Blutfettwerte: Männer und Frauen variieren auffällig

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Mittels moderner Analysemethoden wie der Massenspektrometrie entdeckten Forscher, dass Männer und Frauen auffällig in punkto Blutfettwerte variieren.

Ein Fünftel aller Deutschen weist Fettstoffwechselstörungen auf, an deren Folgen durch Herzinfarkt und andere Gefäßerkrankungen etwa die Hälfte aller Menschen stirbt. In einer Studie an jungen gesunden Männern und Frauen haben Forscher der Medizinischen Klinik und Poliklinik 3 des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus und des Max-Planck-Instituts für Molekulare Zellbiologie und Genetik jetzt in Dresden herausgefunden, dass sich Männer und Frauen wesentlich stärker in punkto Blutfettwerte unterscheiden als bisher angenommen. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe der bei „nature“ erscheinenden Scientific Reports.

Bei einem Teil der Männer zeigten die Analysen darüber hinaus, dass bereits noch normale Blutfettwerte mit frühen Anzeichen eines gestörten Fettstoffwechsels einhergehen, die die Gefahr einer späteren Gefäßschädigung in sich trugen. Dramatische Veränderungen der Blutfettwerte wurden bei Frauen durch die Einnahme oraler Kontrazeptiva beobachtet, die auf eine Reizung der Leberzellen zurückzuführen war. Der Einsatz moderner Analysentechnik soll in Zukunft dazu dienen, Veränderungen der Blutfettwerte frühzeitig zu erkennen, um Schäden an Gefäßen und Organen effizient vorbeugen zu können.

 

Aktuelles Analyseverfahren für Blutfettwerte ungenau

Reicht aber die Bestimmung von Cholesterol und Triglyceriden im Blut aus, um das individuelle Risiko zu erkennen? Was sind die molekularen Grundlagen von Fettstoffwechselstörungen? Das sind die Fragen, mit denen sich derzeit Professor Jürgen Gräßler, Leiter des Bereiches für Pathologische Biochemie der Medizinischen Klinik 3 an der TU Dresden, befasst. Er sagt: „Mittels moderner Analysemethoden wie der Massenspektrometrie lassen sich heute bereits schon mehr als 280 verschiedene Fettmoleküle im Blut bestimmen. Unklar ist allerdings noch, welche dieser Moleküle die wichtigen Informationen über Krankheitsentstehung und deren Verlauf liefern.“ Um diese Frage beantworten zu können, ist die Definition eines „gesunden Blutfettmusters (Lipidoms)“ von entscheidender Bedeutung.

Genau jener Problemstellung widmeten sich Forschungsgruppen der Medizinischen Klinik und Poliklinik III des Universitätsklinikums Dresden unter der Leitung von Klinikdirektor Professor Stefan R. Bornstein und Professor Jürgen Gräßler, in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlerteams des Dresdener Max-Planck-Instituts für Molekulare Zellbiologie und Genetik unter der Leitung von Dr. Andrej Shevchenko, und der Firma „Zora Biosciences“ aus Finnland.

Umfangreiche klinische und klinisch-chemische Untersuchungen zum Ausschluss jeglicher Art von Begleiterkrankungen wurden durchgeführt, um eine homogene Population gesunder junger Frauen und Männer zu etablieren, die sich für die Bestimmung einer normalen biologischen Variabilität, der Untersuchung von Geschlechtsunterschieden und generellen Einflussfaktoren auf die Blutfettwerte eignete. Das erste und in diesem Umfang unerwartete Ergebnis war, dass sich 112 der 281 gemessenen Blutfettmoleküle hochsignifikant zwischen Frauen und Männern unterschieden. Für neu zu planende Untersuchungen der Blutfettwerte bedeutet das strikte separate Analysen für Frauen und Männer, die durch statistische Verfahren gemischtgeschlechtlicher Untersuchungsgruppen allein nicht realisiert werden können.

 

Überraschend: „Pille“ hat negativen Einfluss auf Blutfettwerte

Eine weitere Überraschung, so Professor Gräßler: „Nach einer gesonderten Auswertung der Blutfettprofile von Frauen, die orale Kontrazeptiva einnahmen, haben wir plötzlich gesehen, dass die bisher stoffwechselmäßig als harmlos angesehenen Präparate doch eine Auswirkung auf den Fettstoffwechsel haben. Es kam zu auffälligen Veränderungen, die auf eine Reizung der Leberzellen und einer damit einhergehenden allgemein erhöhten Entzündungsaktivität schließen lassen.“ Persönliche Berichte von Frauen, die nach Beginn der Einnahme von Kontrazeptiva über eine Zunahme des Körperfetts klagten, stützen diesen Befund. Der gravierende Effekt der oralen Kontrazeption auf die Blutfettwerte ist ein zentrales Einflussmoment, das bei künftigen Studien unbedingt Beachtung finden muss.

Eine grundlegend neue Erkenntnis ergab sich aus der Charakterisierung einer Subpopulation von Männern, die sich nach komplexen mathematischen Analysen, die am Biotechnologischen Zentrum der TU Dresden (BIOTEC) durch die Gruppe für Biomedizinische Kybernetik unter Leitung von Dr. Carlo V. Cannistraci durchgeführt wurden, herauskristallisiert hatte. Diese Gruppe von Männern, die circa 20 Prozent aller untersuchten Männer ausmachte, zeichnete sich durch Veränderungen der Blutfettwerte aus, wie sie in wesentlich stärkerer Ausprägung bei Patienten mit metabolischem Syndrom beobachtet werden. Bemerkenswert dabei ist besonders, dass diese Männer zu diesem Zeitpunkt einen normalen Body-Mass-Index und normale (klinisch-chemische) Blutfettwerte hatten. Die biochemische Signatur für das metabolische Syndrom ist demzufolge lange vor dessen klinischer Ausprägung vorhanden. Auch bei den Frauen war diese Konstellation erkennbar, allerdings deutlich seltener.

Diese aktuelle Untersuchung belegt, dass durch die Kombination von systematischer, anspruchsvoller klinischer Arbeit mit ausgefeilter analytischer Technik im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit eine wesentliche Vertiefung unseres Wissens zum Fettstoffwechsel erreicht werden konnte, die eine weitreichende Wirkung für zukünftige Untersuchungen haben wird.

Ergebnisse in Scientific Reports:
Susanne Sales, Juergen Graessler, Sara Ciucci, Rania Al-Atrib, Terhi Vihervaara, Kai Schuhmann, Dimple Kauhanen, Marko Sysi-Aho, Stefan R. Bornstein, Marc Bickle, Carlo V. Cannistraci, Kim Ekroos & Andrej Shevchenko: Gender, Contraceptives and Individual Metabolic Predisposition Shape a Healthy Plasma Lipidome; in: Scientific Reports 6, Article number: 27710 (2016), doi:10.1038/srep27710

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