Evidenzbasierte Phytotherapie bei Erkältung

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Die Phytotherapie – der Einsatz hochwirksamer pflanzlicher Arzneimittel – bietet eine wirksame und sichere Alternative bei viralen Infekten.

Häufigste Ursachen einer Erkältung – einer akuten Infektion der Schleimhaut von Nase (einschließlich der Nebenhöhlen), Hals und/oder Bronchien – sind Virusinfektionen. Sie verursachen hohe gesamtwirtschaftliche Kosten und sind für einen großen Anteil am Gesamtantibiotika-Verbrauch der Bevölkerung verantwortlich. Allerdings bringen Antibiotika bei viralen Infekten keinen Nutzen, können Nebenwirkungen verursachen und sind überdies für die Zunahme resistenter Keime verantwortlich (Abb. 1). Hier bietet die Phytotherapie mit pflanzlichen Arzneimitteln eine wirksame und sichere Alternative.

Abbildung 1: Gefahr Antibiotikaresistenzen: Phytotherapie – wirksame und sichere Alternative

Abbildung 1: Gefahr Antibiotikaresistenzen: Phytotherapie – wirksame und sichere Alternative

Es gibt über 200 Arten von Viren, die eine Erkältung auslösen können (z.B. Rhinoviren oder Coronaviren), wobei eine starke Häufung im Winter zu beobachten ist. Die Vielzahl an Viren erklärt, warum wir mehrmals im Jahr an einer Erkältung erkranken können. Von diesen häufigsten Infektionen bei Menschen sind Kinder im Vorschulalter in besonderem Ausmaß betroffen. Die Ansteckung mit dem Virus erfolgt meist durch eine Tröpfcheninfektion, z.B. beim Sprechen oder Husten.

 

Stadien einer Erkältung

Eine Erkältungserkrankung durchläuft verschiedene Stadien und ist mit unterschiedlichen Symptomen verbunden. Erste Anzeichen wie v.a. Halsschmerzen und Schluckbeschwerden beginnen meist ein bis zwei Tage nach der Infektion. Kurz darauf tritt oft eine Entzündung der Nasenschleimhäute auf: Die Nase „rinnt“, man hat Schnupfen. Oft kommen im späteren Verlauf noch Kopf- und Gliederschmerzen hinzu. Viele Betroffene fühlen sich matt und abgeschlagen, die Lebensqualität ist massiv beeinträchtigt. Das Auftreten von Fieber ist möglich. Etwa ab dem sechsten Tag kann sich auch Husten entwickeln, der zunächst trocken, später auch produktiv sein kann. Bei unkomplizierten Verläufen klingen die Beschwerden in der Regel innerhalb von etwa neun Tagen ab.

 

Atemwegserkrankungen und Antibiotika?

Wenn die Erkältungswelle kommt, denken viele Menschen: „Jetzt helfen nur noch Antibiotika.“ Dies ist jedoch eine massive Fehleinschätzung, denn fast alle Erkältungen werden durch Viren verursacht – und gegen diese Krankheitserreger sind Antibiotika machtlos, sie wirken nur gegen Bakterien. Das bedeutet: Antibiotika helfen gegen Erkältungen fast nie, sie verursachen jedoch oft Nebenwirkungen wie Durchfall, Ausschlag oder Übelkeit.

Eine Erkältung mit einem Antibiotikum zu behandeln, ist nur dann sinnvoll, wenn zusätzlich zur Virusinfektion noch eine zweite Infektion durch Bakterien – eine sogenannte bakterielle Superinfektion – erfolgt ist. Dies ist jedoch nur in rund fünf Prozent aller ursächlich viral bedingten Atemwegsinfekte der Fall. So ist etwa eine akute bakterielle Rhinosinusitis normalerweise eine sekundäre Infektion, die aus einer durch einen akuten viralen Infekt verursachte Verengung oder Verlegung der Nasennebenhöhlen resultiert (1).

Eine aktuelle Metaanalyse von vier Studien bei insgesamt 1.314 Kindern bis zu fünf Jahren mit Infekt der oberen Atemwege belegt eindrucksvoll, dass die Verwendung von Antibiotika keinen vorbeugenden Schutz vor der Entstehung einer Mittelohrentzündung oder Lungenentzündung bietet (2).

