Hoher Blutdruck bei Frauen

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Bluthochdruck – Volkskrankheit Nummer 1: Ab einem Alter von 65 Jahren wird hoher Blutdruck bei Frauen häufiger diagnostiziert als bei Männern.

Das physiologische Blutdruckverhalten ist sowohl bei Frauen als auch bei Männern durch einen Anstieg des systolischen Blutdruckwertes mit zunehmendem Alter gekennzeichnet. Den Daten der Framingham Studie zufolge liegt der systolische peripher gemessene Blutdruck (RR) im Mittel zwischen 140 bis 150 mmHg bei den Über75-Jährigen. Frauen haben durchschnittlich niedrigere diastolische Werte und dadurch einen höheren Pulsdruck im Vergleich zu Männern. (William B. Kannel et al. Am J Cardiol. 1971 Apr;27:33546)

Bei Frauen steigt das Risiko für eine koronare Herzerkrankung (KHK) oder einen  Schlaganfall um das Dreifache, wenn der systolische RR Wert ohne Therapie regelmäßig bei über 185 mmHg liegt. Das Ziel ist es, erhöhte Blutdruckwerte frühzeitig zu erkennen und zu therapieren. Das heißt, wenn noch keine Symptome aufgrund von Folgeerkrankungen vorhanden sind. Oft wird erst bei der Diagnose Herzinsuffizienz, Herzinfarkt, Schlaganfall oder Diabetes ein schon lange bestehender Bluthochdruck diagnostiziert. Dann bleibt nur noch zu versuchen, die Einschränkung der Lebensqualität und weitere Komplikationen möglichst gering zu halten.

Aufgrund der längeren Lebenszeit von Frauen, ist diese Phase der Folgekrankheiten auf die Lebenszeit gesehen bei Frauen meistens länger als bei Männern. Das bedeutet aus gendermedizinischer Sicht, dass neben den berechtigten harten Endpunkten wie dem kardiovaskulären Tod oder der Gesamtmortalität auch die Lebensqualität als ein Endpunkt in den Studien seine Berechtigung hat und in Zukunft stärker als Outcome Variable mitberücksichtigt werden sollte.

Eine eigene Querschnittsstudie in der Allgemeinbevölkerung zeigte, dass 48 Prozent der 1066 befragten und untersuchten Berliner Frauen ihr eigenes kardiovaskuläres Risiko untersctzen. Ein Grund dafür ist, dass das Alter der größte Prädiktor für eine Hypertonie ist. (OerteltPrigione S, Seeland U et al. BEFRI Studie, BMC Med. 2015 Mar 16;13:52) Daher empfehlen wir bei Frauen und Männern ab dem 40sten Lebensjahr aktiv nach kardiovaskulären

Risikofaktoren zu suchen. Zwei Ansätze könnten hier helfen, die Versorgung der Bevölkerung zu verbessern. Primärprävention findet über Aufkrungskampagnen statt. Wir wissen inzwischen, wie wichtig es ist, diese geschlechtersensibel zu gestalten. Dieses gilt insbesondere auch für die gesundheitsfördernden Primärpräventionsangebote. Beispielhaft sind die Kampagnen zum Rauchverhalten der letzten 20 Jahre, die fast ausschließlich für die größte Zielgruppe – Männer – konzipiert wurden. Tatsächlich hat sich der Nikotinkonsum der Männer deutlich verringert. Der Nikotinkonsum jüngerer Frauen ist gestiegen.

Der zweite Ansatz ist, Risikogruppen frühzeitig mit einer nichtinvasiven Methode zu identifizieren. Eine Störung der Gefäßfunktion kann einer manifesten Hypertonie um Jahre

vorausgehen und mithilfe der Messung des Augmentationsindex und der Pulswellengeschwindigkeit diagnostiziert werden. Die Daten der BEFRI Studie zeigen, dass 45 Prozent der weiblichen Berliner Allgemeinbevölkerung eine Störung der arteriellen Gefäßfunktion und/ oder eine erhöhte Steifigkeit der Gefäßwände aufweisen. Diese Veränderungen in der subklinischen Phase der Hypertonieentstehung sind oft reversibel, so dass gesundheitsfördernde Maßnahmen hier sehr effektiv eingesetzt werden können. Auch wenn 77 Prozent der Frauen in einem postmenopausalen Alter sind, so sind doch 23 Prozent bereits in einem prä beziehungsweise perimenopausalen Alter betroffen. Die Daten der Studie zeigen auch, dass 30 Prozent der untersuchten Frauen eine bisher nicht diagnostizierte diastolische Funktionsstörung des Herzens aufweisen. Begünstigende Faktoren dafür sind das Alter, ein Taillenumfang größer als 80 cm und eine Pulswellengeschwindigkeit höher als 9.7 m/s. Diese Daten deuten auf einen  Zusammenhang zwischen der Gefäßfunktion und der diastolischen Ventrikelfunktion hin. (Seeland U et al. Biosci Rep. 2016 Oct 27;36:19) Die Ergebnisse dieser Studie unterstützen den Ansatz, auch prämenopausale Frauen in die Aufkrungskampagnen und Präventionsmaßnahmen einzuschließen und das Argument des Östrogenschutzes der Frauen bis zur Postmenopause nicht als Ausschlussargument gelten zu lassen.

