Komplementäre Methoden bei Gelenkproblemen

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Komplementäre Methoden bei Gelenkproblemen – diätetische sowie alternative Lösungsansätze – werden in der pharmazeutischen Beratungsleistung immer wichtiger.

Komplementäre, diätetische sowie alternative Lösungsansätze bei Gelenkproblemen besitzen in der pharmazeutischen Beratungsleistung einen immer höher werdenden Stellenwert – einerseits aufgrund der zahlenmäßig großen Zielgruppe, andererseits aufgrund der guten Verträglichkeit und des günstigen Nebenwirkungsprofils von Mikronährstoffen, Phytopräparaten, Homöopathika und Co. im Vergleich zu konventionellen Schmerzmitteln.

 

Warum komplementäre Methoden bei Gelenkproblemen an Bedeutung zunehmen

Bei arthrotischen Veränderungen wird der Knorpelüberzug der Gelenke langsam zerstört, was umgangssprachlich als Abnützung bezeichnet wird. Dabei verliert der Knorpel seine elastischen Eigenschaften, die Wasserbindungskapazität nimmt ab und die druckelastischen Eigenschaften gehen verloren. Zusätzlich entstehen hauptsächlich in Synovialmembran und Sehnenscheiden entzündliche Prozesse, die sich leicht chronifizieren können.

Im Fokus der pharmazeutischen Intervention steht neben der Reduktion des Schmerzempfindens die Optimierung der Regenerationsfähigkeit der hyalinen Knorpelsubstanz bzw. das Anhalten des Knorpelabbaus. Weiters gilt es, die dauerhafte Einnahme von NSAR – aufgrund des breiten Nebenwirkungsspektrums und Interaktionspotentials (z.B. mit Diuretika oder ACE-Hemmern) – zu reduzieren, zu minimieren oder zu verzögern.

 

Chondroprotektiva: Glucosamin, Chondroitin, Hyaluronsäure

Proteoglykane sind Bestandteile der Knorpelstruktur und Synovialflüssigkeit die aus langkettigen Protein-­und Zuckerverbindungen zusammengesetzt sind. Sie zeichnen sich durch ihre hohe Wasserbindungskapazität aus und sind für ein gutes Gleit- und Dämpfverhalten der Gelenke zuständig. Glucosamin ist Hauptbaustein für die Synthese von Proteoglykanen und damit für die Struktur und Belastbarkeit der Gelenkknorpel und Bandscheiben mitverantwortlich. Glucosamin stimuliert die Neusynthese von Proteoglykanen, hemmt Enzyme, die für den Abbau von Proteoglykanen und Kollagen verantwortlich sind und nimmt Einfluss in die Entzündungskaskade (1).

Eine 3-Jahresstudie zeigte, dass die Verumgruppe einen signifikant geringeren Gelenkspaltverlust im Röntgenbild im Vergleich zur Placebogruppe hatte (2).

In Bezug auf das Schmerzgeschehen zeigt Glucosamin eine vergleichbare Wirkung wie das NSAR Ibuprofen, jedoch mit günstigerem Nebenwirkungsprofil (3).

Vergleich Glucosamin vs. Ibuprofen

Vergleich Glucosamin vs. Ibuprofen

 

Säure-Basen-Haushalt

Aus ernährungsmedizinischen Gesichtspunkten begünstigen die westlichen Ernährungsgewohnheiten und negativer Stress die Entstehung einer chronischen Übersäuerung, die auch als latente Acidose bezeichnet wird. Hierbei ist zwar keine Veränderung des Blut-pH-Werts zu verzeichnen, allerdings sind die Bikarbonat-Puffer erniedrigt. Sehr wohl hat man allerdings feststellen können, dass sich der pH-Wert der Synovia von Patienten mit rheumatoider Arthritis ins Saure verschiebt (4).

Durch die latente Acidose kann die Wasserbindungsfähigkeit von Proteoglykanen reduziert und damit die Elastizität des Bindegewebes geschwächt werden. Ein ausgeglichener Säure-Basen-Haushalt ist damit auch bei entzündlichen Gelenkproblemen relevant.

 

Omega-3 und Antioxidantien

Die aktuelle Ernährungssituation zeigt, dass das Verhältnis an zugeführter Linolsäure (Ω-6) im Vergleich zu α-Linolensäure (Ω-3) mit rund 10:1 über dem idealen Verhältnis von 5:1 liegt (5).

Ernährungsmedizinisch sollte daher die Aufnahme von α-Linolensäure zu Lasten der Linolsäure gesteigert werden. Eine ausreichende Versorgung mit Omega-3-Fettsäuren (EPA/DHA) zeigt Vorteile, da durch die kompetitive Verdrängung der Arachidonsäure (Ω-6) von den eicosanoidbildenden Enzymen die Syntheserate von Entzündungsmediatoren (Serie 2 Prostaglandine, Leukotriene) reduziert werden kann.

