Cholesterinsenker-Verschreibung: Nutzen und Schaden abwägen

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Letztendlich vermeiden Cholesterinsenker nur bei wenigen Personen einen Herzinfarkt oder einen Hirnschlag. Doch jeder kann an potenziellen Nebenwirkungen erkranken.

Cholesterinsenker wie Statine bekommen auch gesunde Personen, die keine Herz-Kreislauferkrankung haben, verschrieben. Dies geschieht nämlich dann, wenn sie gewisse Risikofaktoren aufweisen. Jedoch wird der Einsatz der Cholesterinsenker zur Primärprävention unter Experten seit Jahren kontrovers diskutiert.

«Letztendlich wird dadurch nur bei wenigen Personen ein Herzinfarkt oder ein Hirnschlag vermieden. Aber alle Personen können potentiell Nebenwirkungen durch Cholesterinsenker erleiden», sagt Milo Puhan, Professor für Epidemiologie und Public Health an der Universität Zürich.

 

Systematische Untersuchungen für Leitlinien fehlen

Um eine Empfehlung für die Einnahme von Cholesterinsenker wie Statine abzugeben, errechnen Ärzte anhand verschiedener Risikofaktoren wie beispielsweise Cholesterinspiegel, Bodymassindex und Rauchen, wie hoch das Risiko einer Person ist, in den nächsten 10 Jahren einen Herzinfarkt oder Hirnschlag zu erleiden.

Viele medizinische Richtlinien raten, ab einem Risiko von 10% mit der Einnahme der Cholesterinsenker zu beginnen. Es gibt aber sogar Richtlinien, die dies schon ab einem Risiko von 7.5% empfehlen. Hingegen setzt eine Schweizer Hausärzte-Vereinigung den Schwellenwert bei 20% an.

Gemäss solcher Empfehlungen, die meist von kardiologischen Gesellschaften verfasst sind, müssten über ein Drittel aller 40- bis 75-Jährigen präventiv Cholesterinsenker einnehmen. Weltweit wären dies Hunderte Millionen von Menschen.

Laut Puhan wurden jedoch bisher Nebenwirkungen wie Muskelschmerzen, Grauer Star, Leberschäden oder Diabetes bei der Erstellung von Richtlinien kaum berücksichtigt. «Die Schwellenwerte wurden von den Experten ohne systematische Untersuchungen so festgelegt.»

 

Nutzen und Schaden gegeneinander abwägen

Dementsprechend sollten Ärzte eine gute Balance zwischen Nutzen und schädlichen Nebenwirkungen finden. Das ist allerdings auch eine grosse Herausforderung bei der Entwicklung von Empfehlungen zur vorbeugenden Cholesterinsenker-Gabe. Deshalb hat Prof. Milo Puhan mit seinem Team vom Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention der UZH nun erstmals eine umfassende statistische Modellierung dazu durchgeführt.

Die Forscher sammelten dazu systematisch all jene Daten aus der gesamten Fachliteratur, die den Nutzen und die Nebenwirkungen einer präventiven Statine-Einnahme dokumentierten. Zudem befragten sie gesunde Personen, welche Bedeutung Herzinfarkte, Hirnschläge und bestimmte Nebenwirkungen für sie haben. Damit wollten sie auch die Perspektive der Patienten in das Modell einfliessen lassen.

Anhand dieser Informationen berechneten die Wissenschaftler dann neue Schwellenwerte für Männer und Frauen in verschiedenen Altersgruppen zwischen 40 und 75 Jahren. Zudem verglichen sie den Nutzen und die Nebenwirkungen von vier häufig eingesetzten Statinen.

 

Viel zu vielen Menschen werden Cholesterinsenker verschrieben

«Es hat sich gezeigt, dass Statine heute wohl deutlich zu häufig empfohlen werden», fasst Puhan die Ergebnisse der Studie zusammen. Er schätzt, dass neu errechneten Schwellenwerte die Zahl der Menschen, die eine Cholesterinsenker-Empfehlung erhalten, halbieren könnte.

Vor allem für Senioren wurde der Nutzen der Cholesterinsenker bis jetzt anscheinend stark überschätzt. Für die Altersgruppe der 70 bis 75-Jährigen errechnete das Modell einen Schwellenwert von etwa 21%. Das heisst, erst ab einem 21%-igen Risiko, in den nächsten 10 Jahren einen Herzinfarkt oder Hirnschlag zu erleiden, überwiegt der Nutzen der Statine gegenüber den Schäden durch mögliche Nebenwirkungen. Für 40 bis 45-jährige Männer und Frauen lag der Schwellenwert mit 14% beziehungsweise 17% etwas niedriger.

Weiters stellten die Forscher fest, dass zwei der vier untersuchten Statin-Präparate, nämlich Atorvastatin und Rosuvastatin, eine deutlich bessere Balance von Nutzen und Schaden aufwiesen, als die beiden anderen – Simvastatin und Pravastatin.

Angesichts dieser Resultate empfiehlt Puhan allen betroffenen Personen, ihr persönliches Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen sowie mögliche Nebenwirkungen gemeinsam mit ihren Hausärzten sorgfältig abzuwägen. Letztendlich sollte man sich erst dann für oder gegen eine vorbeugende Einnahme von Statinen entscheiden.

Literatur:

Henock G. Yebyo, MSc; Hélène E. Aschmann, MSc; and Milo A. Puhan. Finding the Balance Between Benefits and Harms When Using Statins for Primary Prevention of Cardiovascular Disease – A Modeling Study. Annals of Internal Medicine. Published December 3, 2018.
http://annals.org/aim/article/doi/10.7326/M18-1279

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