Gibt es ein biologisches Alter von 120 bis 140 Jahren?

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Seit Jahrzehnten weisen Wissenschaftler darauf hin, dass der Mensch unter Umständen ein biologisches Alter von 120 bis 140 Jahren erreichen könnte.

Altern ist ein multifaktorieller Vorgang, der über biologische und demographische Parameter definiert ist. Man versteht darunter die zeitliche Zunahme des Risikos zu versterben – bei gleichzeitig fortschreitender Beeinträchtigung zellulärer, organischer und systemischer Funktionen.

 

Mechanismen des Alterns

Vom Standpunkt der Biologie aus betrifft das Altern den Einzelorganis­mus, der das Überleben der unsterblichen Keimzellen von Generation zu Generation sichert. Hat das Soma – die Gesamtheit der Körperzellen – die Sicherung der genetischen Information geleistet, so ist ein weiteres Über­leben des Individuums für die Erhaltung der Art nicht mehr notwendig. Manche Autoren in der Alternsforschung sprechen deshalb von einem Wegwerf­soma.

Im Gegensatz zur Entwicklungsbiologie ist Altern ein nicht gerichteter Prozess im Sinne eines genetischen Programms. Es ist bedingt durch ein Leben über die Garantiezeit des Körpers hinaus.

Hat das Soma – die Gesamtheit der Körperzellen – die Sicherung der genetischen Information geleistet, so ist ein weiteres Über­leben des Individuums für die Erhaltung der Art nicht mehr notwendig.

Die Garantiezeit des Somas ist durch die ökologische Nische, die eine Spezies in freier Wildbahn besetzt, bestimmt und ist durch den Zeitraum definiert, welche eine Spezies zur Fortpflanzung zur Verfügung hat.

Beim Menschen war dies über lange entwicklungsgeschichtliche Zeiten mit der Mitte des 4. Lebensjahrzehnts begrenzt, da mit spätestens 40 Jahren bis zu 3/4 der Bevölkerung verstorben und damit der evolutionäre Selektionsdruck zur weiteren Erhaltung der Fortpflanzungsfähigkeit des Somas nicht mehr gegeben war.

 

Körperliche Funktionen nicht auf Langlebigkeit selektioniert

Körperliche Funktionen sind nicht auf Langlebigkeit unter geschützten Bedingungen, wie sie der selbst domestizierte Mensch der Neuzeit vorfindet, selektioniert.

Funktionsverluste mit der Zeit kommen durch Akkumulation von molekularen Schäden der Zelle zustande. Diese betreffen Bausteine der Zelle wie Proteine, DNA und Lipide.

Für einige dieser Schäden gibt es Reparaturmechanismen (DNA-Reparatur, Proteinturnover…), welche jedoch einen beträchtlichen Energieaufwand erfordern. Dieser Energieaufwand ist jedoch nur auf jenen Zeitraum evolutionär selektioniert, in dem Überlebens- bzw. Fortpflanzungschancen bestanden.

In freier Wildbahn hatten die Vorfahren des heutigen Menschen über lange Zeiträume hinweg durch widrige Lebensumstände eine viel geringere Lebenserwartung und damit auch nur einen kurzen Zeitraum zur erfolgreichen Vermehrung zur Verfügung.

Die bedeutet aber nun, dass der heutige Mensch mit der Genausstattung des Frühmenschen, zwar über Reparatur- und Erhaltungsmechanismen des Somas ausgestattet ist, deren Effizienz jedoch ab dem 4. Lebensjahrzehnt rapide nachlässt. Der Mensch ist in dieser Hinsicht auf seine frühere ökologische Lebensnische selektioniert.

Eine beispielsweise verbesserte DNA-Reparatur, die sich nur auf wenige überlebende Individuen im höheren Alter positiv ausgewirkt hätte, hätte in früheren Zeiten nur Energie­ressourcen verbraucht, welche in feindlicher Umwelt zur Fortpflanzung und zur Aufrechterhaltung der Körpertemperatur notwendig gewesen wären.

Die in ihrer Effektivität unvollkommenen Reparaturmechanismen laufen während des Lebens über die Garantiezeit des Somas weiter, können aber die Akkumulation von Schäden nicht verhindern. Neben den charakteristischen biochemischen enzymatisch gesteuerten und damit umkehrbaren Reaktionen laufen im Körper auch nicht-enzymatische fast irreversible chemische Prozesse ab (Verzuckerung der Proteine, Oxidationen), für die es keine oder nur wenig effiziente Reparatur- und Abbaumechanismen gibt. Die Schäden durch Umwelteinflüsse wie chemische Noxen (Zellgifte in Nahrung und Luft) und physikalische Belastungen (radioaktive Strahlung, Wärme, Scherkräfte, UV-Strahlung) sowie zelluläre Strukturen/Mechanismen die sich erschöpfen (z.B. Telomere) betreffen die wichtigsten Bausteine und damit auch funktionelle Strukturen der Zelle DNA, Proteine und Lipide.

Daneben gibt es intrinsische schädigende Prozesse der Zelle, z.B. die Schädigung von Mitochondrien durch die Sauerstoffradikale aus der Zellatmung (oxidativer Stress). Vor diesem allgemeinen Hintergrund der evolutionären, molekularen und zellulären Ursachen der Alterung, ergibt sich ein anderes Bild der Wertigkeit einzelner Gewebe, Organe und Steuerungssysteme für das Altern und der Möglichkeiten des Eingriffs Alterungsprozesse aufzuhalten oder zu modulieren.

