Iridologie, Irisdiagnostik – Lehre von der Iris

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Das Problem bei der Iridologie ist nicht nur, dass Krankheiten nicht zuverlässig erkannt werden, sondern dass auch sehr oft aus Gesunden Kranke gemacht werden.

Die Regenbogenhaut (Iris) ist das Blaue, Graue, Grüne oder Braune in unseren Augen und damit wesentlicher Teil unserer Physiognomie. Die Muskulatur in der Iris verengt und erweitert die Pupille und reguliert damit als Blende den Lichteinfall in das Auge. Die Architektur der Regenbogenhaut mit ihren „Bälkchen“, Einsenkungen (Krypten), Furchen und Flecken ist bei jedem Menschen einzigartig und deshalb wie der Fingerabdruck als biometrisches Kriterium geeignet. Es ist lange bekannt, dass krankhafte Veränderungen der Regenbogenhaut auf Erkrankungen des Körpers hindeuten können. So ist etwa das angeborene Fehlen der Iris (Aniridie) überdurchschnittlich häufig mit einem Nierentumor (Wilms-Tumor) vergesellschaftet. Knötchen an der Iris können auf eine Trisomie 21 (Morbus Down, „Brushfield-Spots“), eine Neurofibromatose („Lisch-Knötchen“) oder auf eine Sarkoidose („Koeppe-Knötchen“) hindeuten. Auch gibt es Iris-Metastasen von bösartigen Tumoren zum Beispiel der Lunge oder der Brustdrüse. Die Iris kann also durchaus Indikator für Erkrankungen des Gesamtorganismus sein, jedoch sollte, nein, darf man ihr nicht mehr „Erkennungswert“ beimessen, als ihr nach aller wissenschaftlicher Erkenntnis zukommt. Man geht in Deutschland von momentan circa 40.000 Heilpraktikern aus, von denen bis zu 80 Prozent die Iridologie – die „Lehre von der Iris“, auch „Irisdiagnostik“ oder „Augendiagnostik“ – praktizieren sollen.

 

Iridologie historisch betrachtet

Die neuere Iridologie geht auf Ignaz von Péczely (1826–1911) aus Budapest zurück, der als Kind einer Eule bei deren Abwehr ein Bein brach und im gleichen Moment einen „Balken“ im Auge des Vogels zu erkennen meinte. Er schloss später daraus, dass körperliche Veränderungen an der Iris sichtbar werden können. Seine Lehre fand im ausgehenden 19. Jahrhundert schnell Anhänger sowohl unter Ärzten als auch unter „Paramedizinern“.

Von 1900 bis 1950 gab es erbitterte Auseinandersetzungen auch in der Tagespresse zwischen Iridologen („Kurpfuschern“) und „Schulmedizinern“, wobei der Begriff „Schulmediziner“ (historisch) unzutreffend ist und besser durch „wissenschaftlich orientierte Mediziner“ ersetzt werden sollte.

Die Iridologen nehmen bis heute an, dass es je nach Farbe und Struktur der Regenbogenhaut verschiedene „Konstitutionstypen“ gibt und man an der Iris mittels eines binokularen Mikroskops oder auch nur anhand eines Fotos frühere, jetzige und auch zukünftige (!) Erkrankungen ablesen kann. Alle Teile des menschlichen Körpers sollen in Form von „Organfeldern“ in den Regenbogenhäuten repräsentiert sein, und zwar die rechte Körperhälfte in der rechten Iris, die linke Körperhälfte in der linken Iris, die obere Körperhälfte in den oberen und die untere Körperhälfte in den unteren Hälften der Regenbogenhäute.

 

Iridologie – komplementäre, nicht wissenschaftliche Erfahrungsmedizin

Die Iridologie versteht sich wie zum Beispiel auch die Homöopathie als komplementäre, nicht wissenschaftliche „Erfahrungsmedizin“. Zu ihrer Begründung werden sehr oft „Die anatomischen und physiologischen Grundlagen der Augendiagnostik“ von Walter Lang von 1954 sowie die „Klinische Prüfung der Organ- und Krankheitszeichen in der Iris“ von Franz Vida und Josef Deck, ebenfalls von 1954, herangezogen, beides Werke, die heutigen wissenschaftlichen Standards in keinster Weise genügen.

