kostensenkung führen. Die Lebensqualität würde sich für die noch verbleibende Zeit aufgrund der ausbleibenden Nebenwirkungen verbessern, die Lebensdauer jedoch wäre nicht kürzer als mit Medikamenteneinnahme.

Quellen:

Use of Medications of Questionable Benefit in Advanced Dementia. Jennifer Tjia, MD, MSCE1; Becky A. Briesacher, PhD2; Daniel Peterson, MA3; Qin Liu, MD, PhD4; Susan E. Andrade, ScD3; Susan L. Mitchell, MD, MPH5. http://archinte.jamanetwork.com/article.aspx?articleid=1901117

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About Author

Dipl.-Ing. Alexandra Springler

Seit 2011 ist Dipl.-Ing. Alexandra Springler MEDMIX- und AFCOM-Mitarbeiterin. Nach Abschluss ihres Biotechnoligiestudiums ist sie nun in der Forschung tätig und absolviert zur Zeit ihr Doktorat.

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