 

Phytotherapie mit hochwirksamen und sicheren Phytopharmaka

Zur Behandlung von Atemwegserkrankungen ist die Phytotherapie mit pflanzlichen Arzneimitteln besonders gut geeignet, weil die verwendeten Pflanzen bzw. die daraus gewonnenen Zubereitungen nicht nur eine einzelne Wirksubstanz (wie etwa bei einem synthetischen Arzneistoff) enthalten, sondern immer eine Mischung vieler Substanzen, einen „Arzneistoffcocktail“. Je nach Pflanzenart finden sich darin immunstimulierende, entzündungshemmende, antibakterielle, antivirale, sekretolytische, d.h. schleimverflüssigende, oder reizmildernde Stoffe. Diese Kombination bewirkt in ihrer Gesamtheit die gewünschten positiven Effekte.

 

Phytotherapie – Nachweis der Wirksamkeit

Zur Phytotherapie von Erkältungserkrankungen steht eine breite Palette zugelassener pflanzlicher Arzneimittel zur Verfügung. Ihre Wirksamkeit wird von Kritikern immer wieder angezweifelt – völlig zu Unrecht. Denn: Für jedes hierzulande auf dem Markt befindliche Arzneimittel – unabhängig ob synthetischer oder pflanzlicher Natur – muss laut österreichischem Arzneimittelgesetz und gemäß internationalen Richtlinien der Nachweis der Wirksamkeit, der Unbedenklichkeit und der pharmazeutischen Qualität in der definierten Indikation erbracht sein. Grundsätzlich gibt es für pflanzliche Arzneimittel verschiedene Formen der Zulassung, jeweils beruhend auf wissenschaftlicher Evidenz.

  • Neuzulassung: Für die Zulassung eines völlig neuen Präparates müssen doppelblinde, randomisierte klinische Studien sowie pharmakologische und toxikologische Studien durchgeführt werden.
  • Well established use („Allgemeine medizinische Verwendung“): Diese Form kann für Wirkstoffe angewendet werden, die bereits mindestens zehn Jahre auf dem Markt sind und deren Patentschutz abgelaufen ist. Für solche Arzneistoffe existieren bereits publizierte klinische Studien, für die Zulassung kann auf diese bibliographischen Daten zurückgegriffen werden. Unbedenklichkeit und pharmazeutische Qualität müssen belegt werden.
  • Traditional use: Für sogenannte traditionelle Arzneimittel sind keine klinischen Studien zur Registrierung erforderlich. Sie müssen über einen Zeitraum von mindestens 30 Jahren in Anwendung stehen, davon mindestens 15 Jahre in der Europäischen Union. Das heißt, dieses Arzneimittel wurde über einen langen Zeitraum in dieser Form zur Behandlung bestimmter Krankheiten verwendet. Die Wirksamkeit hat sich als plausibel erwiesen und es wird auf diese medizinische Erfahrung vertraut. Die Unbedenklichkeit wird meist ebenso über bibliographische Daten nachgewiesen, nötigenfalls auch noch durch zusätzliche Tests gestützt. Die pharmazeutische Qualität ist zu belegen.

 

Fazit. Gut geprüfte, evidenzbasierte Phytopharmaka haben ihren festen Platz im Arzneimittelsortiment. Wirksamkeit und Sicherheitsaspekte sind in klinischen, teilweise randomisierten und placebokontrollierten Studien wissenschaftlich überprüft bzw. die Plausibilität der Wirksamkeit in der traditionellen Anwendung erwiesen. Bei Erkältungsinfekten ist in jedem Fall der frühzeitige Einsatz der Phytotherapeutika wichtig. Bei unkomplizierten Verläufen können sie auch ohne ärztliche Verordnung angewendet werden. Vor allem bei anhaltendem Fieber, Atemnot, Kopfschmerzen oder Nackensteifigkeit sollte jedoch in jedem Fall ein Arzt konsultiert werden.

Univ.-Prof.i.R. Mag.pharm. Dr. Dr.h.c. Brigitte Kopp

Univ.-Prof.i.R. Mag.pharm. Dr. Dr.h.c. Brigitte Kopp

Quelle:

Statement » Evidenzbasierte Phytotherapie im Kampf gegen Viren & Co. « von Univ.-Prof.i.R. Mag.pharm. Dr. Dr.h.c. Brigitte Kopp, Vizepräsidentin der HMPPA, Vorstandsmitglied der ÖGPhyt – ( www.phytotherapie.at/ ), Department für Pharmakognosie, Universität Wien 

 

Literatur:

(1) European Position Paper on Rhinosinusitis and Nasal Polyps. W. Fokkens et al. EPOS Guidelines Rhinol. Suppl. 2005;18:1.

(2) Galvã MG et al. „Antibiotics for preventing suppurative complications from undifferentiated acute respiratory infections in children under five years of age”, Cochrane Database Syst Rev. 2016 Feb 29;2:CD007880. doi: 10.1002/14651858.CD007880.pub3.

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