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MEDMIX 05/2009

MEDMIX 05/2009
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Zur Diagnose und Therapie von Essstörungen: Ein gendersensibler Fokus
Essstörungen – eine psychosomatische  »Frauenkrankheit«? Trotz einer leichten Zunahme in der männlichen Bevölkerung sind 90 bis 95% der an Essstörungen Erkrankten weiblich! In Österreich ist jede 15. Frau zumindest einmal in ihrem Leben betroffen. (Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich um vieles höher.) Sowohl die individuelle Entwicklungs- und Lebensgeschichte sowie auch die soziokulturellen Rahmenbedingungen sind Indikatoren im Leben, die gesellschaftliche Ideale und Normen abbilden und die in der Werbung bizarre Blüten treiben.


Psychosoziale Gründe für die Entstehung

Den Hintergrund bildet unsere Überflussgesellschaft. Die Errungenschaften der Emanzipation und sexuellen Revolution stellen die Frauen in ein Spannungsfeld multipler Anforderungen. Ernährung und Nahrung ist nach wie vor Frauensache. So sollen sie andere gut ernähren, selbst aber dem Schönheitsideal androgyn bis kachektisch entsprechen, was dem Körperbau der Mehrzahl der Frauen widerspricht. Dennoch wird suggeriert, dass dieser Körper mit genügend Disziplin zum gängigen Ideal geformt und gestylt werden könnte. Studien zeigen die demotivierende und selbstwertschwächende Wirkung von Bildern (scheinbar) makelloser Frauenkörper auf Mädchen und junge Frauen. Mit oft enormer Anstrengung versuchen Frauen, den divergierenden Rollen-Erwartungen zu entsprechen. Mutter und entspannte Geliebte, Karriere und gute Hausfrau, Selbstverwirklichung und Seelentrösterin sollen unter einen Hut gebracht werden. „Wenn ich nur dünn genug bin, bin ich schöner, begehrenswerter, es wird es mir besser gehen und ich werde glücklich(er) sein!“
Die Zahl der 8- bis 10-jährigen Mädchen mit Diäterfahrung ist erschreckend hoch. Wesentliche Einflüsse zur Genese von Essstörungen wurzeln in der individuellen Geschichte der Patientinnen. In der Pubertät und den jungen Erwachsenenjahren, wenn sich der bis dahin dem Schönheitsideal noch entsprechende Mädchenkörper drastisch wandelt, treten Essstörungen meist erstmals auf. In dieser spannungsreichen Lebensphase
der Abnabelung und der Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit (in einem erwachsenen Frauen-Körper) spielt die Atmosphäre in der Familie, deren Haltung zu Essen, Fasten und Schönheit eine tragende Rolle. Die heutige Generation von Müttern, die bereits ebenso mit der Idee „schlank = schön = erfolgreich = glücklich“ groß geworden ist, ist vielfach mit ihrem Körper unzufrieden. Das Thema Nahrung und Diäten, Körperformen und Fitness bestimmt viele Familiengespräche, Lob und Anerkennung bzw. Abwertung. Die frühe Beschäftigung mit »gesunden« Nahrungsmitteln, speziellen medizinischen Diäterfordernissen (Allergien, Diabetes …) begünstigt nachweislich die Entstehung von Essstörungen ebenso wie die schwerpunktbetonte Anerkennung von Disziplin und Leistung. Aber auch ein familiäres Bemühen im kritiklosen Zusammenhalt um Harmonie, ohne (sichtbare) Differenzen und Streit, kann eine Essstörung triggern.
Meist halten sich die Väter vom Thema Essen und Nahrungsmittel fern, fühlen sich nicht zuständig oder nehmen es nicht ernst. So vergeben sie ihre Chance, eine für die Töchter/Frauen wichtige regulierende Sicht einzubringen.
Sexuelle Grenzverletzungen können ebenso eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Essstörungen spielen (die Schätzungen reichen in der Biografie von Frauen mit Essstörungen von ca. 30% bis zu 80% derartiger Vorkommnisse – sicherlich gehäuft bei sehr schweren Formen, v.a. Bulimie oder Binge Eating).