Es gibt einige Theorien des Alterns, die einzelne Regulations- oder Schutzsysteme wie das Hormonsystem oder das Immunsystem in das Zentrum zur Beeinflussung des Alterungsprozesses rücken, es wird jedoch darauf vergessen, dass das Altern ein multifaktorieller Vorgang ist, wobei funktionelle Veränderungen z.B. im Hormonsystem nur Ausdruck zellulärer/molekularer Schäden sind.

 

Biologisches Alter von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich

Biologisches Alter ist nicht gleich biologisches Alter! Das biologische Alter kann sich bei verschiedenen Personen bereits bei sehr jungen Jahrgängen sehr stark unterschieden und lässt sich auch beeinflussen. In der neuseeländischen Dunedin-Studie, die heuer Ende März im Fachjournal Proceedings der US-nationalen Akademie der Wissenschaften („PNAS“) publiziert wurde, wurden im Rahmen einer fortlaufenden Langzeiterhebung 1037 Menschen aus der neuseeländischen Stadt Dunedin von ihrer Geburt bis zu ihrem 38. Lebensjahr regelmäßig gesundheitlich und psychologisch untersucht.

Als überraschendes Ergebnis zeigte sich, dass ein biologisches Alter von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sein kann: von 30 bis über 60 Jahren.

Erhoben wurden Werte zur Nieren- und Lungenfunktion sowie der Leber und des Immunsystems, weiters wurden die Arteriosklerose, die Herzfitness und die Länge der Telomere – die Chromosomenenden, die sich im Alter verkürzen – gemessen.

 

Biologisches Alter und Arteriosklerose

Wenn nur die biologisch notwendige Arteriosklerose auftritt, dann könnte der Mensch sein genetisch vorprogrammiertes biologisches Alter von 120 bis 140 Jahren erreichen. Vor zehn Jahren ließen in diese Richtung gehende Äußerungen des deutschen Herzspezialisten Prof. Dr. Rainer Gladisch aufhorchen.

Dass die zu Grunde liegenden Mechanismen von Altern und Krankheit oft die gleichen sind, zeige sich etwa bei jenen beiden Prozessen, die im Zentrum der Alterungsvorgänge stehen: Der Entstehung einer altersbedingten Arterio­sklerose („Physiosklerose“) und der Verlust von Muskulatur („Sarkopenie“).

Der unabwendbare und altersbedingte Prozess der Arterio­sklerose wird durch einen ungünstigen persönlichen Lebensstil so weit beschleunigt, bis eine krankhafte Arteriosklerose entsteht. Im Idealfall pendelt sich im Körper ein Gleichgewicht zwischen der Bildung neuer Freier Radikale und ihrer Beseitigung ein.

Faktoren wie besonders fettreiche Ernährung, Zigarettenrauch, Fettstoffwechselstörungen, Diabetes mellitus oder Gicht können dieses Gleichgewicht jedoch stören und so zu einem Übergewicht der Freien Radikale führen. Das führt zu andauerndem oxidativen Stress in den Blutgefäßen und damit zur Beschleunigung der Arteriosklerose bis hin zum Verschluss von Gefäßen.

Bedeutsam für ein möglichst hohes biologisches Alter sind auch regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen, um problematische Entwicklungen rechtzeitig zu diagnostizieren, gegenzusteuern und gegebenfalls suffizient zu behandeln.

 

Problem Muskelschwund und biologisches Alter

Muskelschwund kann gleichsam natürlich, altersgemäß voranschreiten, oder durch den Lebensstil verstärkt werden. Grund für den natürlichen ­Muskelschwund können Veränderungen im Hormonhaushalt sein.

Bei älteren Personen wird weniger Wachstumshormon ausgeschüttet, wodurch ein Anreiz zur Bildung von neuen Muskelzellen fehlt. Hinzu kommt noch, dass auch die Fähigkeit zur Zellteilung mit der Zeit abnimmt. Beschleunigt wird dieser Prozess durch fehlende Beanspruchung des Bewegungsapparates.

Der Körper zerstört und rezykliert Zellen, die nicht benötigt werden, und spart so Energie. Dementsprechend lautet der allseits bekannte Ratschlag, um den physiologischen Muskelschwund zu bremsen: Use it or loose it!

 

Biologisches Alter und viele Theorien

Trotz der jüngsten Fortschritte in der Molekularbiologie und Genetik sind die Geheimnisse zur menschlichen Lebenserwartung und ein mögliches maximales biologisches Alter schwer zu untersuchen.

Es gibt zahlreiche Theorien, um den Alterungsprozess zu erklären, aber keine scheint wirklich völlig zufriedenstellend zu sein.

Durch das Verständnis und die Überprüfung aller bestehenden aber auch neuen Alterungstheorien kann es möglich werden, ein gesundes Altern zu fördern und ein höheres biologisches Alter zu erreichen. Jedenfalls muss man die Hoffnung auf ein sehr langes Leben wie Methusalem niemals aufgeben, der ja bekanntlich 969 Jahre alt wurde.

Biologisches Alter im Blickpunkt und Quellen unter:

Mechanismen des Alterns. Univ.-Prof. Dr. Peter Berger. MEDMIX 03/2005

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2995895/

http://www.pnas.org/content/112/30/E4104.abstract

http://www.britannica.com/science/aging-life-process

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