Ernährungsmedizin zu Gluten und Co.

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Die Ernährungsmedizin beschäftigt sich zunehmend mit scheinbar gesunden glutenfreien Ernährung und immer häufigere Diagnosen von glutenbedingten Erkrankungen.

In dem letzten Jahrhundert stieg der Konsum von Getreideprodukten – insbesondere aus Weizen – in unserer westlichen Ernährung stetig an und mit ihm auch die Anzahl der Menschen, die Unverträglichkeiten gegenüber Weizen oder anderen Getreidearten, wie Gerste, Roggen oder Dinkel, entwickeln. Als mögliche Ursache wird zum einen die Hochzüchtung der modernen Getreidesorten und dem damit verbundenen Anstieg des Glutengehaltes sowie anderer Bestandteile diskutiert. Zum anderen führt auch eine zunehmend detaillierte Beschreibung der Patientencharakteristika und deren Beschwerdebilder in Fachzeitschriften zu Ernährungsmedizin sowie das zunehmende öffentliche Interesse an einer scheinbar gesunden glutenfreien Ernährung zu einer zunehmenden Diagnose von glutenbedingten Erkrankungen.

 

Zöliakie, Weizenallergie und Nicht-Zöliakie-Nicht-Weizenallergie-Weizensensitivität

Dabei unterscheidet die Ernährungsmedizin derzeit drei Formen: die immunologisch vermittelte Zöliakie, die Weizenallergie (IgE- und nicht IgE-vermittelt) und eine relativ neu definierte Form der Nicht-Zöliakie-Nicht-Weizenallergie-Weizensensitivität (NZNWWS), auch Gluten- oder Weizensensitivität genannt. So gibt es trotz Ausschluss einer Zöliakie und einer Weizenallergie Betroffene, die ebenfalls nach dem Verzehr von Getreideprodukten intestinale und extraintestinale Beschwerden entwickeln und nach einer glutenarmen Eliminationsdiät deutliche Symptomlinderung verspüren, was bei derzeit steigender Prävalenz auch zunehmend in der Laien- wie auch in der Fachpresse präsentiert wird.

Im Gegensatz zur Zöliakie treten die Beschwerden bei Gluten- bzw. Weizensensitivität meist schon kurz nach der Aufnahme von glutenhaltigen Lebensmitteln innerhalb weniger Stunden auf und bessern sich innerhalb von Tagen bis wenigen Wochen nach Einhaltung einer glutenfreien Diät.

Die Symptome einer Gluten- bzw. Weizensensitivität ähneln sehr denen einer Zöliakie. Nach dem Verzehr von glutenhaltigen Lebensmitteln können dabei sowohl intestinale Beschwerden, wie abdominelle Schmerzen, Blähungen, Diarrhöen und/oder Verstopfungen oder Mundaphten, als auch unspezifische extraintestinale Beschwerden, wie Müdigkeit, Muskelkrämpfe, Gelenkschmerzen, Hautausschläge, Kopfschmerzen, Depression oder Taubheitsgefühle der Extremitäten auftreten.

Im Gegensatz zur Zöliakie treten die Beschwerden meist schon kurz nach der Aufnahme von glutenhaltigen Lebensmitteln innerhalb weniger Stunden auf und bessern sich innerhalb von Tagen bis wenigen Wochen nach Einhaltung einer glutenfreien Diät.

Hat die Ernährungsmedizin zu Beginn vor allem Gluten als Ursache verdächtigt, so ist dessen Rolle als alleiniger Auslöser mittlerweile umstritten, da es Hinweise gibt, dass auch andere Weizenbestandteile für die Symptomatik verantwortlich sein können. Dies könnten zum einen die in hohen Konzentrationen im Weizen vorkommenden Amylase-Trypsin-Inhibitoren (ATI) sein, welche bereits als Stimulanzien des angeborenen Immunsystems nachgewiesen wurden. Sie kommen vor allem in den modernen und hochgezüchteten Getreidesorten vor, in denen sie zur Resistenz der Pflanzen gegen Schädlinge und Parasiten beitragen. Aber auch andere in Weizen und verwandten Getreidesorten vorkommende Proteine könnten Auslöser für entzündliche Symptome sein. Interessant ist dabei, dass dies von der jeweiligen Getreidequelle abzuhängen scheint und auch hier vor allem die modernen Getreidesorten als Auslöser im Fokus stehen.

