Hirndoping für Schachspieler

0

Starke Schachspieler können ihre hochkomplexen kognitiven Fähigkeiten durch die Einnahme pharmakologischer Substanzen verbessern.

Forscher der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz haben in einer aktuellen, randomisierten Placebo-kontrollierten, doppelblinden Studie verschiedene Fragestellungen zur Sinnhaftigkeit der Anwendung pharmakologischer Substanzen im Zusammenhang mit Schachspieler und einer Steigerung der Spielstärke untersucht. Überraschenderweise zeigte sich, dass leistungsstarke, Turniere spielende Schachspieler ihre dafür erforderlichen hochkomplexen kognitiven Fähigkeiten durch die Einnahme pharmakologischer Substanzen verbessern und damit mehr Schachpartien gewinnen können, wenn sie nicht unter Zeitdruck standen. Die Studienergebnisse sind nun in der Onlineausgabe der Fachzeitschrift European Neuropsychopharmacology veröffentlicht.

Schachspieler brauchen eine hohe Konzentration und viel Kreativität, die Sportart ist geistig sehr anstrengend. Die Dauer einer Partie beträgt zwischen fünf und 60 Minuten beim Blitz- bzw. Schnellschach und bis zu acht Stunden im normalen Schach. Während eines Turniers aber auch einer Partie kann die Leistungsfähigkeit auch der weltbesten Schachspieler temporär nachlassen – die Fehleranfälligkeit steigt dann an.

 

Natürliches Hirndoping und medikamentöses Neuroenhancement

Mit alten und bewährten Methoden wie ausreichend und gesunden Schlaf, ausgewogener Ernährung und reichlich Bewegung können sich Schachspieler ganz natürlich sehr gut auf Turniere und einzelne Partien vorbereiten. Damit sich der Prozess des Abfalls der Leistungsfähigkeit vermeiden oder zumindest reduzieren. In Folge können für das Schachspiel wichtige Komponenten wie Wachsamkeit, Konzentration, strategisches Denken, Kreativität, Geduld und Zeit auf einem hohen Level gehalten werden. Auch moderne Spitzenspieler wie Magnus Carlsen bedienen sich dieser natürlichen Lifestyle-Methoden.

Ob aber auch moderne Methoden wie das oftmals als Hirndoping bezeichnete medikamentöse Neuroenhancement beim Schachspiel dazu befähigen, die Konzentration sehr hoch zu halten oder die Einnahme diverser Substanzen nicht eher zu einer Schwächung des kreativen und höchst konzentrierten Denkens führt, sind Fragestellungen, die auch sportpolitisch sehr bedeutend sind.

 

Methylphenidat, Modafinil und Koffein

Dementsrpechend untersuchten Wissenschaftler der Universitätsmedizin Mainz Turnier-Schachspieler, um herauszufenden, welchen positiven oder negativen Effekt die kognitiven Enhancer und rezeptpflichtigen Arzneimittel Methylphenidat, Modafinil oder aber auch Koffein auf hochkomplexe kognitive Leistungen haben.

Dazu erhielten in einer randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Studie 39 männliche Schachspieler an vier verschiedenen Tagen entweder 2 × 200 mg Modafinil oder 2 × 20 mg Methylphenidat oder 2 × 200 mg Koffein oder Placebos in einem 4 × 4-Crossover-Forschungsdesign. Sie spielten jeden Tag zwanzig 15-minütige Spiele in zwei Sessions gegen ein an die individuelle Stärke der Spieler angepasstes Schachprogramm (Fritz 12). Zudem absolvierten die Probanden neuropsychologische Tests.

Im Verlauf der Studie zeigte sich, dass die Schachspieler, denen zuvor entweder Methylphenidat, Modafinil oder Koffein verabreicht wurde, überraschenderweise mehr Zeit zum Nachdenken über die richtigen Züge benötigten als unter Placebo-Behandlung. Das wiederum führte dazu, dass sie bei Betrachtung aller 3.059 analysierten Partien unter Stimulantien-Behandlung nicht mehr Spiele gewannen als unter der Placebo-Behandlung. Wenn man jedoch nur die 2.876 Partien analysierte, die innerhalb der 15 Minuten auch tatsächlich entschieden wurden, zeigte sich, dass die Probanden unter Methylphenidat und Modafinil, nicht aber unter Koffein, mehr Partien gegen das Schachprogramm gewannen als unter Placebo-Behandlung. Das lässt vermuten, dass Schachspiel-Leistungen mit Methylphenidat und Modafinil verbessert werden können, wenn die Schachspieler nicht unter Zeitdruck stehen bzw. in der Lage sind, sich ihre Zeit in den 15-minütigen Kurzpartien gut einzuteilen.

Die überraschenden Ergebnisse zeigten erstmals, dass auch hochkomplexe kognitive Fähigkeiten, wie sie beim Schachspiel nötig sind, durch die Stimulantien Methylphenidat und Modafinil verbessert werden können. Offenbar sind die Probanden unter Stimulantieneinfluss eher in der Lage, Entscheidungsprozesse vertieft zu reflektieren. Damit bieten sich Hinweise, dass Hirndoping im Schachsport durch die Stimulantien Methylphenidat und Modafinil möglich ist. Allerdings müssen die Studienergebnisse von anderen Arbeitsgruppen repliziert werden, bevor definitive Aussagen über das Doping-Potential durch Stimulantien im Schachspiel gemacht werden können.

 

Risiken und Nebenwirkungen für Schachspieler

Wegen der Risiken und Nebenwirkungen und der für Gesunde nicht erlaubten Einnahme der rezeptpflichtigen Substanzen sowie nicht zuletzt aufgrund eines unfairen Verhaltens beim Schachspiel, warnen die Forscher vor der Einnahme der Substanzen. Darüber hinaus fordern sie die entsprechenden Stellen auf, konsequent Schritte für mehr Doping-Kontrollen im professionellen Schachsport zu unternehmen.

Originalstudie:

Franke, A. G.,et al., Methylphenidate, modafinil and caffeine for cognitive enhancement in chess: A double- blind, randomized controlled trial. European Neuropsychopharmacology (2017),http://dx.doi.org/10.1016/j.euroneuro.2017.01.006

Share.

About Author

Rainer Müller

Comments are closed.