Blinddarmentfernung und geringeres Parkinson-Risiko hängen zusammen

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Menschen, bei denen vor Jahrzehnten eine Blinddarmentfernung durchgeführt wurde, haben ein geringeres Parkinson-Risiko, aber wahrscheinlich keine Kausalität.

Als Ursache der Parkinson-Erkrankung wird die Ablagerung des Proteins Alpha-Synuclein in Nervenzellen diskutiert. Es bilden sich sogenannte Lewy-Körperchen in den Nervenzellen, die vor allem aus Ablagerungen dieses Proteins bestehen und zum Absterben von Gehirnzellen führen. Nun deuten Untersuchungsergebnisse darauf hin, dass Menschen mit Blinddarmentfernung anscheinend ein geringeres Parkinson-Risiko haben.

 

Blinddarm und Parkinsonrisiko stehen in Zusammenhang, aber eine mögliche Kausalität ist nicht bewiesen

Schließlich zwei große epidemiologische Studien („Swedish National Patient Registry“ und „The Parkinson´s Progression Markers Initiative“) zeigte, dass Menschen, bei denen vor Jahrzehnten eine Blinddarmentfernung durchgeführt wurde, ein geringeres Parkinson-Risiko haben. Als Assoziationsstudie kann die Erhebung aber keine Kausalität (Ursache-Folge-Beziehung) nachweisen.

Für eine Blinddarmentfernung zur Parkinson-Prophylaxe gibt es somit keinen Anlass. Die Studie liefert aber neue Ansätze für die Entwicklung zukünftiger Biomarker und Therapieansätze. Somit könnte sie durchaus einen Meilenstein im Kampf gegen die Parkinson’sche Erkrankung darstellen.

 

Die Forscher fanden doppelt so viel Alpha-Synuclein in der Appendix von Parkinson-Patienten

Insgesamt analysierten die Forscher die Daten von fast 1,7 Millionen Menschen ab 1964 – davon 551.647 mit Blinddarmentfernung. Von denen, die keinen Wurmfortsatz mehr hatten, erkrankten 644 an Parkinson, was einer Rate von 1,6 Betroffenen pro 100.000 Patienten entsprach. Demgegenüber lag die Erkrankungsrate in der Gruppe derer, die mit Appendix leben, mit 1,98 pro 100.000 Menschen signifikant höher.

Auch zeigte die Studie, dass die Parkinson-Diagnose bei denen, die sich 20 Jahre oder noch weiter zuvor einer operativen Entfernung des Wurmfortsatzes, einer sogenannten Appendektomie beziehungsweise Blinddarmentfernung, unterzogen hatten, 1,6 Jahre später gestellt wurde als bei den nicht Nicht-Operierten. Die Blinddarmentfernung war also mit einem späteren Einsetzen der Parkinson-Erkrankung assoziiert.

Die Studienautoren fanden heraus, dass sich auch im Appendix vermiformis krankheitsauslösendes Alpha-Synuclein anhäuft, sowohl bei gesunden Menschen wie auch bei Parkinson-Patienten. Dieser Befund wurde in unabhängigen Studien schon für den gesamten Enddarm gezeigt. Die Hypothese von Heiko Braak, einem einflussreichen deutschen Neuroanatomen, besagt, dass dieses pathologische Alpha Synuclein über den Nervus Vagus ins Gehirn einwandert und dort die Krankheit auslöst.

Das Fazit der jetzigen Studie lautete daher, dass der Blinddarm eine mögliche Rolle bei der Entwicklung des Morbus Parkinson spielen könnte. Bei den an Parkinson erkrankten Menschen war in der Studie doppelt so viel monomeres Alpha-Synuclein in der Appendix gefunden worden wie bei den gesunden Studienteilnehmern. Auffällig war auch, dass Parkinson-Patienten einen vierfach erhöhten Spiegel einer verkürzten Form des Alpha-Synuclein in der Appendix aufwiesen.

 

Vorsorgliche Blinddarmentfernung bedeutet, 250.000 bis 300.000 Menschen operieren, um möglicherweise einem Patienten die Diagnose Parkinson zu ersparen

„Die Schlussfolgerung zu ziehen, alle Menschen vorsorglich zu appendektomieren, wäre voreilig und gesundheitspolitisch nicht zu vertreten. Der Unterschied zwischen den Gruppen betrug in der Studie 0,38 Erkrankungsfälle pro 100.000 Menschen (1,6 vs. 1,98 Betroffene pro 100.000). Das bedeutet, man müsste 250.000 – 300.000 Menschen vorsorglich operieren, um möglicherweise am Ende einem Patienten die Diagnose Parkinson zu ersparen“, erklärt Professor Dr. Dr. h.c. Günther Deuschl, Kiel.

Ob man diesem einen Menschen die Parkinsondiagnose wirklich ersparen kann, ist zudem unsicher, denn die Studie war lediglich eine Assoziationsstudie. Sie zeigte, dass das Risiko, an Parkinson zu erkranken, bei Menschen, die sich einer Blinddarmentfernung unterzogen hatten, geringer war.

Sie liefert aber keinen wissenschaftlichen Nachweis dafür, dass auch der Umkehrschluss gilt. Dass eben eine Blinddarmentfernung eine Parkinsonerkrankung verhindern oder verzögern kann. Man kann aber angesichts der benötigten Fallzahlen realistischerweise keine prospektive, randomisierte, kontrollierte Interventionsstudien durchführen.

 

Studie liefert neue Ansätze für Biomarker und Therapietargets

Die vorliegende Studie bewertet Prof. Deuschl dennoch als höchst aufschlussreich. „Sie eröffnet Perspektiven für eine verbesserte Diagnostik und Therapie – und somit ein spannendes, weites Forschungsfeld. Möglicherweise können wir mit Hilfe dieser Erkenntnisse neue Biomarker finden, wie zum Beispiel bestimmte Alpha-Synuclein-Aggregate im Wurmfortsatz, die möglicherweise einen Morbus Parkinson vorhersagen können, ähnlich wie bei Kolon-Biopsien. Auch gilt es zu erforschen, ob solche Aggregate zukünftige Therapietargets darstellen könnten. Insofern könnte diese Studie durchaus einen Meilenstein im Kampf gegen Parkinson darstellen.“

Literatur:

Publikation Killinger BA et al. (2018): The vermiform appendix impacts the risk of developing Parkinson’s disease. Sci Transl Med. 2018 Oct 31;10(465).http://stm.sciencemag.org/content/10/465/eaar5280

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Neurologie – www.dgn.org

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