Konzepte gegen postoperative Schmerzen

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Die Österreichische Schmerzgesellschaft bringt Konzepte gegen postoperative Schmerzen – wichtiger Schritt in Richtung schmerzarmes Krankenhaus.

Weil postoperative Schmerzen immer noch nicht ausreichend erfasst und behandelt werden, leiden Patientinnen und Patienten in Österreichs Spitälern nicht selten unter akuten Operationsschmerzen, aber auch Monate nach einer Operation unter chronisch gewordenen Schmerzen. Mit einer Informationskampagne im Rahmen der 16. Österreichischen Schmerzwochen und einem neuen Positionspapier will die Österreichische Schmerzgesellschaft dieses Problem nachhaltig verbessern.

„In Österreich erleben etwa 120.000 Menschen jährlich, dass die nach einer Operation auftretenden Schmerzen chronisch werden. Bei 12.000 Patienten sind diese chronifizierten Schmerzen so stark, dass sie mit massiven Beeinträchtigungen leben müssen.“ Diesen alarmierenden Befund präsentierte bei einer Pressekonferenz zum Auftakt der 16. Österreichischen Schmerzwochen der Präsident der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG), Oberarzt Dr. Wolfgang Jaksch.

Weil dies keineswegs unvermeidbar ist, hat die ÖSG ein Schwerpunktthema ihrer diesjährigen Informationsinitiative im Einklang mit der Europäischen Schmerzföderation EFIC und der International Association for the Study of Pain IASP den Schmerzen nach Operationen gewidmet. „Wir wissen“, so Dr. Jaksch, „dass postoperative Schmerzen in aller Regel gut beherrschbar sind und dass bei entsprechendem Schmerzmanagement einer Chronifizierung effizient vorgebeugt werden kann“.

 

Vier von zehn Patienten leiden nach der OP unter starken Schmerzen

Im Österreichischen Spitalsalltag wird diese Erkenntnis jedoch immer noch zu wenig berücksichtigt. Experten gehen davon aus, dass bis zu 40 Prozent aller Patienten am Tag nach einem chirurgischen Eingriff unter starken Schmerzen leiden. Auffällig ist, dass vor allem kleinere Eingriffe wie Blinddarm- oder Mandeloperationen oder laparoskopische Eingriffe zu stärkeren postoperativen Schmerzen führen als „große“ Eingriffe.

„Wir wissen, dass insbesondere die Schmerzintensität am ersten Tag nach der OP ein wichtiger Risikofaktor für die Chronifizierung von Operationsschmerzen ist“, erklärt Prim. Univ.-Prof. Dr. Rudolf Likar, Generalsekretär der Österreichischen Schmerzgesellschaft und Leiter der Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin am Klinikum Klagenfurt. „Deshalb ist es besonders wichtig, auftretende Schmerzen bereits im Aufwachraum systematisch zu erfassen und sofort zu behandeln“.

 

Schmerzen systematisch erfassen statt ignorieren

Die Realität sieht leider anders aus: In vielen Fällen scheitert eine erfolgreiche Schmerzbehandlung nicht zuletzt daran, dass die Schmerzen gar nicht erst erhoben werden. Das zeigt ein neues Positionspapier, das die ÖSG rechtzeitig zum „Europäischen Jahr gegen postoperativen Schmerz“ erstellt hat. In der Analyse der häufigsten Defizite heißt es unter anderem: „Die Erfassung, Dokumentation und damit auch die Wahrnehmung des Vorliegens postoperativer Schmerzen und der Schmerzintensitäten als Basis für Therapie-Entscheidungen ist oftmals unzureichend“.

„Unzureichendes perioperatives Schmerzmanagement ist nicht nur aus ethischer Perspektive inakzeptabel“, urteilt Prof. Likar. „Wir nehmen damit nicht nur Leid und eine Verschlechterung der Lebensqualität unserer Patientinnen und Patienten in Kauf. Wir schaffen auch ein betriebs- und volkswirtschaftliches Problem. Komorbiditäten und Outcome-Verschlechterungen resultieren in längeren Krankenhausaufenthalten, die Spitalsbudgets sowie das gesamte Gesundheits- und Sozialsystem belasten.“

 

Schmerzbehandlung ist Teamarbeit

Verschärft wird die Lage noch dadurch, dass die aktuellen Budgetzwänge zu Sparmaßnahmen führen, die langfristig teuer kommen könnten: „Zum Glück setzt sich langsam die Einsicht durch, dass erfolgreiche Schmerzbehandlung immer eine multiprofessionelle und interdisziplinäre Aufgabe ist“, so Prof. Likar. „Das fängt bei den Chirurgen an, die wenn möglich schmerzarme Techniken auswählen sollten, muss aber genauso die Anästhesiologie sowie die Pflege und im Idealfall auch Physiotherapeuten, Psychologen und andere medizinisch-technische Dienste einschließen“.

Diese vielfach belegte Erkenntnis in der Praxis umzusetzen ist allerdings nicht immer leicht. Statt eigene, interdisziplinäre Akutschmerzdienste, die rund um die Uhr für alle Spitalsabteilungen zur Verfügung stehen, auf- und auszubauen, passiert in Österreich gerade das Gegenteil: Selbst an Universitätseinrichtungen wie dem Wiener AKH wurden derartige Expertenteams eingespart.

 

Bewährte Konzepte nutzen

Erklärtes Ziel des neuen ÖSG-Positionspapiers ist es, das Schmerzmanagement vor, während und nach Operationen nachhaltig zu verbessern. Denn dass das schmerzarme Krankenhaus keine unerfüllbare Utopie darstellt, zeigen internationale Beispiele. „Wir müssen nur bewährte Konzepte nutzen“, weist Prof. Likar auf die im neuen Positionspapier dargestellten erprobten organisatorischen Standards und den Stellenwert wichtiger Medikamente und Verfahren hin. Zudem ist in der Arbeit eine Vielzahl von Besonderheiten, die bei ausgewählten Eingriffsarten zu beachten sind, aufgelistet.

Den Betroffenen Gehör verschaffen: Patientenbefragung zu postoperative Schmerzen

„Um im Europäischen Jahr gegen postoperative Schmerzen zu einer nachhaltigen Verbesserung des Managements postoperativer Schmerzen beizutragen, brauchen wir valide, mit den internationalen Erhebungen vergleichbare, österreichische Daten“, beschreibt ÖSG-Präsident Jaksch die nächsten Schritte. „Um diese Grundlage zu schaffen, will die ÖSG, gemeinsam mit der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI), unseren Partnern aus den chirurgischen Fächern und aus der Pflege, am 26. und 27. April eine groß angelegte Patientenbefragung zu postoperativen Schmerzen durchführen.“

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