Formen von Essstörungen

Anorexie: Von Anorexie spricht man bei einem absichtlich, durch strenge Nahrungsmittelkontrolle niedrig gehaltenen BMI von unter 18 bzw. bei der Weigerung, altergemäß zuzunehmen. (ICD F 50.1, F 50.2)
Orthorexie: Rigides Einhalten einer limitierten Nahrungsmittelauswahl (meist nach dem Kriterium »gesund, vollwertig«) und Essensregeln, die kein genussvolles oder spontanes Essen möglich machen – mit einer tendenziell zunehmenden Res­triktion. Ähnlich einem ano­rektischen Verhalten kann es auch zur Abmagerung kommen, allerdings werden von den Patientinnen gesundheitliche Gründe für ihr Verhalten angeführt und nicht der Wunsch nach »Dünnsein«. Die Störung hat einen stark zwanghaften Charakter und kann auch bei Normalgewicht und aufrechter Menstruation diagnostiziert werden. (ICD: F 50.2)
Bulimie: Essanfälle mit anschließendem Erbrechen oder Kompensation der Essanfälle durch Abführmittel oder zeitweiliges Fasten bzw. übertriebene sportliche Betätigung. Weniger als zwei Essanfälle pro Woche und Setzen von kompensatorischen Maßnahmen bereits nach kleinen Nahrungsmengen rechfertigen die Diagnose. (ICD F 50.2, F 50.3)
Die weiteren Ess-Verhaltens-Störungen werden unter dem Begriff »unspezifische Essstörungen« zusammen gefasst. (ICD F 50.8)
Binge Eating Disorder: Essanfälle oder Daueressen ohne kompensatorische Maßnahmen, meist bei übergewichtige Patientinnen: »Psychogene Adipositas«.
Big Eating: betrifft Menschen beiderlei Geschlechts, die viel und genussvoll essen und bedingt durch zuwenig Bewegung meist übergewichtig sind. Die Frauen leiden oft an depressiven Verstimmungen und Gefühlen niedrigen Selbstwerts, da sie nicht dem gesellschaftlich vorgegebenen Schönheitsideal entsprechen.
Latente Essstörung Typ 1: Jahrelanges restriktives, gezügeltes Essverhalten (Dauerkontrolle, Diäten) ohne längere Phasen unkontrollierten Essens, Dauerbeunruhigung und -beschäftigung bezüglich Gewichtszunahme und Körperformen.
Latente Essstörung Typ 2: Jahrelanger Wechsel zwischen niedrigkalorischen Diäten und anschließender Wiederaufnahme des vordiätischen Essverhaltens, wobei oft ein Binge-ähnliches Verhalten mit Gewichtszunahme (JoJo-Effekt) zu beobachten ist.
Mischformen sind häufig. Bei der Diagnose Essstörung sollte immer die Frage nach Alkohol-, Medikamentenund/oder Drogenkonsum gestellt werden, um die Behandlungsschritte in der richtigen Abfolge zu setzen. Liegt z.B. ein aktueller Alkoholmissbrauch vor, ist dieser vorrangig zu behandeln. Bei bulimischem Verhalten ist häufig eine Koppelung mit substanzgebundenen Süchten oder selbstverletzendem, risikoreichem Verhalten zu beobachten, welche im Zuge der Behandlung und Besserung der Essstörung in den Vordergrund treten können.
Allen Essstörungen gemeinsam ist die ständige Beschäftigung mit Nahrung, die einen großen Teil der Lebensenergie bindet: Gedanken, Zeit und Kraft werden auf das ständig präsente Thema Körper, Essen und Nicht-Essen verwendet. Starke Schuldgefühle entstehen durch Nicht-Einhalten der selbst vorgegebenen Regeln, das Gefühl für Hunger und Sattsein geht verloren und zwischen körperlichem Hunger und seelischen Bedürfnissen kann nicht mehr differenziert werden.


