Johanniskraut gegen graue Gedanken

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Viele depressive Patienten setzen gerne Johanniskraut ein – der pflanzliche Stimmungsaufheller gilt als nebenwirkungsarme Alternative zu rezeptpflichtigen Antidepressiva.

Johanniskraut wirkt vielfältig auf das menschliche Nervensystem und beeinflusst das Nervensystem durch Wiederherstellung des Gleichgewichts der Botenstoffe im Gehirn. Die dadurch erzielte Erhöhung der Konzentration bestimmter Botenstoffe und deren Freisetzung bei depressiven Verstimmungen im Gehirn führt zur stimmungsaufhellenden, angstlösenden und antidepressiven Wirkung von Johanniskraut. Es handelt sich dabei unter anderem um bekannte Botenstoffe wie Dopamin, Serotonin und Noradrenalin.

Die strahlend gelben Blüten des Johanniskrautes sind der auffälligste Teil der kraut­igen Pflanze. Geerntet werden die Blüten und oberen Zweigspitzen während der Zeit der Vollblüte, die übrigens in den Frühsommer fällt. Den Namen erhielt die Pflanze vom 24. Juni, dem Namenstag von Johannes dem Täufer.

Erstaunlicherweise finden sich in alten Kräuterbüchern und Folianten mehr Hinweise auf die Verwendung als Wurmmittel, bei Gicht und Rheuma als bei Wetterfühligkeit und Melancholie. Jedenfalls wurden in den letzten 20 Jahren die Inhaltsstoffe des Johanniskrautes und deren Wirkung soweit bestimmt, dass heute eine Reihe von wirksamen pflanzlichen Arzneimitteln zur Behandlung depressiver Zustandsbilder und Störungen angeboten werden können.

Mit Johanniskraut-Extrakten darf allerdings das Johanniskraut-Öl nicht gleichgesetzt werden. Ölkapseln haben keine antidepressive Wirkung, bessern daher die gestörte Stimmungslage und die Schlafproblemen nicht und sind auch anders zusammengesetzt.

Als wirksamkeitsmitbestimmende Inhaltsstoffe gelten das Hypericin und das erwähnte Hyperforin – die Hauptinhaltsstoffe des Echten Johanniskrauts. Beide Stoffe leiden unter Licht- und Wärmeeinfluss. Daher kommt der Herstellung große Bedeutung zu. Extrakte und Tees aus den blühenden Triebspitzen werden therapeutisch verwendet. Denn vor allem die Blütenknospen, die geöffneten Blüten und die noch grünen Fruchtkapseln sind reich an Wirkstoffen.

 

Zubereitungen von Johanniskraut

Johanniskraut-Tee zählt zu den beliebtesten Teezubereitungen. Sachgerecht zubereitet bessert er eine melancholische Stimmungs­lage und kann die Stimmungsschwankungen im Rahmen des weiblichen Montagszyklus bessern. Die übliche Dosierung beträgt 2–4 Gramm täglich pro Tasse.

Johanniskraut-Extrakt 70 bis 40 kg (je nach Qualität) des getrockneten Johanniskrauts werden mit wässrigem Alkohol erschöpfend extrahiert, der Alkohol schonend entfernt und schließlich ein Trockenextrakt hergestellt. Die ­Johanniskraut-Arzneimitteln enthalten den Trockenextrakt als Dragees oder Kapseln zu jeweils 80 bis 300 mg.

 

Johanniskraut ist nebenwirkungsarm

Der große Vorteil von Johanniskrautextrakten im Vergleich mit den synthetischen Anti­depressiva besteht in der Nebenwirkungsarmut, fast könnte man sagen Freiheit. Ein Johanniskraut-Extrakt ruft u.a. keine Mundtrockenheit, Schläfrigkeit oder Harnverhaltung hervor, ist auch in höherer Dosierung gut verträglich und führt zu keiner Beeinträchtigung der Straßenverkehrsfähigkeit und der Sexualität. Meist sind 2–3 Kapseln oder Dragees notwendig, wobei die anti­depressive Wirkung erst nach mehreren Wochen eintritt. Auch bei den chemischen Wirkstoffen muss mit einem ähnlich langsamen Wirkbeginn gerechnet werden.

Die jeweiligen Anwendungsgebiete für die rezeptfreien Johanniskraut-Extrakt-Präparate lauten: „Psychovegetative Störungen = körperliche und nervliche Beschwerden ohne organische Ursachen, depressive ­Verstimmungszustände, Angst und/oder nervöse Unruhe“. Die rezeptpflichtigen ­Johanniskraut-Extrakte weisen eine etwas andere Formulierung der Anwendungs­gebiete auf – „leichte bis mittelschwere ­Depressionen mit Antriebsarmut, Niedergeschlagenheit, Schlafstörungen, Angst- und Unruhezuständen“ – und verwenden eine etwas höhere Dosierung.