Arachidonsäure-Stoffwechsel

Arachidonsäure-Stoffwechsel

Außerdem sind bei entzündlichen, rheumatischen Erkrankungen häufig die Vitamin-E-Spiegel in der Synovia erniedrigt. Antioxidantien – im speziellen das fettlösliches Vitamin E – eliminieren die durch die vermehrte Phagozytoseaktivität anfallenden Sauerstoffradikale und können so die oxidative Schädigung von Zellmembranen neutralisieren. Zusätzlich zeigt Vitamin E inhibierende Eigenschaften auf die entzündungsfördernden Enzymsysteme (5-Lipoxygenase, Cyclogenase, PhospholipaseA2) (6). Die Grafik zum Arachidonsäure-Stoffwechsel soll die Bedeutung von Antioxidantien und einer günstigen Ω-6: Ω-3-Ratio veranschaulichen.

 

Phytotherapeutika

Die Anwendung von Weihrauchextrakten (Boswellia serrata) wird traditionell bei der Therapie gegen entzündliche, neurologische und gastrointestinale Erkrankungen eingesetzt. Die enthaltenen Boswellinsäuren haben Einfluss auf die Enzyme 5-Lipoxygenase und Cathepsin G (CatG), welche für die Synthese von proinflammatorischen Leukotrienen und die Leukozytenmigration verantwortlich sind (7).

Weihrauch

Weihrauch

Gleichzeitig fördern Boswellinsäuren den Aufbau des Bindegewebes und damit auch die Regeneration von Knorpelstrukturen. Gut dokumentiert bei Gelenkproblemen wie Arthrosen ist auch die Teufelskralle, die aufgrund der Hemmung der bereits genannten Enzymsysteme (COX-2, LOX) antiphlogistische Eigenschaften aufweist. Aufgrund des günstigen Nebenwirkungsprofils sind Phytotherapeutika als gute Alternative zu konventionellen Antiphlogistika zu sehen.

 

Homöopathie

Homöopathische Beratungsleistungen gehören zum pharmazeutischen Rüstzeug in der Apothekenpraxis. Folgende Auflistung gibt einen kurzen Überblick für den typgerechten Einsatz nach dem Hahnemann’schen Ähnlichkeitsprinzip.

Rhus toxicodendron – Giftsumach: Bei Gelenks- oder Wirbelsäulenschmerzen (die sich bei Bewegung bessern), Rheumatismus, Arthritis, Überanstrengung von Muskeln und Sehnen. Charakteristisch: Ruhelosigkeit und Bewegungsdrang, Verschlimmerung durch kaltes, feuchtes Wetter.

Harpagophytum procumbens – Teufelskralle: Bei rheumatischen Beschwerden der größeren Gelenke (Hüfte), Arthrose, degenerativer Veränderung der Wirbelsäule.

Arnica – Bergwohlverleih: Hauptmittel bei Verletzungen wie Quetschungen, Operationen, Verstauchungen, Prellungen etc. Bei rheumatoiden Schmerzen bedingt durch Nässe, Kälte, körperliche Überanstrengung (8).

 

Cave: Sport & Schmerzmittel

Den relativ sorglosen Umgang mit NSAR zeigt eine Untersuchungen im Rahmen von Marathonveranstaltungen. Diese haben ergeben, dass mehr als die Hälfte der TeilnehmerInnen vor dem Wettkampf prophylaktisch Schmerzmittel vom Typ der nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) eingenommen haben!
Wenn ein Flüssigkeitsmangel, wie z.B. bei längeren Ausdauerleistungen, eintritt, sind die Nieren auf Prostaglandine (PGE2) zur Förderung und Regulierung der Durchblutung angewiesen.

Die medikamentöse Inhibierung der Prostaglandine (durch NSAR) kann gerade beim Sport und längeren Ausdauerbelastungen zur Verschlechterung der Nierenfunktion führen. Zusätzlich wird auch der Magen und Zwölffingerdarm durch den Wegfall der schleimhautschützenden und säuresekretionshemmenden Gewebshormone (PGE2) in Mitleidenschaft gezogen.

Literatur

Kelly, G. S. (1998). The Role of Glucosamine Sulfate and Chondroitin Sulfates in the Treatment of Degenerative Joint Disease. Alternative Medicine Review, 3/1, 27-39.

Reginster, J. Y. et al. (2001). Long-term effects of glucosamine sulphate on osteoarthritis progression: a randomized placebocontrolled clinical trial. Lancet 357, 251-256.

Ruane, R. & Griffiths, P. (2002). Glucosamin therapy compared to ibuprofen for joint pain. British Journal of Community Nursing,7/3, 148-152.

Vormann, J. & Goedecke, T. (2006). Acid-Base Homeostasis: Latent Acidosis as a Cause of Chronic Diseases. Schweizerische Zeitschrift für Ganzheitsmedizin, 18/5, 255-266.

Elmadfa, I. et al. (Hrsg.) (2012). Österreichischer Ernährungsbericht. Wien: Universität, Institut für Ernährungswissenschaften.

6 Gröber, U. (2002). Orthomolekulare Medizin: Ein Leitfaden für Apotheker und Ärzte. (2. Aufl.). Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft.

Di Lorenzo, C. et al. (2013). Plant food supplements with anti-inflammatory properties: a systematic review (II). Critical Reviews in Food Science and Nutrition, 53/5, 507-516.

8 Deutsche Homöopathie-Union (Hrsg.) (2009). Homöopathisches Repetitorium. Karlsruhe.

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Mag. pharm. Matthias Schoeggl

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