Höhenschwindel betrifft jeden Vierten

0

Etwa jeder Vierte kennt das Höhenschwindel-Phänomen und erlebt es mindestens einmal im Leben, Frauen etwas häufiger als Männer.

Wenn jemand ein Balkon zu hoch ist, ein Ausflug auf den Fernsehturm nicht machbar ist, oder wenn eine Bergtour unweigerlich an einer steilen Stelle abgebrochen werden muss, dann leidet die Person unter Höhenschwindel. Dieser ist häufiger und belastender als gemeinhin angenommen.

Etwa jeder Vierte kennt das – von Forschern visuelle Höhenintoleranz genannte – Höhenschwindel-Phänomen und erlebt es mindestens einmal im Leben, Frauen etwas häufiger als Männer. Zwar weiß man, dass rund vier Prozent der Bevölkerung an einer phobischen Höhenangst leiden, also an einer echten Erkrankung. Neu ist aber, dass 28 Prozent von der visuellen Höhenintoleranz – dem Höhenschwindel – betroffen sind. Und bei rund der Hälfte dieser Personen beeinträchtigt dieses Symptom sogar ihr Verhalten und ihre Lebensqualität. Die Umwelt wird durch Höhenschwindel nur noch eingeschränkt wahrgenommen, der Gang ist unsicher und die Gefahr von Stürzen wächst. Trotz der weiten Verbreitung gibt es aber bisher nur wenige experimentelle Untersuchungen zum Höhenschwindel.

Viele Menschen, die einen Höhenschwindel erleben, schränken danach ihre körperlichen Aktivitäten so ein, dass ihnen das unangenehme Gefühl erspart bleibt. Meistens beginnt der Höhenschwindel erst im zweiten Lebensjahrzehnt, kann dann aber das ganze Leben lang bestehen. In mehr als der Hälfte der Fälle verschlimmert sich das Phänomen über die Jahre. Oft gibt es einen Auslöserreiz: Am häufigsten ist es das Besteigen eines Turms, am zweithäufigsten das Erklimmen einer Leiter, gefolgt von einer Bergwanderung. Etwa 30 Prozent der Betroffenen machen diese Erfahrung im zweiten Lebensjahrzehnt. Nur elf Prozent der Betroffenen mit Höhenschwindel suchen aber einen Arzt auf.

 

Höhenschwindel mit modernen Methoden erforschen

Was bei Höhenschwindel im Körper vor sich geht, untersuchten Forscher unlängst mit einem mobilen Augenbewegungsmesssystem mit einer zusätzlichen Kamera und Sensoren, die die Kopfbeschleunigung erfassen. Dabei zeigte sich, dass anfällige Personen dazu neigen, den Blick auf den Horizont zu richten. Sie führen weniger Augenbewegungen zur Erkundung der Umgebung aus, vor allem wird der Kopf in allen Ebenen deutlich weniger bewegt. Der Gang ist deutlich verlangsamt, kleinschrittig und vorsichtig. Durch die eingeschränkten Blickbewegungen kann sich auf unebenem Terrain die reale Fallgefahr erhöhen, wenn Hindernisse übersehen werden. Weitere Experimente sowohl mit natürlicher als auch virtueller Höhenreizung sollen helfen, neue Therapien zu entwickeln, denn wirksame Medikamente gibt es bisher nicht.

 

Höhenschwindel – eine archaische Angstreaktion

Eine lebendige Beschreibung der Symptome von Höhenschwindel findet sich im sogenannten Corpus Hippocraticum – einer Sammlung antiker medizinischer Texte aus dem fünften Jahrhundert v. Chr.. Weitere Berichte sind in römischen Berichten zur Erstürmung der hohen Stadtmauern Karthagos sowie zur Alpen-Überquerung Hannibals anzutreffen. Auch im Huang Di Nei Jing, einem der ältesten Standardwerke der chinesischen Medizin, werden die Symptome ausführlich dargestellt und mögliche Ursachen diskutiert.

Der Höhenschwindel ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit, doch die Forschung ist auf einem guten Weg, Therapien zu entwickeln, die auf einem soliden wissenschaftlichen Fundament stehen. Bis dahin muss das Gehirn der Betroffenen mit Verhaltenstherapie und kleinen Tricks im Alltag überlistet werden. “

Quelle:

„Höhenschwindel – eine archaische Angstreaktion“, Festrede von Professor Dr. Thomas Brandt
am 86. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, September 2013, Dresden

https://www.dgn.org


Literatur:

Huppert D, Grill E, Brandt T. Down on heights? One in three has visual height intolerance. J Neurol. 2013 Feb;260(2):597-604.

Schäffler F, et al: Consequences of visual height intolerance for quality of life: a qualitative study. Qual Life Res. 2013 Aug 22.

Huppert D, Benson J, Krammling B, Brandt T. Fear of heights in Roman antiquity and mythology. J Neurol. 2013 Sep;260(9):2430-2.

Bauer M, Huppert D, Brandt T. Fear of heights in ancient China. J Neurol. 2012 Oct;259(10):2223-5.

Share.

About Author

Lena Abensberg

MEDMIX-Redaktion, AFCOM Digital Publishing Team

Comments are closed.