Auch wenn der positive Effekt des körpereigenen Estradiol auf die Gefäßfunktion im Sinne eines Schutzes vor kardiovaskulären Erkrankungen in Studien mehrfach gezeigt werden konnte und postuliert wird, dass endogenes Östrogen das Hypertonierisiko senkt (Dubey RK et al., Cardiovasc Res. 2002), so ist eine exogene Hormonbehandlung mit einem Anstieg des Blutdruckes assoziiert (Chasan-Taber L et al. Circulation. 1996 Aug 1;94:4839). Nicht umsonst ist die „Pilleweiterhin ein verschreibungspflichtiges Medikament. Nutzen und Risiko müssen immer wieder neu beurteilt werden und Frauen mit Übergewicht, Nikotinkonsum und thromboembolischen Ereignissen auf ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall hingewiesen werden. Frauen, die die Pille nehmen, haben im Durchschnitt um 2 bis 8 mmHg höhere RR Werte. Unter Einnahme der Pille ist das Hypertonierisiko zweibis dreifach erhöht, insbesondere in der Kombination mit Übergewicht und höherem Alter [Mancia G, J Hypertens. 2013 Jul;31:1281357].

Im Jahr 2003 wurden erstmals Europäische Guidelines mit Empfehlungen für die Diagnose und Therapie von Bluthochdruck veröffentlicht. Die neueste „ESH/ESC Guidelines for the management of arterial hypertensionaus dem Jahr 2013 berücksichtigt als eine der wenigen Guidelines die Situation von Frauen in einem eigenen Kapitel. Aufgrund der mangelnden Auswertung der Studiendaten nach Geschlecht, nur 24 Prozent aller kardiovaskulären Studien, geht eine Menge an Wissen verloren, und somit wird das Kapitel dominiert von dem Thema Schwangerschaft und hormonelle Vertung bzw. Hormonersatztherapie [Mancia G, J Hypertens. 2013 Jul;31:1281357].

Inwieweit die „neuenRisikofaktoren für kardiovaskuläre Erkrankungen bzw. die Entstehung einer Hypertonie eine Bedeutung haben, ist Gegenstand der aktuellen Forschung. Zu den neuen Risikofaktoren gehören zum Beispiel dirheumatischen Erkrankungen und die Schwangerschaftskomplikationen wie die Schwangerschaftshypertonie und die PreEklampsie/ Eklampsie, r die ein erhöhtes Risiko nach zehn Jahren an einer Hypertonie zu erkranken, bereits durch mehrere Studien belegt ist (Mosca L, Circulation. 2011 Mar 22;123:124362).

Quellen:

Statement » Bluthochdruck bei Frauen – Geschlechterspezifische Aspekte als besondere Herausforderung? « von Dr. med. Ute Seeland, Fachärztin für Innere Medizin und Gendermedizinerin am Institut für Geschlechterforschung in der Medizin (GIM), Charité-Universitätsmedizin Berlin

Kannel WB, Gordon T, Schwartz MJ. Systolic versus diastolic blood pressure and risk of coronary heart disease. The Framingham study. Am J Cardiol. 1971 Apr;27:335-46.

Oertelt-Prigione S, Seeland U, Kendel F, Rücke M, Flöel A, Gaissmaier W, Heim C, Schnabel R, Stangl V, Regitz-Zagrosek V. Cardiovascular risk factor distribution and subjective risk estimation in urban women–the BEFRI study: a randomized cross-sectional study. BMC Med. 2015 Mar 16;13:52.

Seeland U, Brecht A, Nauman AT, Oertelt-Prigione S, Ruecke M, Knebel F, Stangl V, Regitz- Zagrosek V. Prevalence of arterial stiffness and the risk of myocardial diastolic dysfunction in women. Biosci Rep. 2016 Oct 27;36:1-9

Dubey RK, Oparil S, Imthurn B, Jackson EK. Sex hormones and hypertension. Cardiovasc Res. 2002 Feb 15;53:688-708. Review.

Chasan-Taber L, Willett WC, Manson JE, Spiegelman D, Hunter DJ, Curhan G, Colditz GA, Stampfer MJ. Prospective study of oral contraceptives and hypertension among women in the United States. Circulation. 1996 Aug 1;94:483-9

Mancia G, Fagard R, Narkiewicz K, Redón J, Zanchetti A, Böhm M, Christiaens T, Cifkova R, De Backer G, Dominiczak A, Galderisi M, Grobbee DE, Jaarsma T, Kirchhof P, Kjeldsen SE, Laurent S, Manolis AJ, Nilsson PM, Ruilope LM, Schmieder RE, Sirnes PA, Sleight P, Viigimaa M, Waeber B, Zannad F; Task Force Members. 2013 ESH/ESC Guidelines for the management of arterial hypertension: the Task Force for the management of arterial hypertension of the European Society of Hypertension (ESH) and of the European Society of Cardiology (ESC). J Hypertens. 2013 Jul;31:1281-357.

Mosca L, Benjamin EJ, Berra K, Bezanson JL, Dolor RJ, Lloyd-Jones DM, Newby LK, Piña IL, Roger VL, Shaw LJ, Zhao D, Beckie TM, Bushnell C, D’Armiento J, Kris-Etherton PM, Fang J, Ganiats TG, Gomes AS, Gracia CR, Haan CK, Jackson EA, Judelson DR, Kelepouris E, Lavie CJ, Moore A, Nussmeier NA, Ofili E, Oparil S, Ouyang P, Pinn VW, Sherif K, Smith SC Jr, Sopko G, Chandra-Strobos N, Urbina EM, Vaccarino V, Wenger NK. Effectiveness-based guidelines for the prevention of cardiovascular disease in women–2011 update: a guideline from the american heart association. Circulation. 2011 Mar 22;123:1243- 62.

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