Neben den Proteinen stehen auch Kohlenhydrate, insbesondere die sogenannten FODMAP (fermentierbare Oligo-, Di-, Monosaccharide und Polyole) im Verdacht, zumindest teilweise für die Beschwerden mitverantwortlich zu sein. Diese kurzkettigen Kohlenhydrate – darunter Laktose, Fruktose oder Sorbit – werden im Gastrointestinaltrakt nur geringfügig absorbiert und können durch ihren osmotischen Effekt sowie ihre Fermentation durch die intestinale Mikroflora und die daraus resultierenden Gase und kurzkettigen Fettsäuren die Darmfunktion erheblich beeinflussen.

 

FODMAP verursachen gastrointestinale Symptome

Insbesondere bei Patienten mit Reizdarmsyndrom oder Kohlenhydratmalabsorptionen, aber auch bei gesunden Personen – wenn in größeren Mengen eingenommen – verursachen FODMAP gastrointestinale Symptome wie Blähungen, Flatulenz, Diarrhöen, abdominelle Schmerzen oder Erbrechen. Interessant ist hierbei, dass gerade glutenhaltige Nahrungsmittel aus Weizen, Roggen und Gerste gleichzeitig auch einen hohen Anteil an FODMAP (z. B. Polyfructane, ein bis vier Prozent im Weizen) enthalten, sodass wir deren Einfluss auf den Verdauungstrakt nicht unbeachtet lassen dürfen.

So will die Ernährungsmedizin auch das Mikrobiom als Ursache nicht außer Acht gelassen werden, denn es zeigten sich schon bei verschiedenen Patientenkollektiven mit Zöliakie, chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen oder auch Reizdarmsyndrom eine Verschiebung der Darmflora im Vergleich zu Gesunden. Aufgrund des Fehlens eindeutiger Biomarker stellt die Glutensensitiviät bisher eine reine Ausschlussdiagnose dar. So kann sie nur nach Abklärung verschiedener Differentialdiagnosen, insbesondere Zöliakie und Weizenallergie, gestellt werden.

 

Einführung einer glutenfreien Diät

Für eine Glutensensitivität sprechen dabei eine klinische Besserung der Symptome nach Einführung einer glutenfreien Diät, eine negative Zöliakie-spezifische Serologie, eine nahezu normale duodenale Histologie (Marsh 0-1) sowie negative IgE-Tests auf spezifische Antigene. Nach dem Verzehr von Glutenhaltigen Lebensmitteln sollte es bei den Betroffenen relativ rasch zu einem Auftreten von typischen intestinalen und/oder extraintestinalen Symptomen kommen, wobei besonders die intestinalen Beschwerden nach einer Glutenelimination zeitnah wieder abklingen.

Obwohl die bisherige Studienlage über Nicht-Zöliakie-Nicht-Weizenallergie-Weizensensitivität sehr gering ist, scheint eine glutenfreie Diät für eine erfolgreiche Behandlung der Symptome auszureichen. Die strikte Einhaltung, wie im Fall einer Zöliakie, ist hierbei vermutlich nicht notwendig. Außerdem scheint die Vermeidung von FODMAP-reichen Nahrungsmitteln bei einigen Nicht-Zöliakie-Nicht-Weizenallergie-Weizensensitivität-Patienten ebenfalls einen positiven Effekt auf das Beschwerdeprofil auszuüben und stellt somit eine weitere mögliche Therapieoption dar.

Quelle: Vortrag von Professor Dr. med. Yurdagül Zopf; Bereichsleiterin Klinische und Experimentelle Ernährungsmedizin, Fachärztin für Innere Medizin an der Medizinischen Klinik I, Universitätsklinikum Erlangen im Rahmen der PK zur MEDICA EDUCATION CONFERENCE 2015

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