 

Johanniskraut ist Arzneipflanze des Jahres 2015

Im Oktober des Vorjahres wurde Johanniskraut zur Arzneipflanze des Jahres 2015 gewählt. Experten unterstrichen die traditionell und aber auch aktuell große Bedeutung von Johanniskraut – es sei auch eine „schwierige“ Arzneipflanze. „Noch vor 15 Jahren galt das Johanniskraut als die am besten untersuchte Arzneipflanze, dennoch konnten seine Wirkungsmechanismen bislang nicht vollständig geklärt werden“, sagte Dr. Johannes Mayer, Medizinhistoriker und Mitglied im „Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“ an der Universität Würzburg.

 

Viele Wirkungen auf den Organismus

Laut Mayer wurden zahlreiche Wirkungen von innerlich angewendeten Johanniskrautextrakten entdeckt. Spezielle Botenstoffe des Nervensystems bleiben länger und in höherer Zahl verfügbar. Auf diesem Prinzip beruht auch die Wirkung klassischer Antidepressiva. Gesteigert wird zudem die nächtliche Ausschüttung des Hormons Melatonin, das an einem gesunden Schlaf-Wach-Rhythmus beteiligt ist. Hypericin erhöht auch die Lichtempfindlichkeit – ein Effekt, der bei sehr hellhäutigen Personen unter Umständen aber zu einer Überempfindlichkeit gegen Licht führen kann.

Die genannten Effekte sind vor allem bei depressiven Verstimmungen therapeutisch interessant. Deshalb wurde Johanniskraut auf Grund von einschlägigen klinischen Studien als Mittel gegen leichte bis mittelschwere depressive Verstimmungen zugelassen, ebenso bei psychovegetativen Störungen, Angstzuständen und nervöser Unruhe. „Ebenfalls sinnvoll ist der Einsatz bei Winterdepressionen, Schlafstörungen wegen leichter Depressionen und bei entsprechenden Symptomen in den Wechseljahren“, heißt es in der Mitteilung des Studienkreises.

 

Johanniskraut hat Zukunftsperspektiven

„Wahrscheinlich wird das Johanniskraut noch weiter von sich reden machen“, meint Dr. Mayer. Spezielle Extrakte daraus würden gegen die Alzheimer-Krankheit getestet, isoliertes Hypericin in der Krebstherapie. Da Hypericin sich an krebsartigen Zellen sammelt, wird es als Indikator und so genannter Photosensibilisator für Krebszellen eingesetzt: „Bei der Bestrahlung mit einem bestimmten Lichtspektrum bildet es aggressive Sauerstoffradikale, die Krebszellen abtöten können“, erklärt der Wissenschaftler. Zudem würden Verfahren getestet, um mit Hypericin hochresistente Bakterien abzutöten.

 

Johanniskraut in der Kritik

In letzten Jahren gab es kontroverse Diskussionen über Johanniskraut. Der Grund: Ende der 1990er-Jahre wurde festgestellt, dass Johanniskraut das wichtigste arzneimittelabbauende Enzym (CYP 3A4) in seiner Wirkung verstärkt und darum zu einem erhöhten Abbau anderer Arzneistoffe im Körper führt.

So kann es bei der Kombination von Johanniskraut mit mehreren anderen Arzneimitteln einige Zeit nach Therapiebeginn zu starken Wirkungsverlusten kommen, nach dem Absetzen des Johanniskrauts dagegen zu einem therapeutisch gefährlichen Anstieg der anderen Arzneimittel. Deshalb wurden hoch dosierte Johanniskrautpräparate 2003 der Apothekenpflicht unterstellt. Niedrig dosierte Mittel sowie Tee und Rotöl blieben davon ausgenommen.

Hoch dosierte Johanniskrautpräparate mit einer Tagesdosis ab 600 Milligramm haben Wechselwirkungen mit einigen Arzneistoffen aus dem Bereich der Antidepressiva, der Immunsupressiva oder Anti-HIV-Mittel. Ebenso betroffen sind Herzmedikamente wie Digoxin, Blutgerinnungshemmer vom Cumarintyp und vermutlich auch das bronchienerweiternde Mittel Theophyllin. Es sei zudem nicht auszuschließen, dass Johanniskraut auch die Wirksamkeit von hormonellen Verhütungsmitteln beeinträchtigt, wie der Studienkreis schreibt.

Bei der alleinigen Einnahme auch hoch dosierter Johanniskrautmittel dagegen sei die Verträglichkeit gut und sogar erheblich besser als bei anderen Antidepressiva.

 

Johaniskraut – im Mittelalter gegen Melancholie verwendet

Schon in der Antike wurden verschiedene Johanniskrautarten in der Heilkunde verwendet, vor allem bei Brandwunden, Ischias, Harnwegs- und Menstruationsbeschwerden.

Im Mittelalter konzentrierte sich die Anwendung dann auf das Echte Johanniskraut. Im ältesten erhaltenen Dokument der mittelalterlichen Klostermedizin, dem „Lorscher Arzneibuch“ aus dem letzten Jahrzehnt des achten Jahrhunderts, wird das Kraut erstmals zur Behandlung von „Melancholie“ empfohlen, womit eine depressive Verstimmung gemeint sein kann. Daneben galt Johanniskraut auch als Mittel gegen Magenschmerzen und Leberschwäche.

Quelle: Phytotherapien bei psychischen Störungen. MEDMIX 12/2006

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Axel Rhindt

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