Therapie

Manchmal sind Essstörungen nur vorübergehende Zeichen einer Krise und geben sich nach kurzer Zeit von selbst. Wenn sie länger als einige Monate anhalten (oder die Gewichtsab oder -zunahme in kürzerer Zeit dras­tisch ist), besteht jedoch Handlungsbedarf. In klinischen Studien wurde nachgewiesen, dass Essstörungen langfristig am besten mittels psychotherapeutischer Behandlung (gegebenenfalls mit medikamentöser Unterstützung durch Psychopharmaka) geheilt werden können, vo­rausgesetzt die Betroffenen sind genügend motiviert, um diese Hilfe annehmen zu können.
Ziel ist die Etablierung eines neuen Verhältnisses zum Essen, zum eigenen Körper und der eigenen Person. Zu Beginn einer Therapie erleben sich dicke Menschen als dünner als sie tatsächlich sind und dünne meist als zu »fett«.
Die Essstörung als Warnsignal zeigt an, dass mit dem Leben der Frau etwas nicht stimmt. Essstörungen sind der fehlgeschlagene Versuch, sich den verschiedenen Anforderungen anzupassen: Bulimikerinnen können dabei ihre geheime Unzufriedenheit und Wut herauskotzen oder Binge Eaterinnen mit Essen die sonst nicht vorhandene Zuwendung holen. So quälend die Beschäftigung mit dem Essen für die Patientinnen auch ist – sie überdeckt die noch größeren »gefährlicheren« Themen. Essstörungen wurzeln im Versuch, innere, seelische Probleme und Widersprüche auf einer körperlichen Ebene zu lösen.
Essstörungen weisen zwar häufig Suchtcharakter auf, im Unterschied zu anderen Sucht­erkrankungen kann aber auf das Suchtmittel Essen nicht verzichtet werden. Ziel der Therapie ist daher ein neues, anderes Verhältnis zum Essen.
Als wichtigste Veränderung während des Therapieprozesses geben die Klientinnen ein gebessertes Verhältnis zu sich selbst an. Die energieraubende Beschäftigung mit dem Thema Essen nimmt ab, das frei werdende Zeitpotenzial kann anderweitig genutzt werden. Hauptthemen sind die Entwicklung der Fähigkeit, eigene Interessen durchzusetzen, Aggressionen und Wut wahrzunehmen, Distanzbedürfnisse anzuerkennen und dem Wunsch nach Nähe adäquat Ausdruck zu verleihen.
Die Kooperation ÄrztIn/PsychotherapeutIn ist im Falle von Essstörungen besonders wichtig, da die körperliche Komponente der Krankheit eine nicht zu unterschätzende Einflussgröße ist. Die Diagnoseerstellung wird durch die nicht transparenten Begleit­umstände erschwert. Das Ausbleiben der Regelblutung als Leitsymptom kann durch hormonelle Verhütung verwischt werden. Unter dem Vorwand, sich ausschließlich »gesundheitsbewusst« zu ernähren, können die PatientInnen oft lange um ihre Problematik herumreden.
Besonders bei schwereren Ausprägungen der Störungsbilder ist eine gute Kooperation zwischen Arzt/Ärztin und PsychotherapeutIn unabdingbar (regelmäßige Blut/Herz/Kreislauf-Kontrolluntersuchung und Monitoring der Gewichtszunahme/stabilität). Tückisch sind die dabei oft lange Zeit unauffälligen (Blut-) Werte und spezielle körperliche Begleiterscheinungen wie Herzmuskel- und Nierenprobleme, Osteoporose etc. wird oft nicht gescreent. Ist der Verlauf der Krankheit schon weit fortgeschritten, so empfiehlt sich häufig eine längere (4–8 Wochen) stationäre Behandlung in dafür spezialisierten Einrichtungen mit anschließender längerfristiger ambulanter Psychotherapie und ärztlicher Kontrolle.

Dr. Brigitte Schigl
Psychotherapeutin,
Klinische Psychologin und Gesund­heits-Psychologin,
1020 Wien und 3500 Krems

Prof. Helene Breitschopf
Biomedizinische Analytikerin
und Medmixautorin

Webtipps:
www.fgz-kaernten.at
www.essstoerungshotline.at
www.esstoerungen.cc

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