Hypersexualität immer häufiger bei Jüngeren

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Bereits Minderjährige leiden unter Hypersexualität, kippen in die Sexsucht. Experten fordern bessere Aufklärung in Schulen und niederschwellige Beratungsangebote.

Bei sechs Prozent der Bevölkerung wird Sex zwanghaft. Zahlreiche Menschen risikieren für einen sexuellen Kick sehr viel, immer mehr Jüngere – auch Minderjährige – leiden unter Hypersexualität. Hypersexualität gilt als Zwang oder als Störung der Triebimpulskontrolle. Betroffene brechen ihr Studium ab oder riskieren den Job, weil sie nur mehr auf Pornoseiten surfen. Sie verschulden sich rettungslos, weil es ohne Prostituierte oder Sexhotlines nicht mehr geht. Sie infizieren sich mit Geschlechtskrankheiten, weil der sexuelle Kick wichtiger ist als jede Vorsichtsmaßnahme. So ergeht es vielen Menschen, die unter Hypersexualität leiden. Hypersexualität – die so genannte Sexsucht, die nichts mit ausgeprägtem Libido zu tun hat, gilt als Zwang oder als Störung der Triebimpulskontrolle.

 

Bei einzelnen Persönlichkeitsstörungen muss Hypersexualität zudem als Legitimation für Seitensprünge herhalten

Hypersexualität sehen die Therapeuten oft in Verbindung mit dem Konsum von Kokain. © Andrey_Popov / shutterstock.com

Quelle: Andrey_Popov / shutterstock.com

Hypersexualität sehen die Therapeuten oft in Verbindung mit dem Konsum von Kokain. © Andrey_Popov / shutterstock.com

Obwohl Hypersexualität für Betroffene und oft auch deren Umfeld einen hohen Leidensdruck schafft, wird dieser Erkrankung zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt und sie vielfach nicht ernst genommen. Ähnlich wie bei einer Substanzsucht erleben Betroffene ständigen Konsumzwang und das Bedürfnis, Dosis und Intensität des „Kicks“ zu steigern. Hypersexualität tritt auch oft in Verbindung mit bipolaren Erkrankungen oder dem Konsum stimulierender Substanzen wie Kokain auf. Bei einzelnen Persönlichkeitsstörungen muss Hypersexualität zudem als Legitimation für Seitensprünge herhalten.

 

Hypersexualität als Ko-Erkrankung

Tatsächlich ist „Sexsucht“ nicht als eigenständiges Krankheitsbild klassifiziert. In der Regel geht sie mit anderen Störungen einher und wird deshalb manchmal übersehen, oder von den Betroffenen stillschweigend übergangen. Vielen ist das Thema peinlich, was der behandelnde Experte bei Anamnesegesprächen immer mitbedenken muss. Spätestens wenn sich herausstellt, dass eine Patientin oder ein Patient spiel- und internetsüchtig ist und zur Substanzabhängigkeit neigt, sollte nachgefragt werden, wie es um Sexualität und Partnerschaft bestellt ist.

Wer mehrmals pro Tag masturbiert und ständig auf der Suche nach sexuellen Reizen ist, ist bereits von einem Suchtverhalten getrieben. Hypersexuelle Menschen haben auch Schwierigkeiten, Kontakte anzubahnen und Beziehungen zu halten. Sollte sie in einer Partnerschaft leben, gestaltet sich das Liebesleben oft schwierig und wenig erfüllend. Hypersexualität kann auch mit Depression gekoppelt oder eine Begleiterkrankungen der Aufmerksamkeitsstörung ADHS sein. Fieberhafte sexuelle Aktivitäten sollen beim Entspannen helfen und das Belohnungszentrum im Gehirn aktivieren.

Es gibt wenige valide Studien zur Hypersexualität. Die genauen Gründe und Auslöser dieser Störung sind nicht mit Sicherheit defnierbar. Faktum ist, dass die Krankheit keine genetischen Ursachen hat und somit nicht vererbbar ist. Mit großer Mehrheit sind allerdings Männer betroffen. Der Kick, den sich Betroffene holen, unterscheidet sich nach Geschlecht: Während sich Männer mit Sexualhandlungen und Orgasmen entspannen, belohnen und bestätigen wollen, genießen hypersexuelle Frauen den hohen Erregungslevel, kommen aber selten zum Höhepunkt.

 

Schon Jugendliche in Therapie

Besonders wichtig im Zusammenhang mit der Hypersexualität ist die Auseinandersetzung mit den Themen Internet- und Spielsucht sowie Cybersex. © JMiks / shutterstock.com

Quelle: JMiks / shutterstock.com

Besonders wichtig im Zusammenhang mit der Hypersexualität ist die Auseinandersetzung mit den Themen Internet- und Spielsucht sowie Cybersex. © JMiks / shutterstock.com

Sexsucht kommt in allen sozialen Schichten vor – und die Betroffenen werden immer jünger. Heute kommen schon Jugendliche ab der 7. Schulstufe in die Therapie. Das mag zum einen der generellen Zunahme von ADHS geschuldet sein, ganz sicher liegt es aber auch am digitalen Wandel und der Tatsache, dass durch leistungsfähige Internetverbindungen Cybersex und Porno-Inhalte rund um die Uhr verfügbar sind.

Hier besteht auch hoher Aufklärungsbedarf in den Schulen. Schon früh sollte dafür sensibilisiert werden, wie Süchte entstehen und wie man Suchtverhalten in der Tendenz erkennt. Besonders wichtig im Zusammenhang mit der Hypersexualität ist die Auseinandersetzung mit den Themen Internet- und Spielsucht sowie Cybersex. Wichtig ist natürlich auch, Jugendliche über die Gefährlichkeit von AIDS und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten zu informieren und sie darüber aufzuklären, wie sie sich davor schützen können – gerade dann, wenn sexuelle Abenteuer mit häufig wechselnden Partnern ein Thema sind.

 

Was hilft gegen Hypersexualität?

Die Einschätzung, was als „sexsüchtig“ gilt, kann sich je nach Gesellschaft und historischem Kontext ändern. Wenn der Drang aber nicht mehr kontrollierbar und zur Belastung wird, wenn die unerfüllten Kompensationsversuche in selbstschädigendes Verhalten münden, ist die professionelle Hilfe von Suchtexpertinnen und -experten dringend angezeigt.

Manche Therapie-Ansätze empfehlen erst totale Abstinenz und danach den langsamen Aufbauen einer Paarbeziehung, in der echte Nähe möglich ist. Empfehlenswert ist in jedem Fall zuerst eine umfassende medizinische Abklärung, um körperliche Ursachen oder psychiatrische Erkrankungen auszuschließen sowie eine klinisch-psychologische Diagnostik durch Fachpsychologen. Die weitere Behandlung sollte das ganze System des Betroffenen erfassen und kann Medikamente, Psychotherapie und eine klinisch-psychologische Behandlung beinhalten.

Suchtspezialisten mit entsprechender Qualifikation sollten niederschwellig zu erreichen sein, damit sich Betroffene anonym beraten lassen können und Zugang zu passenden Hilfsangebote erhalten.

Quelle: 6. Internationales Suchtsymposium in Grundlsee / Österreich 2016

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Lena Abensberg

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