Zahlreiche Nebenwirkungen von Bettruhe

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Bettruhe bei älteren Menschen hat zahlreiche, wenig beachtete Nebenwirkungen, die weit über die allgemein beachtete Thromboemboliegefahr hinausreichen.

Schon innerhalb der ersten 48 Stunden treten Nebenwirkungen einer Bettruhe mit großer Regelmäßigkeit und hoher Signifikanz auf, eine Plateauphase wird erst nach drei bis sechs Wochen erreicht. Alle unerwünschten Auswirkungen der Bettruhe auf den Gesamtzustand des Patienten kann man als Immobilisationssyndrom zusammenfassen. Unter Studienbedingungen sind alle untersuchten Organsysteme von Bettruhe nachteilig betroffen. Der Nachweis (EBM) von positiven Wirkungen ist bisher ausständig!

Im Herzkreislaufsystem kommt es – neben der oben angesprochenen Thromboembolieneigung – durch massive Verschiebungen der intravasalen Flüssigkeit in den venösen Schenkel mit beträchtlichem extravasalen Pooling und deutlich vermindertem venösen Rück­strom zu einem Anstieg der Ruheherzfrequenz innerhalb von 48 Stunden und später zu ausgeprägter Dekonditionierung.

Nach Bettruhe tritt eine hochsignifikante Zunahme von Orthostasereaktionen auf. Interessanterweise gehen die sys­tematisch erforschten Erfolge in der komplexen medikamentösen und invasiven Herzinfarktbehandlung seit den 1960er Jahren mit einer ständig kürzer werdenden Bettruhephase einher. Diese hat sich von mehreren Wochen auf einige Stunden verkürzt, ist jedoch selbst kein Zielparameter in Studien. Verminderte thorakale Atemexkursionen im Liegen führen zu Minderbelüftung in den dorsokaudalen Lungenarealen mit einer signifikant erhöhten Atelektasehäufigkeit und zunehmender Pneumoniefrequenz mit Dauer der Bettruhe. Die Sauerstoffsättigung in Ruhe nimmt ab.

Komplizierend tritt die erhöhte Regurgitationshäufigkeit bzw. das Auftreten von Schluck­störungen mit konsekutiver Aspiration, mitverursacht durch abgeschwächte Hustenreflexe, hinzu. Das Hauptaugenmerk dieser Übersicht möchte ich auf die oft unbeachteten, dramatischen Auswirkungen der Bettruhe auf das muskuloskelettale System legen.

 

Muskelmasse- und Maximalkraftverlust

Aus zahlreichen rezenten Studien, die zum Teil im Auftrag der Raumfahrt durchgeführt wurden, kann man folgende Aussagen aggregieren: Der Muskelmasseverlust im Liegen ist besonders ausgeprägt in der Antigravitationsmuskulatur der unteren Extremität.

Je distaler der Muskel, desto größer die Verminderung des Muskelquerschnitts durch Bettruhe. Dies reicht von etwa 0,25 % pro Tag im Muskulus quadriceps femoris und glutäal bis zu 0,8 % pro Tag im Muskulus triceps surae!

Der funktionell viel bedeutendere, in klinischen Studien gut dokumentierte Maximalkraftverlust der unteren Extremität beträgt im Mittel 1–5% pro Tag! Diese Werte wurden unter optimaler Ernährung bei jungen Probanden gemessen!

Bei geriatrischen Patienten werden diese Befunde durch Appetitverlust, vor allem für Fleisch, und die sehr häufig nachweisbare Eiweißmangelernährung aggraviert. Schließlich muss berücksichtigt werden, dass die Muskelkraft­reserve für Verrichtungen des täglichen Lebens bei jungen Probanden zwischen 20 und 35% liegt, bei geriatrischen Patienten jedoch Muskelkraftreserven von teilweise unter 5% gefunden werden.

Dies bedeutet konkret, dass 48 Stunden Bettruhe einen bis dahin selbständigen, gebrechlichen älteren Mitbürger zum pflegeabhängigen, geriatrischen Patienten machen können, weil er nach der Bettruhephase nicht mehr genug Kraft hat, um seinen Alltag selbständig zu bewältigen.