Versuche von Augenärzten, die Iridologie wissenschaftlich zu bestätigen, scheiterten immer. Die Wahrscheinlichkeit, bei bestimmten Erkrankungen wie zum Beispiel Gallenblasenleiden oder Darmkrebs iridologisch die richtige Diagnose zu stellen, entsprach lediglich der Ratewahrscheinlichkeit. Bis heute fehlt der Iridologie jegliche „wissenschaftliche Evidenz“. Sie ist, wie es in einer Publikation vor knapp 20 Jahren ausgedrückt wurde, weiterhin „not useful, potentially harmful, and a waste of money and time“.

Es bleibt insofern die Frage, warum die Iridologie immer noch so umfangreich praktiziert wird. Dabei kann man heute von einer „friedlichen Koexistenz“ von Iridologen und („wissenschaftlichen“) Ophthalmologen sprechen. In diesem Umstand liegt keine wissenschaftliche Anerkennung der Iridologie durch die Augenheilkunde, aber die Anerkenntnis, dass in einem freien Land jeder selbst seines eigenen Glücks, aber auch Unglücks Schmied ist.

Das Problem bei der Iridologie ist nicht nur, dass Krankheiten nicht zuverlässig erkannt werden, sondern, fast mehr noch, dass sehr oft aus Gesunden Kranke gemacht werden. Dieses Problem kennt allerdings auch die moderne Medizin. So sagte der Kölner Internist Rudolf Gross (1917–2008) bereits vor 30 Jahren: „Es gibt keine Gesunden. Die Gesunden sind nur nicht ausreichend diagnostiziert.“

„Medizin ohne Evidenz ist inhuman“, führte der Internist Johannes Köbberling vor 20 Jahren richtigerweise aus. Jedoch ist Medizin mehr als Wissenschaft, und prinzipiell gibt es auch Heilung beziehungsweise „Pseudo-Heilung“ ohne Wissenschaft. Man könnte hier von einem „Wissenschaft-Heilen-Dilemma“ sprechen. Es ist dieses Dilemma, in dem die Iridologie exemplarisch für alle evidenzlosen Diagnose- und Therapieverfahren steht und das der „Erfahrungsmedizin“ ihre Existenz sichert. Der von „Alternativmedizinern“ gern bemühte und vordergründig plausible Satz „Wer heilt, hat recht“, gilt aber keineswegs immer. Letztendlich wird die Gesellschaft zu entscheiden haben, wie viel Wissenschaft in der Medizin zu fordern ist und damit auch wie viel Iridologie noch sein darf.

Die Bundesärztekammer und beginnend auch die Politik drängen zunehmend darauf, dass evidenzlose Diagnose- und Therapieverfahren einer Regulation bedürfen, zumindest wenn sie invasiv sind oder der Krebsbehandlung dienen sollen. Die Iridologie als nicht invasive, „milde“ Diagnostik wird davon aller Voraussicht nach nicht betroffen sein und trotz aller „Freiheit von Wissenschaft“ noch lange fortbestehen.

Literatur:

1. Bernard Lown. Die verlorene Kunst des Heilens. Schattauer Verlag Stuttgart, 2002.

2. Jens Martin Rohrbach. Iridologie – heute so sinnlos wie vor 90 Jahren. Zeitschrift für praktische Augenheilkunde (im Druck, erscheint im September 2018).


Quelle:

Statement »Was die Iris wirklich über unseren Körper verrät – Oder wie viel Wissenschaft braucht die Medizin?« – Professor Dr. med. Jens Martin Rohrbach, Oberarzt, Universitäts-Augenklinik Tübingen; zugleich Leiter des Forschungsbereichs Geschichte der Augenheilkunde zum 116. Kongress der DOG, September 2018, Berlin

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