In großen Studien mit über 1.000 Probanden korreliert die Häufigkeit von Bettruhephasen direkt und hochsignifikant mit der Sterblichkeit – bei sonst identischen Ausgangsbedingungen in einem selbständig lebenden Kollektiv. In Knochen, Knorpeln und kollagenem Bindegewebe von Bändern und Kapseln sowie deren Insertionsstellen am Knochen treten rasch erstaunlich große Veränderungen durch Bettruhe auf. Diese außergewöhnliche Beschleunigung der Ab- und Umbauvorgänge trägt wesentlich zur Vermehrung von Osteoporose, aber auch zur Verminderung der Belastbarkeit von kollagenen Skelettstrukturen dar.

Bei Erstmobilisation nach Bettruhe treffen also verminderte Belastbarkeit aller Anteile des Skeletts, verminderte Kraft und vermehrte Orthostase sowie Dekonditionierung zusammen. Außerdem zeigt sich die neuromuskuläre Koordination nach Bettruhe regelmäßig deutlich beeinträchtigt. Dies resultiert in einem signifikant erhöhten Sturzrisiko und vergrößerten Frakturraten nach Immobilisation.

 

Auswirkungen von Bettruhe auf die Psyche

Die Auswirkungen von Bettruhe auf die Psyche des Patienten sind gut untersucht. Die allgemeine Stimmungslage verschiebt sich klar in den depressiven Bereich, die Orientierung nimmt auch bei jungen, gesunden Probanden deutlich messbar ab und frontale Verhaltensstörungen nehmen zu. Der Tag-Nacht-Rhythmus verschiebt sich häufig und kann sich umkehren. Eigenaktivitäten nehmen ab, es besteht eine zunehmende Rückzugstendenz. Psychotische Reaktionen häufen sich. Bettruhe führt zu deutlicher Herabsetzung der Schmerzschwelle.

Ab 48 Stunden strenger Bettruhe berichten mehr als 50% der gesunden, jungen Probanden über starke Schmerzen in der LWS und im lumbosacralen Übergang. Auch traditionell »harte Indikationen« für Bettruhe wurden in den letzten Jahren massiv in Frage gestellt. Weder kann bei Abortus imminens das Outcome durch Bettruhe verbessert werden noch treten nach Lumbalpunktion weniger Kopfschmerzen auf, wenn in den ersten 24 Stunden danach Bettruhe eingehalten wird.

Wenn man die Perspektive wechselt und über Rehabilitation nach bzw. von der Bettruhe nachliest, dann findet man, dass alle negativen Auswirkungen der Bettruhe, sofern sie überlebt werden, reversibel sind. Dies dauert jedoch erstaunlich lange.

Ein Tag Bettruhe erfordert je nach Studie zwei bis sieben Tage Rehabilitation (!) Studien zur Vermeidung der Auswirkungen von Bettruhe auf Knochen, kollagene Gewebe und Muskulatur zeigen, dass sowohl Maximalkrafttraining der Antigravitationsmuskulatur als auch Vibrationstraining effektiv sein können. Die Bettruhe wird unter optimierter, vor allem eiweißreicher Ernährung wesentlich besser vertragen.

 

Empfehlungen

  • Verordnen Sie Bettruhe nur sehr zurückhaltend!
  • Sorgen Sie für eine ausreichende Eiweißzufuhr.
  • Wenn möglich, versuchen Sie, den Patienten wenigstens 2–3x täglich kurz einer Belastung gegen die Schwerkraft auszusetzen, z. B.: auf das WC gehen, aufstehen zum Waschen oder zum Essen.
  • Bedenken Sie das sehr hohe Sturz- und Frakturrisiko alleine durch Bettruhe, und eine mögliche Potenzierung durch weitere Grunderkrankungen, daher Vorsicht bei der Remobilisierung nach Bettruhe!
  • Beachten Sie, dass schon 48 Stunden Bettruhe bei einem sarkopenischen, geriatrischen Patienten zu andauernder Pflegeabhängigkeit führen können und eine Entlassung für Wochen unmöglich machen kann.
  • Bettruhe selbst kann Ursache von Schmerzen und Verwirrtheit sein! 

Quelle und weitere Informationen:

Das Immobilisationssyndrom – Bettruhe hat zahlreiche, wenig beachtete Nebenwirkungen. Dr. Gerhard Vavrovsky. MEDMIX 1-2/2008

 

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About Author

Dr. Darko Stamenov

MEDMIX-Redaktion, Projektleiter, AFCOM Digital Publishing Team

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